Dietikon war noch ein Dorf als Deutschland am 1. September 1939 Polen überfiel. Der 2. Weltkrieg war ausgebrochen und auch im Limmattal sollten dies die Menschen bald spüren. Nach der Mobilmachung einen Tag nach dem deutschen Einmarsch in Polen rückten etwa 450 000 Schweizer Soldaten zum Aktivdienst ein. Einige von ihnen wurden in Dietikon stationiert. Dadurch verdoppelte sich die Einwohnerzahl vorübergehend auf knapp über 11 000.

«Die Soldaten wurden unter anderem in den Turnhallen untergebracht», erinnert sich Oswald Grendelmeier. Der heute 83-Jährige besuchte bei Ausbruch des Krieges die zweite Klasse. «Auf dem Zentralschulhausplatz fanden damals ständig Übungen und Inspektionen statt», sagt Grendelmeier. Über seine Erinnerungen an diese Zeit wird Grendelmeier zusammen mit zwei weiteren Zeitzeugen an der von der SVP organisierten Jubiläumsfeier «75 Jahre Festung Dietikon» am kommenden Samstag sprechen (siehe Box).

Der Bau der Verteidigungsanlage zwischen dem Zentralschulhaus und dem Kirchplatz war denn auch der Grund dafür, dass so viele Soldaten im Limmattal stationiert waren. Sie wurde 1939/1940 aus dem Boden gestampft und war Teil der sogenannten Limmatstellung. Die Limmatstellung ihrerseits war Teil einer Verteidigungslinie, die sich von Basel bis nach Sargans durchs Mittelland schlängelte. Bis sich die Armee Mitte 1940 ins Réduit, die Alpenfestung, zurückzog, war sie ein bedeutendes Puzzleteil der Schweizer Landesverteidigung. Die Festung Dietikon umfasste zu Kriegszeiten sieben Bunker und 900 Meter Festungsmauer. Unter der Führung von Oberst Alfred Roduner standen 500 Mann Besatzung. 27 Maschinengewehre waren in Stellung gebracht.

Soldaten in der heimischen Stube

Durch die vielen in Dietikon stationierten Soldaten änderte sich das Erscheinungsbild des Dorfes markant. «In ganz Dietikon wurden Militärküchen erstellt, um die Soldaten zu versorgen», erzählt Grendelmeier. Eine davon habe sich in der Nähe des Hofes befunden, den die Familie bewirtschaftete. Das Grundstück sei gegenüber der Krone, auf der anderen Seite der Reppisch, gestanden. «In unserem Stall waren zehn Pferde untergebracht. Sie halfen, Material für die Panzersperren zu transportieren», so Grendelmeier.

Die Soldaten, die als Stallwache abgestellt worden seien, hätten sich in der Militärküche das Essen geholt und in der Stube der Familie Grendelmeier gegessen. «Der Krieg war allerdings nie Thema am Esstisch. Die Soldaten erzählten von ihrem Alltag und auch die Familie sprach über alltägliche Dinge», sagt Grendelmeier. Der Krieg sei zu Beginn weit weg gewesen. Angst habe man nicht verspürt. «Wir sind weiter unseren alltäglichen Geschäften nachgegangen», so Grendelmeier.

Erst als die deutschen Truppen in Frankreich einmarschiert seien und sich die Situation an der Schweizer Grenze verschärft habe, sei so etwas wie Anspannung zu spüren gewesen. Über das Geschehen auf den Kriegsschauplätzen habe man sich damals per Radio informiert. «Wichtigste Informationsquelle war die Sendung Weltchronik von J. R. von Salis. Sie wurde jeweils am Freitagabend ausgestrahlt und lief während des Abendessens», hält Grendelmeier fest.

Harte Zeiten wegen Rationierung

Besonders zu schaffen machten der Bevölkerung in den Folgejahren die Lebensmittelrationierung und die anschliessende Anbauschlacht. «Gerade für jene Leute, die nicht Selbstversorger waren, brachen mit der Lebensmittelrationierung harte Zeiten an», sagt Grendelmeier. Seine Familie sei dank des Hofes grösstenteils von den Rationierungen verschont geblieben. Doch nicht nur die Lebensmittel wurden allmählich weniger, auch das Militär war Anfang der 1940er nicht mehr so präsent in Dietikon. Die Armee zog sich ins Réduit zurück. Bis zum Ende des Krieges dauerte es allerdings noch weitere vier Jahre. «Obwohl wir von Kriegshandlungen verschont blieben, waren wir froh, dass es zu Ende war», sagt Grendelmeier.

Die Verteidigungsanlagen verschwanden allmählich aus Dietikon. Nach dem Krieg wurden die Stellungen teilweise geschleift. Nicht vollständig jedoch. Die Dietiker konnten den Bund dazu überreden, einen Teil des Geldes für den Aufbau der Badi zu verwenden, statt in den Rückbau der Anlagen zu stecken. Noch heute existieren etwa an der Bertastrasse und in der Vogelau Bunkeranlagen, die an den Krieg erinnern.