Schlieren
Pierre Dalcher: «Noch gilt für uns die Unschuldsvermutung»

Sicherheitsvorstand Pierre Dalcher (SVP) hofft, dass der suspendierte Polizist wieder ins Korps zurückkehren kann.

Florian Niedermann
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«Die Öffentlichkeit stellt an Polizisten Anforderungen, denen die Meisten selbst nicht gerecht würden», sagt Sicherheitsvorstand Pierre Dalcher (SVP).

«Die Öffentlichkeit stellt an Polizisten Anforderungen, denen die Meisten selbst nicht gerecht würden», sagt Sicherheitsvorstand Pierre Dalcher (SVP).

zvg

Herr Dalcher, einer der zwei Polizeibeamten, welche 2013 unter anderem wegen Körperverletzung und Freiheitsberaubung verurteilt worden sind, ist noch heute im Korps der Schlieremer Stadtpolizei. Warum?

Pierre Dalcher: Der Urteilsspruch erfolgte noch unter meinem Vorgänger Markus Bärtschiger. Es wurde bald klar, dass die beiden Beamten dagegen Berufung einlegen würden. Er wurde daher zwar suspendiert, es gilt für uns aber immer noch die Unschuldsvermutung. Der zweite Polizist hat von sich aus gekündigt.

Dem suspendierten Beamten bezahlte die Stadt also ein Jahr lang sein Gehalt, obwohl er nicht mehr arbeitete?

Nein, er arbeitete im Teilpensum weiter, aber im Innendienst. Der Polizist machte sich mit neuen Kommunikationsmitteln und deren Einsatzmöglichkeiten vertraut. Wenn er weiter für uns tätig ist, bringt er wichtige Kenntnisse ins Team ein.

Die Stadt geht demnach davon aus, dass er auch in Zukunft bei der Schlieremer Polizei arbeiten wird.

Wir beziehen in unsere Überlegungen alle Szenarien mit ein. Wir hoffen aber, dass der suspendierte Beamte wieder im Aussendienst eingesetzt werden kann. Sein Fall wird nun neu aufgerollt. Er hat das Recht, dass man ihn stützt, solange seine Schuld nicht abschliessend bewiesen ist.

Sie würden ihm also bis zur höchsten Gerichtsebene die Stange halten?

Wir diskutierten diese Frage im Stadtrat. Wenn das Obergericht das Urteil des Bezirksgerichts bestätigt, ist Vieles infrage gestellt. Insbesondere, falls es die Körperverletzung und Freiheitsberaubung als erwiesen erachtet. Meines Erachtens müsste man dann einen Schlussstrich ziehen. Nach dem Entscheid des Obergerichts wird aber eine Task Force die Entscheidungsgrundlage für den Stadtrat vorbereiten.

Welche Wirkung hatte das Urteil des Bezirksgerichts auf das Korps?

Das Team ist zusammengerückt. Es ist natürlich eine Verunsicherung spürbar. Das ist jedoch nicht nur ein Problem unserer Polizei. Der Berufsstand steht immer wieder in der Kritik. Die Öffentlichkeit stellt an Polizisten Anforderungen, denen die Meisten selbst nicht gerecht würden.

Im Februar wurde bekannt, dass die Stadt einen Polizisten eingestellt hatte, dem wegen eines Verkehrsdelikts der Führerschein entzogen worden war. Im August wurde ein anderer Beamter in Untersuchungshaft genommen, weil er seine Frau geschlagen haben soll. Dass ihr Korps ein Imageproblem hat, ist nicht von der Hand zu weisen.

Diese Dinge sind in der Schlieremer Bevölkerung kein Thema, höchstens in den Medien. Zum Fall mit der häuslichen Gewalt kann ich sagen, dass es sich um einen sehr guten Polizisten gehandelt hat. Im Privatleben scheint ihm ein Fehler passiert zu sein. Das hat uns betroffen gemacht. Aber man muss diese Sphären klar trennen.

Jemand, der wegen privater Gewaltdelikte mit dem Gesetz in Konflikt kommt, ist bei der Staatsgewalt doch fehl am Platz.

Sie haben recht. Aber keiner der drei Polizisten, denen Gewaltdelikte vorgeworfen werden, wurden bislang rechtskräftig verurteilt. Man muss sich ausserdem fragen, was in unserer Gesellschaft falsch läuft, wenn ein Polizist nach der Arbeit seinen Frust an anderen Menschen auslässt.

Hat dieser Beamte nach der Verhaftung weiter für Ihre Polizei gearbeitet?

Nein. Wir haben auch ihn suspendiert. Er hat schliesslich gekündigt.

Haben die Fehler, die Polizeichef Marco Weissenbrunner bei der Personalrekrutierung gemacht hat, Konsequenzen?

Bei Vorstellungsgesprächen sind immer mehrere Verwaltungsangestellte involviert. Die Verantwortung liegt nicht nur bei Herrn Weissenbrunner. Dazu kommt, dass der Markt ausgetrocknet ist. Wir haben eine sehr begrenzte Auswahl an Bewerbern auf freie Stellen.

Herr Bärtschiger sagte vor einem Jahr, dass man bei Einstellungsgesprächen einen Psychologen beiziehen könnte, um Bewerber etwa bezüglich ihrer Gewaltbereitschaft besser beurteilen zu können. Gab es solche Versuche?

Nein. Ich bin auch absolut dagegen. Überall schreit man heute nach Psychologen. Bei Einstellungsgesprächen geht es auch um ein Bauchgefühl. Dass Polizisten bei ihrer Arbeit später Fehler unterlaufen können, liegt daran, dass sie oft in hektischen Situationen und unter Adrenalineinfluss Entscheidungen treffen müssen. Das ist keiner psychischen Schwäche geschuldet.

Hat man betreffend der Rekrutierung und Führung des Personals seit dem Urteil 2013 überhaupt etwas geändert bei der Schlieremer Polizei?

Sicher. Wir liessen von externen Beratern prüfen, ob und wo wir bei der Führung und Rekrutierung Fehler gemacht haben. Entsprechende Massnahmen wurden getroffen, etwa bei den Rapportierabläufen. Diese Thematik gehört aber zum operativen Geschäft. Ich möchte die konkreten Massnahmen nicht im Detail erläutern.

Und wie wollen Sie das Vertrauen der Schlieremer wiedergewinnen?

Man muss der Bevölkerung zeigen, dass die Polizei in ihrem Dienst steht. Bei der alltäglichen Arbeit gewinnt man das Vertrauen. Unsere Leute sind gewillt, den nötigen Einsatz dafür zu leisten. Es dauert aber seine Zeit, bis der gute Ruf wiederhergestellt ist. Zerstört ist er viel schneller.