Dietikon
Pilotprojekt: Der schlaue Stromzähler denkt mit

Wer jederzeit über die Höhe seines Energieverbrauchs informiert ist, soll im Durchschnitt rund fünf Prozent Strom sparen. Ob dies stimmt, wird im Limmattal getestet. Die eingesetzten «Smart Meter» könnten aber auch der erste Schritt zu einem intelligenten Stromnetz sein. Pilotprojekt will tausend Dietiker Haushalte zu einer bewussten Auseinandersetzung mit ihrem Energieverbrauch animieren

Bettina Hamilton-Irvine
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EKZ-Projektleiter André Ackermann mit einem «Ecometer» (Foto: Bettina Hamilton-Irvine)

EKZ-Projektleiter André Ackermann mit einem «Ecometer» (Foto: Bettina Hamilton-Irvine)

Limmattaler Zeitung

Es ist eine Quizfrage, für deren Beantwortung man keine Million gewinnen wird. Kein Wunder, denn die Antwort ist offensichtlich. «Wann waren meine Familie und ich in den Ferien?», fragt André Ackermann und zeigt auf den Bildschirm. Darauf zuckt eine rote, gezackte Linie im Stil einer Börsenkurve munter bergauf und wieder talwärts. Plötzlich bewegt sie sich eine Weile lang fast gerade dem Boden der Grafik entlang. Es wird schnell klar: Hier fanden Ferien statt.

Doch die Kurve hat nicht per se die Funktion, Ferienwochen zu identifizieren. Sie kann weit mehr: Anhand der Grafik lässt sich der detaillierte Stromverbrauch eines Haushalts ablesen – was bisher nicht möglich war. Das Ganze ist Teil des im Mai 2010 gestarteten Pilotprojekts «Smart Meter» der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ), an dem tausend Dietiker Haushalte beteiligt sind. Noch bis im Mai 2012 ersetzen dabei die «Smart Meter», oder «intelligenten Zähler», die herkömmlichen Stromzähler. Durch die bewusste Auseinandersetzung mit ihrem Stromverbrauch sollen die Projektteilnehmer animiert werden, ihre Energieeffizienz zu steigern.

André Ackermanns Haus ist jedoch nicht am Projekt angeschlossen, weil es in einem der drei Testquartiere – Luberzen, Hätschen und Blüemli – steht, sondern weil Ackermann der «Smart Meter»-Projektleiter ist. Mit dem praktischen Nebeneffekt, dass er gleich selber sieht, ob das Projekt funktioniert. Sein persönliches Fazit: «Das Verfolgen des Stromverbrauchs ist für meine Familie zu einer Art Spiel geworden. Tatsächlich verbrauchen wir heute etwas weniger Energie als noch vor einem Jahr», sagt Ackermann.

Fünf bis sechs Prozent Energie einsparen

Dies ist kein Zufall: Während noch keine Auswertungen aus dem Dietiker Projekt vorliegen, bestätigt ein Bericht des Bundesamts für Energie, dass, wer jederzeit über die Höhe seines aktuellen Stromverbrauchs informiert ist, im Durchschnitt fünf bis sechs Prozent Energie einspart. Doch wieso haben die EKZ als Stromlieferant ein Interesse daran, dass ihre Kunden Energie sparen?

Priska Laïaïda, Leiterin der Medienstelle der EKZ, schmunzelt: «Das ist eine berechtigte Frage.» Doch wolle man vorausschauend handeln: «Es ist unser Anliegen, dass wir auch längerfristig Energie bereitstellen können.» Heute, wo Atomausstieg und Stromlücke intensiver denn je diskutiert würden, sei es wichtig, dass sich die EKZ rechtzeitig in Position bringe, so Laïaïda. Ackermann stimmt ihr zu: «Wir wollen innovativ sein und frühzeitig Erfahrungen für die Zukunft sammeln.» Es gehe darum, zu sehen, was möglich sei.

Dazu kommt, dass Energieeffizienz für Stromgesellschaften auch eine gesetzliche Vorgabe ist. Wie sich die Energiestrategie des Regierungsrats entwickeln wird, muss sich jedoch erst noch zeigen: Diese Woche zog er den im Dezember 2010 vorgestellten Energieplanungsbericht zurück, da dieser ein klares Bekenntnis zur Atomkraft erhielt. Die neue energiepolitische Haltung des Kantons soll bis Ende 2012 umfassend geprüft und dann neu formuliert werden. Man kann jedoch davon ausgehen, dass Stromgesellschaften bezüglich Energieeffizienz noch stärker in die Verantwortung gezogen werden.

Erst «Smart Meter», dann «Smart Grid»?

Doch nicht nur deshalb ist es für die EKZ klar von Vorteil, wenn sie sich rechtzeitig in Stellung bringen. Die «Smart Meter» wären auch der erste Schritt auf dem Weg zu einem möglichen «Smart Grid» – einem intelligenten Stromnetz, welches die Einspeisung von Alternativenergie aus dezentralen Quellen wie Photovoltaikanlagen, Windkraftanlagen und Biogasanlagen erleichtern und Netzüberlastungen vermeiden könnte. Doch dies ist noch Zukunftsmusik, erklärt Ackermann.

Realität hingegen sind Erleichterungen, welche die intelligenten Zähler der EKZ bereits heute bescheren. «Wir können dank der ‹Smart Meter› auch unsere internen Geschäftsabläufe optimieren», sagt Ackermann. So müsse man die neuen Zähler nicht mehr vor Ort ablesen – ein Aufwand, der bei rund 340000 Zählern im Netz und etwa 40000 Umzügen pro Jahr nicht zu unterschätzen ist. Und: Statt zwei Werten pro Jahr können die EKZ nun auf viertelstündlich gemessene Daten zugreifen.

Dieses Wissen bringt eine erhöhte Verantwortung mit sich. Wer garantiert den Kunden, dass ihre Daten nicht zu Marketingzwecken missbraucht werden? Ackermann winkt ab: «Anhand dieser Werte lässt sich nicht feststellen, ob eine Kaffeemaschine oder eine Waschmaschine läuft. Es lassen sich bloss gewisse Tendenzen erkennen.»

Das Risiko genauer abgeklärt hat vor dem Start des Projekts auch der kantonale Datenschützer Bruno Baeriswyl. Er könne sich vorstellen, dass etwa ein Schlafmittelhersteller erfahren möchte, wer nachts immer wieder die Nachttischlampe einschalte, sagte er damals. Jedoch sei der Weitergabe von Daten ein Riegel geschoben, versicherte Baeriswyl. Auch sei die Manipulation von Geräten – so etwa das Abschalten – auf diesem Weg unmöglich: «Der Konsument ist geschützt vor dem ‹Big Brother› aus der Steckdose.»

Einverständnis der Kunden muss vorliegen

Allerdings sei eine viertelstündliche Erhebung möglicherweise etwas zu häufig, befand der Datenschützer. Und: Er verlangte, dass die «Smart Meter» nur dort installiert werden dürfen, wo das explizite Einverständnis der Kunden vorliegt. Dann jedoch sei das Projekt «eine gute Sache», so Baeriswyl.

Dies findet auch der Dietiker Stadtrat Johannes Felber, der mit seiner fünfköpfigen Familie ebenfalls am Pilotprojekt teilnimmt: «Seit wir den momentanen Energieverbrauch kennen, ist die Identifikation der aktuellen Verbraucher einfacher.» Wo möglich, habe er mit seiner Familie die verschiedenen Stromverbrauchsklassen unterschieden und das Potenzial diskutiert.

Wenn sein Haushalt auch zurzeit nicht weniger Strom verbrauche, so sei er doch überzeugt, dass man dank «Smart Meter» längerfristig Energie spare, so Felber: «Denn meine zukünftigen Investitionen werden durch das Wissen des eigenen Verbrauchs sicher beeinflusst.»