Die Schule Dietikon will in einem Jahr einen Waldkindergarten eröffnen. Die Kinder sollen an fünf Vormittagen im Wald spielen und lernen. Die Schulpflege hat sich in einem Grundsatzentscheid dafür ausgesprochen, ein entsprechendes Pilotprojekt zu lancieren.
Ein Waldkindergarten biete viele pädagogische Mehrwerte, sagt Franziska Kurer, welche die Fachstelle Pädagogik ad interim leitet und für das Aufgleisen des Projekts verantwortlich ist. Im Wald, der anders als ein Schulzimmer nicht von Wänden abgeschlossen ist, könnten die Kinder beispielsweise besser ihrem natürlichen Bewegungsdrang nachkommen. Dank dem freien Spielen im unebenen Gelände und dem unstrukturierten Spielmaterial werde die Fein- und Grobmotorik der Kinder gestärkt und deren Fantasie und Gestaltungsdrang angeregt, sagt Kurer. Das hebt auch Schulpräsident Reto Siegrist (CVP) hervor: «Im Kindergarten werden extra Projektwochen veranstaltet, um mit spielzeugfreien Tagen die Entdecker- und Fantasierlust der Kinder zu fördern. Im Wald gibt es stets unzählige Möglichkeiten – ein Holzstecken kann ein Flugzeug sein, ein Degen ein Zauberstab.»

Ein Angebot, das die Attraktivität steigert

Dietikon könne mit einem Waldkindergarten «ein attraktives Angebot im Portfolio haben», sagt Siegrist. Dies nicht nur für interessierte Familien, die den Waldkindergarten nutzen wollten. Sondern auch für Lehrpersonen, die diese spezielle Arbeitsumgebung suchen würden, sagt Siegrist.

Der Auslöser, weshalb die Dietiker Schule einen Waldkindergarten erproben will, ist profaner Natur. Der Kindergarten «In der Lachen» wird im Sommer 2020 abgerissen. Und er wird erst in einer zweiten Bauetappe wieder erstellt. Während fünf Jahren besteht damit in diesem Stadtgebiet kein Kindergartenraum.

Im Januar dieses Jahres hatte die Schulpflege deshalb drei Varianten geprüft: das Aufstellen eines Ersatzgebäudes, das Verteilen der Kinder in andere Kindergärten oder das Pilotprojekt eines Waldkindergartens. Dabei zeigte sich in einer ersten groben Kostenschätzung, dass ein Ersatzgebäude mit Kosten von rund 300'000 Franken rund doppelt so teuer käme wie die beiden anderen Alternativen.

Dass sich die Schulpflege an ihrer letzten Sitzung vor den Sommerferien nun für den Versuch eines Waldkindergartens ausgesprochen habe, sei kein Sparentscheid gewesen, hält Siegrist fest. «Wir streichen keinen Kindergarten.» Der neue sei ja bereits bestellt, er werde erstellt – dies aber erst in ein paar Jahren. Der Versuch mit dem Waldkindergarten, für den inhaltlich derart viel gesprochen habe, sei vorerst «eine Übergangslösung».

Ein geeigneter Standort fehlt derzeit noch

Im Idealfall sei der Waldkindergarten kostenneutral: So würden unter anderem nach dem Abriss des Kindergartens «In der Lachen» die Mietkosten wegfallen, sagt Siegrist. Die Aufwendungen für den Waldkindergarten könnten in etwa den heutigen Ausgaben entsprechen.

Der Standort des Dietiker Waldkindergartens ist noch offen. Die Schule stehe mit dem Förster und der Holzkorporation in Kontakt, sagt Franziska Kurer. Idealerweise käme der Waldkindergarten an einer Stelle zu liegen, in deren Nähe ein Bach, ein Steilhang und Treppen vorhanden seien. Zudem müsste die Möglichkeit für eine Feuerstelle bestehen. Und schliesslich sollte sich in der Nähe auch ein Unterstand aufstellen lassen, in welchem Material gelagert und in den sich die Kinder und die beiden Lehrpersonen bei ganz schlechtem Wetter zurückziehen könnten. Schulpräsident Reto Siegrist verweist darauf, dass die naheliegendste Lösung ein Bauwagen wäre. Doch er erhofft sich etwas anderes: «Ein Zirkuswagen, das wäre ein Traum.»

Dass der Versuch des Waldkindergartens ein Erfolg wird, davon sind Kurer und Siegrist überzeugt. Dass Eltern ihre Kinder bei Regen oder Schnee nicht in den Wald schicken wollen, können die beiden grundsätzlich nachvollziehen. Es gebe aber bekanntlich kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung, meint Siegrist. Der oft gehörte Kritikpunkt, dass die Kinder im Wald keine schulischen Kompetenzen – etwa Stillsitzen – lernen würden, weist Siegrist zurück. «Beobachten Kinder im Wald etwas oder hören sie einer Geschichte zu, dann sitzen sie doch automatisch still und verfolgen gebannt, was abläuft.» Zudem werden auch beim Spielen im Wald die Vorläuferfertigkeiten für Mathematik und Sprache gefördert: Formerfassung, Mengen- und Zahlbegriff können in mannigfacher Weise geübt werden. Und die Gefahr, dass ein Kind eine Zecke einfange, bestehe nicht nur im Wald, sondern auch im eigenen Garten. «Spielt ein Kind draussen, dann sollte man es am Abend auch auf Zecken absuchen.»

Die wichtigen Sinneserfahrungen

Der Besuch des Waldkindergartens beruhe auf Freiwilligkeit, sagt Kurer. Die Familien im Einzugsgebiet des Kindergartens «In der Lachen» können in einem Jahr selber entscheiden, ob sie das neue Angebot nutzen wollen oder nicht. Falls nicht, werden die Kinder in der Nähe liegenden Kindergärten zugeteilt. Sie ist aber überzeugt, dass eine Nachfrage nach dem neuen Angebot besteht. Die Schulpflege hatte an ihrer Sitzung gemäss des veröffentlichen Protokollauszugs auf die bestehende Waldspielgruppe verwiesen: Diese sei etabliert und zeige den pädagogischen Mehrwert in der Früherziehung auf. Draussen im Wald, sagt auch Kurer, könnten die Kinder wichtige Sinneserfahrungen machen. Das bilde die Grundlage, um später die kognitiven Lernerfahrungen erzielen zu können.

Der Dietiker Waldkindergarten, der ab dem Schuljahr 2020/2021 als Übergangslösung erprobt wird, könnte dereinst definitiv eingeführt werden. «Verläuft das Pilotprojekt erfolgreich, wird die Schulpflege eine definitive Einführung des Angebots prüfen», sagt Schulpräsident Reto Siegrist.