Im Kanton Zürich ist rund ein Drittel der Bewohnerinnen und Bewohner in Alters- und Pflegeheimen nicht oder nur leicht pflegebedürftig. Dies zeigt eine kürzlich von der Gesundheitsdirektion veröffentlichte Studie. Um den künftigen Bedarf nach Pflegeplätzen zu verringern, möchte der Kanton deshalb bei der Pflege älterer Menschen den Grundsatz «ambulant vor stationär» stärken. Er empfiehlt den Gemeinden, die seit 2011 für die Pflegeversorgung verantwortlich sind, das ambulante Pflegeangebot auszubauen und altersgerechten Wohnraum zu fördern. Die damit beabsichtigte Entlastung der Heime müsste insbesondere für den Bezirk Dietikon interessant sein: Gemäss Studie dürfte hier der Bedarf nach Pflegeplätzen bis 2035 um rund 80 Prozent zunehmen.

Soziale Kontakte nicht vergessen

Schon heute bestehen bei Alters- und Pflegeheimen Wartelisten für einen Platz. So etwa im Alters- und Gesundheitszentrum Dietikon (AGZ), wie Leiter Christoph Schwemmer sagt. Allerdings sei diese Liste in letzter Zeit wesentlich kürzer geworden. Die Ergebnisse der kantonalen Studie treffen auf die Situation im AGZ zu: «Etwa ein Drittel der Bewohner befindet sich in einer relativ tiefen Pflegestufe», sagt Schwemmer. Er relativiert den Befund aber auch: Die Betroffenen seien beim Eintritt ins Zentrum oftmals pflegebedürftiger und ihr Zustand verbessere sich im Verlaufe des Aufenthalts. Trotzdem müsse es das Ziel sein, «die ambulante Pflege auszubauen», sagt Schwemmer. Er fügt aber an, dass für die Pflege zu Hause auch das bauliche Umfeld stimmen müsse: «Es muss deshalb genügend bezahlbare altersgerechte Wohnungen geben.»

Ausserdem dürfe der soziale Aspekt nicht vergessen werden. «Viele ältere Menschen, die zu Hause leben, haben wenig soziale Kontakte. Das trägt ebenfalls zum Entscheid bei, in ein Heim zu ziehen.» Diese Ansicht teilt Elsbeth Liechti, Geschäftsleiterin der RegioSpitex Limmattal. Die Organisation hat mit Dietikon, Schlieren und Urdorf Leistungsvereinbarungen für die ambulante Pflegeversorgung abgeschlossen. «Mit Blick auf die sozialen Kontakte ist es auch für nicht pflegebedürftige Menschen manchmal besser, in ein Heim zu ziehen», sagt Liechti. Denn die mögliche Vereinsamung älterer Menschen, die alleine leben, könne durch die ambulante Pflege und Betreuung nur bedingt verhindert werden. Und soziale Strukturen, wie etwa die Nachbarschaftshilfe, aufzubauen, sei schwierig. «Solche Strukturen müssen wachsen», sagt Liechti. Dennoch begrüsst sie die Empfehlungen des Kantons. «Es braucht manchmal wenig, damit ältere Menschen zu Hause bleiben, statt ins Heim zu gehen.» So sei ein Teil gar nicht auf die Pflegeleistungen, sondern lediglich auf Betreuung und Hilfe im Haushalt angewiesen. «Insbesondere das Angebot in diesem Bereich müsste von der Politik gefördert werden.»

Auch bei den Alterswohnungen sieht Liechti Handlungsbedarf. «Senioren wohnen vielfach in Häusern, die nicht altersgerecht sind und deren Umbau zu teuer wäre.» In Mietwohnungen sei ein solcher oft gar nicht erlaubt. Dies erschwere die ambulante Versorgung. Die Nachfrage danach hat laut Liechti in den vergangenen Jahren trotzdem zugenommen. In dieser Zeit habe sich die ambulante Pflege «gewaltig verändert». «Wir verfügen heute über viel mehr Fachwissen, etwa im Bereich Demenz, Palliativcare oder psychiatrische Betreuung.» Fachlich sei die RegioSpitex bereit für einen Ausbau der ambulanten Pflege.

Eine Herausforderung bei diesem Ausbau sieht Liechti aber bei der Personalsuche. «Im Pflegebereich herrscht derzeit ein Notstand an Fachkräften», sagt sie. Dieser betreffe die Spitex-Organisationen noch stärker als etwa Spitäler oder Heime, «da die attraktive Arbeit bei der Spitex bei Fachpersonen noch zu wenig bekannt ist.»

Senioren besser informieren

Der Urdorfer Sicherheits- und Gesundheitsvorstand Andreas Herren, der für die Gemeinde im Vorstand der RegioSpitex sitzt, sieht bei der Förderung der ambulanten Pflege noch eine andere Herausforderung. «Die Nachfrage danach ist sehr grossen Schwankungen unterworfen.» Bereits heute müsse die öffentliche Spitex ein sehr hohes Leistungsvolumen bereithalten, das aber nicht immer ausgeschöpft werde. «Diese rein über die Nachfrage gesteuerte Situation macht die Planung sehr anspruchsvoll», so Herren. Um sie zu erleichtern, aber auch, um stationäre Pflegeplätze so effizient wie möglich zu besetzen, möchte Urdorf künftig stärker über ambulante und stationäre Pflegeangebote informieren. «Mit einer Anlaufstelle und aufsuchender Informationsarbeit wollen wir älteren Menschen nicht nur aus gesundheitlicher, sondern auch aus sozialer Sicht aufzeigen, welche Form der Pflege für sie geeigneter ist.»

Jörg Stüdeli, Leiter des Dienstleistungscenters von Pro Senectute Kanton Zürich in Schlieren, ortet bei der Information älterer Menschen ebenfalls Verbesserungspotenzial. «Diese Informationsarbeit wurde bislang eher stiefmütterlich behandelt, auch im Hinblick auf die Prävention.» Es könne mehr getan werden, um älteren Menschen eine gesunde Lebensweise zu vermitteln. Dazu beitragen würde, dass sie so lange wie möglich in ihren eigenen vier Wänden leben könnten. «Das entspricht fast immer dem Wunsch der Seniorinnen und Senioren», sagt Stüdeli, der deshalb auch einen Ausbau der ambulanten Versorgung sinnvoll findet.