Reisebericht

Plötzlich steht ein Bison hinter dem Bus

Romy Müller und Miro Slezak reisen in vier rund sechsmonatigen Etappen mit dem VW-Bus von Urdorf um die ganze Welt. Derzeit sind sie auf der letzten Etappe unterwegs, auf der sie durch die Nationalparks der USA und dann durch Alaska fahren.

In Amerika gibt es 58 Nationalparks, ein Drittel von ihnen haben wir besucht — und jeder Einzelne war aussergewöhnlich. Der Yellowstone Park steht ganz oben auf unserer Hitliste. Es ist der älteste National Park Amerikas, ja sogar der Welt und mit 10'000 Quadratkilometern Fläche auch einer der grössten.

Bereits 1872 hat man ihn geschaffen, basierend auf dem Gedanken, sehenswerte Landschaften und Naturwunder vor Zerstörung und kommerzieller Ausbeutung zu schützen und gleichzeitig den Bürgern des Landes den (kontrollierten) Zugang zu ermöglichen. Geysire und heisse Quellen sind die Hauptattraktionen, aber auch die reiche Tierwelt lockt viele Besucher an.

Dutzende von Geysiren schiessen ihre Heisswasserfontänen bis zu 55 Meter hoch in den Himmel. Der Old Faithful Geysir ist der zuverlässigste, etwa alle 75 Minuten wird er aktiv. Andere sind weniger berechenbar, sie brechen unregelmässig aus, einige nur ein- bis dreimal im Jahr. Doch das Schauspiel ist immer das gleiche: es zischt und dampft aus einer Öffnung, dann schiesst die Wasserfontäne immer höher und breitet sich aus. Bis zu 20 Minuten kann eine Eruption andauern. Man darf sich nur auf den befestigten Bohlenstegen bewegen, denn die Gefahr von Verbrennungen ist gross.

Eine weitere spektakuläre Attraktion sind die vom kochenden Wasser an die Oberfläche gespülten Mineralien, die den kleinen und grösseren Pools die buntesten Farben verleihen. Wasserfälle, zum Teil mit heissem Wasser, stürzen sich in die Tiefe und Schlammlöcher blubbern stinkend vor sich hin.

Der Park kennt Verhaltensregeln

Im Verhalten mit den Tieren schreibt die Parkverwaltung klare Regeln vor. Die Distanz zu den Bären und Wölfen muss mindestens 90 Meter sein, zu den Bisons
30 Meter. Als wir am Morgen aufstehen und aus dem Auto steigen, grast direkt hinter unserem Bus ein Bisonbulle. Was man machen muss, wenn die Tiere so nah zu uns kommen, hat die Parkverwaltung allerdings nicht festgehalten.

Einst grasten Millionen von Bisons in der amerikanischen Prärie. Sie wurden von den weissen Siedlern fast ausgerottet, einerseits aus Profitgier, anderseits um den Indianern die Lebensgrundlage zu entziehen. Heute sind die Tiere geschützt und ihr Bestand erholt sich langsam. Bereits am ersten Tag haben wir eine Begegnung mit einem Grizzlybär. Nur wenige Meter neben der Strasse frisst er Gras und schaut interessiert auf diesen komischen, orangen VW-Bus, der sich durch die Landschaft bewegt. Auch er scheint von der Regelung, dass 90 Meter Abstand zum Homo sapiens vorgeschrieben sind, nichts zu wissen.

Die Begegnung mit einem Wolf lässt unser Herz höher schlagen. Allerdings posiert er nicht geduldig für ein Foto, sondern verschwindet eiligst zwischen den Bäumen. Man könnte wochenlang hier verbringen, doch wir müssen weiter, unsere Fähre nach Alaska ist gebucht.

Während fünf Tagen durchfahren wir die Inside Passage auf einer Länge von 2620 Kilometern. Das Schiff bietet rund 450 Passagieren und 60 Autos Platz. Die Linie verbindet kleine und grössere Siedlungen, die nur per Schiff oder Wasserflugzeug erreichbar sind, mit der Aussenwelt. Jedes Auto wird mit starken Gurten am Schiffsboden festgezurrt. Das lässt uns nicht auf eine ruhige Fahrt hoffen.

Die knapp zwei Dutzend vierbeiniger Passagiere — vor allem Hunde und einige Katzen — dürfen nicht auf das Deck, sie müssen die ganze Fahrt im Auto bleiben. Viermal täglich dürfen sie von ihren Besitzern während je einer Viertelstunde «besucht» werden. Auf dem überdachten Aussendeck schlagen einige Reisende ihre Zelte auf, andere nächtigen auf Sesseln. Ich bin froh, dass wir eine Kabine ergattert haben — auch wenn diese ziemlich eng ist.

Und dann erleben wir hautnah die Wasserwelt von Südalaska. Die Fähre schlängelt sich zwischen Hunderten von Inseln hindurch, passiert unzählige Fjorde und zwängt sich durch Meerengen und Sunde. Die ersten drei Tage schirmen die Inseln das Schiff von den heftigen Stürmen des Pazifiks ab. Die Inseln sind dicht mit Wald bedeckt. Ab und zu stürzt sich ein Wasserfall über steile Klippen ins Meer. Wir haben gutes Wetter, was für diese Breitengrade nicht selbstverständlich ist.

Stundenlang verweilen wir an Deck, schauen auf das Wasser, entdecken einige Schwertwale und eine Gruppe von Buckelwalen. Weisskopfseeadler gleiten scheinbar mühelos durch die Lüfte. Später sehen wir Gletscher, die direkt ins Meer kalben. Die Inside Passage entpuppt sich als einzigartiges Naturerlebnis. Um Alaska ranken sich viele Mythen und Abenteuergeschichten. Was wird uns in dieser Einsamkeit erwarten?

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