Zehntenscheune

Plakate und Flyer gegen das «Haus der Bevölkerung» – Dietiker entscheiden an der Urne

Die Zehntenscheue im alten Dietiker Dorfkern: Ihre Ursprünge gehen auf die Zeit um 1600 zurück.

Die Zehntenscheue im alten Dietiker Dorfkern: Ihre Ursprünge gehen auf die Zeit um 1600 zurück.

Am 29. November wird an der Urne ein 4,8-Millionen-Kredit für den Umbau der Zehntenscheune vorgelegt. Die Ortsparteien sprechen sich für das Projekt aus – mit Ausnahme der FDP. Die definitive Parole steht noch aus.

Die Abstimmung über die Zehntenscheune, die saniert und zum «Haus der Bevölkerung» umgebaut werden soll, scheint umstritten zu sein: Zumindest wird seit wenigen Tagen in Dietikon auf anonymen weissen Plakaten und auf Flyern gegen die Vorlage Stellung bezogen. Doch auf offizieller politischer Ebene weht der Vorlage praktisch kein Gegenwind entgegen. Von rechts bis ganz links sprechen sich alle im Parlament vertretenen Ortsparteien für den beantragten 4,8-Millionen-Kredit aus – voraussichtlich aber mit einer Ausnahme.

Denn in der Ratsdebatte hatte sich die FDP-Fraktion gegen das Projekt ausgesprochen. Ob die Partei diese Haltung bestätigt, wird sich am Mittwoch, 18. November, zeigen, wenn die Mitglieder die definitive Parole fassen werden. Es werde eine alte Scheune renoviert, ohne dass ein klarer Zweck ersichtlich sei, lautete ein Argument der FDP-Fraktion.

«Unsensible und unempathische Absicht des Stadtrates»

Der Stadtrat spreche von einem «Haus der Bevölkerung». Davon gebe es aber in Dietikon mehr als zwei Dutzend: mehrere Gastronomiebetriebe mit Sälen, Stadthalle, Stadtkeller, Gemeinderatssaal, Gleis 21, eine Mehrzweckhalle, zehn Turnhallen, fünf Singsäle, drei Pfarreizentren, Wassergartensaal, Chrüzacher und weitere. «Wir leben seit bald einem Jahr in einer Pandemie mit schwerwiegenden wirtschaftlichen Konsequenzen», hält die FDP-Fraktion weiter fest. «Es ist daher eine unsensible und unempathische Absicht des Stadtrates, in dieser schwierigen Zeit mehr als vier Millionen Franken für etwas auszugeben, das bereits im Übermass vorhanden ist.» Die Sanierung der Zehntenscheune sei aus heutiger Sicht abzulehnen und eine sinnstiftende Nutzung für das Gebäude zu suchen.

Das Projekt ist teuer, bietet aber einen Mehrwert

Alle anderen Parteien sprechen sich hingegen klar für die Vorlage aus, über die am 29. November an der Urne befunden wird. Die SVP weist darauf hin, dass eine Sanierung der Liegenschaft ohnehin anstehen würde, um sie zu erhalten. Dies würde rund 1,3 Millionen Franken kosten, ohne dass «die Bevölkerung einen Mehrwert hätte». Es handle sich um ein gelungenes Projekt, das dem Stadtbild guttun wird.

Dies sehen auch die Grünliberalen so: Es sei sinnvoll, die Stadt aufzuwerten und das historische Gebäude zu erhalten, hält Parteipräsident Beat Rüfenacht fest. «Es gibt gerade im Zentrum noch genügend Gebäude, die nur vernachlässigt gepflegt werden oder gar verfallen.» Es sei zudem zu begrüssen, dass Platz für Vereine und Kulturschaffende geschaffen werde. «Das Projekt scheint eine gute Ergänzung zum bestehenden Angebot zu sein.»

Deshalb hat sich auch die CVP einstimmig hinter die Vorlage gestellt: «Wir sind klar der Überzeugung, dass Dietikon sehr gut ein Kulturzentrum wie die Zehntenscheune verträgt und gebrauchen kann», sagt Parteipräsidentin Ottilie Dal Canton. Ein Ort, welcher für alle Veranstaltungen zugeschnitten sei, sei einfach perfekt. «Im Weiteren wird ein Stück Geschichte von Dietikon aufrechterhalten.»

Grüne, SP und AL unterstützen Kulturhaus

Unumstritten ist das Projekt auch bei der EVP; deren Mitglieder haben sich in einer Umfrage einstimmig dafür ausgesprochen. «Wir sind überzeugt, dass eine renovierte Zehntenscheune für Dietikon einen grossen und schönen Mehrwert darstellt», sagt Parteipräsidentin Christiane Ilg-Lutz. Anders als die FDP spricht die EVP von einem knappen Raumangebot in der Stadt: «Der Kultur- und Quartiertreff ‹Gleis21› ist oft zu klein, die Stadthalle zu gross, und die beiden Kirchgemeindehäuser sind sehr gut ausgelastet.» Die Zehntenscheune als neue Mehrzweckhalle sei ideal sowohl für Vereine und Private als auch für Firmen.

Nicht überraschend unterstützen auch Grüne, SP und AL das neue Kulturhaus. «Auch wenn die Sanierung und der Umbau teuer sind, sind die Grünen überzeugt, dass die Sanierung eine weitere Aufwertung des Dietiker Zentrums darstellt», sagt Parteipräsident Andreas Wolf. Diese Aufwertung komme der gesamten Bevölkerung zugute, indem ein zusätzliches Angebot für private Veranstaltungen entstehe, aber auch das Kulturangebot weiter ausgebaut werden könne. Ernst Joss (AL) hielt bereits im Rat fest, dass «das Projekt Dietikon beleben und bereichern wird».

Neues Leben wird eingehaucht

Die SP zeigt sich überzeugt, dass ein Bedarf am neuen Saal bestehe. Dieser konkurrenziere die bestehenden nicht, sondern ergänze sie, wie eine Umfrage bei den Saalanbietern von der Katholischen Kirche bis zu den Restaurants ergeben habe. Zudem werde dem historischen Kern von Dietikon mit der Zehntenscheune sowie dem «Alten Bauamt und dem bereits sanierten «Alten Bären» neues Leben eingehaucht, halten die Co-Präsidentinnen Aurora Melo Moura und Katharina Kiwic fest. «Schon allein darum ist ein Ja zum Kredit gerechtfertigt.»

Eine leicht abgespeckte Variante liegt vor

Die Zehntenscheune im ehemaligen Dietiker Dorfkern geht in ihren Ursprüngen bis in die Zeit um 1600 zurück. Sie befindet sich heute im Besitz der Stadt und wird seit Jahren als möglicher Veranstaltungsraum gehandelt. Der Stadtrat entschied sich im März 2016 mit dem Raumkonzept Kultur, dass die Scheune als «Haus der Bevölkerung» genutzt werden soll.

Ein erstes Umbauprojekt mit Kosten von 5,9 Millionen Franken stiess bei seiner Präsentation und auch bei der Vorberatung in der Rechnungsprüfungskommission des Gemeinderates auf Kritik. In der Folge wurde eine reduzierte Variante mit Kosten von 4,8 Millionen Franken ausgearbeitet, über die nun abgestimmt wird.

Eine mobile Bühne erlaubt Konzerte, möglich sind aber auch Bankette und Sitzungen.

Eine mobile Bühne erlaubt Konzerte, möglich sind aber auch Bankette und Sitzungen.

Die vorgesehene Nutzung der Liegenschaft soll sich am Bestand orientieren. So wird das Gebäude nach dem Umbau über das grosse, imposante Scheunentor gegenüber der Krone betreten. In der Tenne sollen Foyer, Garderobe und Bar mit Kasse eingerichtet werden, im Dachgeschoss der Saal mit einer mobilen Bühne. In der Zehntenscheune entstehe so «ein neuer Mehrzweckraum für die gesamte Bevölkerung», schreibt der Stadtrat. «Mit rund 150 Sitzplätzen bietet der Saal viele Möglichkeiten.» Er könne für Ausstellungen oder Tanzveranstaltungen genutzt werden, er könne aber auch mit Tischen und Stühlen für Bankette mö­bliert sein. Bei einer Annahme des Kredits von 4,8 Millionen für die Sanierung und den Umbau der Zehntenscheue soll das «Haus der Bevölkerung» 2023 oder 2024 eröffnet werden.

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