Auf dem Rangierbahnhof Limmattal werden pro Arbeitstag 3500 Wagen rangiert. Hunderte mehr wären möglich, denn die Kapazitätsgrenze liegt bei 5000 Wagen.

Mit dieser Information schafft der Zürcher Regierungsrat etwas Klarheit in der Frage, ob der 100 Hektaren grosse Rangierbahnhof heute überdimensioniert ist und folgedessen wenigstens teilweise aufgegeben werden könnte. Das frei werdende Land – so wird im Limmattal mittlerweile spekuliert – würde nämlich neue Möglichkeiten für die Entwicklung der Region schaffen.

Wohnungen statt Eisenbahnwagen

Genau diese Intention verfolgten die Kantonsräte Josef Wiederkehr (CVP, Dietikon) und Pierre Dalcher (SVP, Schlieren) mit ihrer Anfrage an die Regierung: Kann das grosse SBB-Areal zwischen Dietikon und Spreitenbach nicht besser genutzt werden?

Auf dem riesigen Gebiet des Rangierbahnhofs Limmattal liesse sich Wohnraum für 17 000 Personen schaffen und damit eine Stadt mittlerer Grösse aufbauen. Dies sei eine Chance für den Raum Zürich, wo verzweifelt nach Wohnlagen gesucht wird. Der gewünschte Nebeneffekt: Mit dem Rangierbahnhof würde eine Lärmquelle verschwinden, die in Dietikon, Spreitenbach, Oetwil und Geroldswil bisweilen für schlaflose Nächte sorgt.

Doch die Antwort der Zürcher Regierung ist mit Vorsicht zu geniessen. Ihren Angaben zufolge ist der Rangierbahnhof zu 70 Prozent ausgelastet, seine Aufhebung sei deshalb nicht zu rechtfertigen, glaubt der Regierungsrat.

Das Problem: Er stützt sich in seiner Antwort auf die Grossterminalstudie des Bundesamts für Verkehr aus dem Jahre 2012. Diese ist aber überholt. Aus der Terminalkonferenz vom letzten Dezember zwischen der Transport- und Logistikbranche und den SBB ging eine neue Strategie hervor – massiv nach unten korrigiert wurden auch die viel zu hohen Wachstumsprognosen der SBB, was den Containertransport anbelangt.

Rückgang von 37 Prozent

Die SBB selbst gaben im Januar auf Anfrage der Limmattaler Zeitung an, dass die jährliche, im Rangierbahnhof rangierte Menge an Wagen stark zurückgegangen ist. Im Jahr 2000 wurden gut 830 000 Wagen abgefertigt, 2013 waren es noch etwas über 520 000. Das ist ein Rückgang von 37 Prozent. Über die Auslastung wollten die SBB keine Angaben machen.

Nimmt man 520 000 Wagen pro Jahr als Berechnungsgrundlage, beträgt der Tagesumsatz an Eisenbahnwagen viel weniger als die vom Regierungsrat angegebenen 3500. Nimmt man dann die vom Regierungsrat angegebenen 5000 Wagen als Höchstmenge, sinkt die Auslastung auf einen Wert von um die 50 Prozent – wohl eher darunter. Bemerkenswert ist: Obwohl der Rangierbahnhof 1978 fertig ausgebaut wurde und die Wirtschaft seither stark gewachsen ist, konnte die Infrastruktur nicht ausgelastet werden.

Diese Rechnungen verdeutlichen: der Rangierbahnhof ist heute viel zu gross bemessen und er war es schon 1978. In der Konsequenz bedeutet dies: Die SBB lassen an bester Zentrumslage Millionen unbenutzt liegen.

Die Bundesbahnen wollen den Boden nicht der Immobilienspekulation preisgeben, wie sie in den vergangenen Jahren immer wieder deutlich gemacht haben. Die Frage ist allerdings: Wie lange noch, denn der Siedlungsdruck treibt die Preise nach oben. Hektarenweise Land ungenugtzt zu lassen, rechnet sich auf lange Sicht nicht.

Herzstück der SBB

Der Rangierbahnhof ist noch immer von strategischer Bedeutung für die SBB. Vom Limmattal aus werden auf 64 Richtungsgleisen nämlich Güter in Zugkompositionen gebündelt und an die Zielorte in der ganzen Schweiz transportiert. Der Rangierbahnhof Limmattal ist das Herzstück im SBB-Gütertransport.

Ihn an einen anderen Ort in der Schweiz zu verlegen, betrachten die SBB als aussichtslos. Zu gross wäre allerorten der Widerstand. Sie nehmen im Limmattal also lieber einen zu grossen als andernorts einen zu kleinen Rangierbahnhof in Kauf.

Die Regierungsrat sagt in der Antwort auf Wiederkehrs und Dalchers Anfrage, dass er die Entwicklungen auf SBB- und Armasuisse-, aber auch Post-Arealen verfolge und in eigene strategische Überlegungen einbeziehe. Konkreter äussert sich der Regierungsrat zum Thema Reduktion des Rangierbahnhofs nicht.

Der Grund scheint klar: Erst kürzlich hatte Volkswirtschaftsdirektor Ernst Stocker (SVP) die Wichtigkeit der Logistikinfrastruktur für den Wirtschaftsraum Zürich betont.

Diese Zurückhaltung ärgert Kantonsrat Dalcher. Er wirft der Regierung vor, sich hinter dem Bund zu verstecken und sich für die Zürcher Bevölkerung zu wenig einzusetzen. Auch Kantonsrat Wiederkehr glaubt: «Der Regierungsrat scheint sich zu wenig bewusst zu sein, über welches Potenzial das Geländes des Rangierbahnhofs verfügt.»

Druck auf Rangierbahnhof

Doch auch ohne eine Unterstützung der Regierung nimmt der politische Druck auf die SBB zu. Zuletzt haben Limmattaler Kantonsräte, so Hanspeter Haug (SVP, Weiningen) und Andreas Wolf (Grüne, Dietikon) anlässlich der Richtplandebatte von Anfang März im Kantonsrat gefordert, auf dem Rangierbahnhof den Lärmschutz zu verbessern und die Landschaft aufzuwerten.

Nun tritt gar das Komitee «Gateway: so nicht!» auf den Plan. Mit seinen über 1300 Mitgliedern aus dem Limmattal bekämpfte es bislang das Container-Umschlagterminal Gateway. Das Projekt beim Rangierbahnhof wurde letzte Woche von den SBB beerdigt. Gut möglich, dass das Komitee sich nun den Rangierbahnhof vorknöpft. Bereits fordert es eine Reduktion der Gleise.

Im Jahr 1896 krachten in der Stadt Dietikon Böllerschüsse, der Bevölkerung war zum Feiern zumute. Die Schweizerische Nordostbahn hatten soeben entschieden, auf dem Gelände des heutigen Rangierbahnhofs in Dietikon/Spreitenbach ihre Werkstätten zu bauen - Wettingen erhielt eine Absage. Die Werkstätten hätten der Region dringend benötigte Arbeitsplätze gebracht. Kein Wunder waren viele aus dem Häuschen. Dietikon offerierte der Bahngesellschaft sogar unentgeltlich 200 000 Quadratmeter Bauland. Doch dann wurden die Schweizer Bahnen verstaatlicht und in den SBB zusammengeführt. Der Entscheid von 1896 wurde übergangen. Die Werkstätte wurde schliesslich in Altstetten gebaut, Dietikon ging leer aus. Für viele war das ein Schock. Dann kam in Dietikon die Idee auf, sich als Standort für den schweizerischen Militärflughafen zu bewerben und man investierte wiederum viel Geld, um einen Bundesbetrieb zu bekommen. Doch 1911 wurde Dübendorf belohnt, nicht Dietikon. Kriegsbedingt fand zwischen Dietikon und Spreitenbach dennoch einige Jahre lang ein militärischer, dann ziviler Flugbetrieb statt. 1969 war aber auch damit Schluss. Der Waffenplatz (heute in Birmensdorf) und ein Montagewerk von General Motors (ging nach Biel) hätten ebenfalls zwischen Dietikon und Spreitenbach zu stehen kommen sollen, wenn es nach den lokalen Wünschen gegangen wäre. Doch auch diese Ideen zerschlugen sich. Schliesslich erhielt das Limmattal doch noch seinen Bundesbetrieb. 1969 wurde mit dem Bau des Rangierbahnhofs begonnen, der grösste in der Schweiz und einer der grössten in Europa. 1978 war er fertig ausgebaut. Heute wünschen sich die Limmattaler Gemeinden, sie hätten auch beim dritten Anlauf keinen Bundesbetrieb erhalten. Lärmklagen und der Siedlungsdruck machen den Rangierbahnhof zu einem umstrittenen Betrieb. (jk)Quelle: «Dietikon - Stadtluft und Landgeist», 2003.   Bild: Das Flugfeld in Spreitenbach, wo heute der Rangierbahnhof steht.

Im dritten Anlauf erhielt Dietikon den gewünschten Bundesbetrieb – und rauft sich heute die Haare

Im Jahr 1896 krachten in der Stadt Dietikon Böllerschüsse, der Bevölkerung war zum Feiern zumute. Die Schweizerische Nordostbahn hatten soeben entschieden, auf dem Gelände des heutigen Rangierbahnhofs in Dietikon/Spreitenbach ihre Werkstätten zu bauen - Wettingen erhielt eine Absage. Die Werkstätten hätten der Region dringend benötigte Arbeitsplätze gebracht. Kein Wunder waren viele aus dem Häuschen. Dietikon offerierte der Bahngesellschaft sogar unentgeltlich 200 000 Quadratmeter Bauland. Doch dann wurden die Schweizer Bahnen verstaatlicht und in den SBB zusammengeführt. Der Entscheid von 1896 wurde übergangen. Die Werkstätte wurde schliesslich in Altstetten gebaut, Dietikon ging leer aus. Für viele war das ein Schock. Dann kam in Dietikon die Idee auf, sich als Standort für den schweizerischen Militärflughafen zu bewerben und man investierte wiederum viel Geld, um einen Bundesbetrieb zu bekommen. Doch 1911 wurde Dübendorf belohnt, nicht Dietikon. Kriegsbedingt fand zwischen Dietikon und Spreitenbach dennoch einige Jahre lang ein militärischer, dann ziviler Flugbetrieb statt. 1969 war aber auch damit Schluss. Der Waffenplatz (heute in Birmensdorf) und ein Montagewerk von General Motors (ging nach Biel) hätten ebenfalls zwischen Dietikon und Spreitenbach zu stehen kommen sollen, wenn es nach den lokalen Wünschen gegangen wäre. Doch auch diese Ideen zerschlugen sich. Schliesslich erhielt das Limmattal doch noch seinen Bundesbetrieb. 1969 wurde mit dem Bau des Rangierbahnhofs begonnen, der grösste in der Schweiz und einer der grössten in Europa. 1978 war er fertig ausgebaut. Heute wünschen sich die Limmattaler Gemeinden, sie hätten auch beim dritten Anlauf keinen Bundesbetrieb erhalten. Lärmklagen und der Siedlungsdruck machen den Rangierbahnhof zu einem umstrittenen Betrieb. (jk)Quelle: «Dietikon - Stadtluft und Landgeist», 2003.   Bild: Das Flugfeld in Spreitenbach, wo heute der Rangierbahnhof steht.