Dietikon

Poetry-Slam-Künstler Simon Chen: Ein unverblümter Wortakrobat

Simon Chen trumpft auf, wenn seine politischen Inhalte in alltägliche Geschichten verpackt sind. Foto: David Hunziker

Simon Chen trumpft auf, wenn seine politischen Inhalte in alltägliche Geschichten verpackt sind. Foto: David Hunziker

Poetry-Slam-Künstler Simon Chen zeigte, wie Humor mit politischen Statements verknüpft wird. Als Erstes nimmt Simon Chen die Blumenvase vom Tisch und stellt sie aufs Fensterbrett. Um eine unverblümte Darbietung zu garantieren.

«Hat jemand das hier gelesen», fragt Simon Chen in die Runde und hält einen Fetzen einer «Züritipp»-Seite in die Höhe. Der unglücklich verfasste Text zeige schon mal gut, was Poetry-Slam nicht sei: weder werde ein Slam frei vorgetragen noch habe er etwas mit Comedy zu tun.

Lustig ist Chens Darbietung aber allemal. Die in Mundart oder Hochdeutsch vorgelesenen Texte sind reich an Pointen. Schliesslich kürt an einem richtigen Slam das Publikum den besten Poeten, der sich in sechs Minuten zu profilieren hat.

An einem Abend wie dem in Dietikon wird Chen dieser Stress erspart. Da bleibt auch Zeit für ausführliche Einführungen und längere Geschichten wie die detailreiche Schilderung einer quälenden Reise mit dem Nachtzug.

Fusion von Basel und Zürich

Schnell wird aber klar, warum Chen das Comedy-Label so entschieden von sich weist. Wer Chens Texte nur als witzig beschreibt, übersieht seine grösste Stärke:

Poetry Slam ist bei Chen vor allem ein Spiel mit der Sprache. In einem Text, der von der Fusion von Zürich und Basel erzählt, breitet Chen genüsslich aus, wie sich die Kennzeichen der einst verfeindeten Städte verbinden:

Aus dem Basler Teig werden «Luxemläckerli» hergestellt, der «Bögg» im Rhein versenkt, Novartis bereitet abgeschwemmtes Restkokain wieder auf und die neue Tageszeitung heisst nun «Bagi».

Neben vielen unterhaltsamen Absurditäten handeln viele von Chens Texten auch von aktuellen politischen Themen: Aus der Perspektive eines Schweizer Jungen, dem Hochdeutsch als Fremdsprache begegnet, wird die Integration thematisiert.

Im Gegensatz zu seinem Banknachbarn Dragan wird sein Lernprozess nicht als Integration gefördert und keiner hat Verständnis für seine Schwierigkeiten.

Der überbewertete Mani Matter

Stark wirken die politischen Inhalte vor allem, wenn sie in alltägliche Geschichten verpackt sind wie diejenige einer Familie, die vergebens ihr Glück in der Agglo sucht und sich schlussendlich in eine subventionierte Dreizimmerwohnung im Züricher Kreis drei rettet. Eine Geschichte, die auch in Dietikon spielen könnte, wie Chen treffend bemerkt.

In seinem neusten Text wagt Chen eine ungewöhnliche Hommage an den grössten Schweizer Liedermacher aller Zeiten.

Am Stammtisch einer Kneipe sitzt ein angetrunkener Mann und zieht schamlos über Mani Matter her, der seiner Meinung nach masslos überschätzt werde. Dabei schleichen sich aber immer mehr Zitate des Liedermachers in seine Schmährede und unterwandern sie damit gnadenlos.

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