Limmattaler des Jahres
Philipp Locher: «Viele sind im Gmeindligeischt verhaftet»

Er ist einer, der austeilt, der aber auch einstecken kann. Der Schlieremer Drogist wird aber gerade auch wegen seiner Art von der Mehrheit unserer Leser geschätzt.

Florian Niedermann
Merken
Drucken
Teilen

Herr Locher, Sie haben die Wahl zum Limmattaler des Jahres mit grosser Mehrheit für sich entschieden. Warum sind Sie so beliebt?

Philipp Locher: Als sie mir mitteilten, dass ich gewählt worden bin, hat mich das überrascht. Ich bin einer der gerne austeilt, der aber auch hart im Nehmen ist. Dass die Bevölkerung meine Art schätzt, freut mich.

Sie fühlen sich bestätigt?

Sicher. Man ist oft alleine, wenn man sagt, was man denkt. Im Erfolg ist es einfach. Im Misserfolg kann man aber auch sehr einsam sein. Wenn man für oder gegen etwas kämpft, muss man immer mit beidem rechnen. Es erfüllt mich mit Stolz, dass ich vom Volk gewählt worden bin.

Sie sind einer, der offen und mit harten Bandagen kämpft.

Dieses Urteil höre ich oft. Das habe ich von meinem Vater geerbt. Er hat vielleicht etwas feiner gekämpft, aber den Grundsatz, dass man für seine Interessen einsteht und den Kampf dafür offen austrägt, habe ich von ihm. Er lehrte mich auch, dass ein Ziel nicht nur einem selbst zugutekommen darf, sondern immer mehreren Personen. Ansonsten wird der Kampf eigennützig.

Ist es für Sie von Vorteil, dass Sie in Ihren politischen Kämpfen nicht an ein Parteiprogramm gebunden sind?

Ich glaube nicht. Ich war früher in Schlieren und in Urdorf im Gemeinderat. Mein Herz schlägt zwar für die CVP. Doch auch auf der politischen Bühne habe ich immer meine Ideen vertreten und hatte nie das Parteibüchlein in der Hand.

Sie argumentieren derzeit vor allem mit dem Interesse der Bevölkerung

Ja. Und ich erhalte dafür im Alltag Bestätigung. Viele Kunden zeigen mir, dass sie es schätzen, dass ich etwas zu verändern versuche. Ich schwebe nicht irgendwo im Himmel, sondern stehe mit beiden Beinen auf dem Boden. Wenn ich diesen Rückhalt des Volkes nicht hätte, würde ich es wohl nicht machen. Dann hätte ich auch weniger Chancen, den Kampf zu gewinnen.

Welche waren Ihre grössten Erfolge auf der politischen Bühne?

Etwa im Schlieremer Gemeinderat, als es um die Verkehrsberuhigung ging: Ich war der Einzige, der dagegen war. Am Ende habe ich das Referendum ergriffen, und das Volk gab mir recht. Das war eine grosse Befriedigung. Und ich merkte damals auch, dass ich grossmehrheitlich so ticke, wie die interessierte Bevölkerung.

Diese Erfolge liegen schon länger zurück. Was war Ihr grösster Triumph im Jahr 2012?

Diese Geschichte spielte sich hinter den Kulissen ab: Es bestand eine Zeit lang ein grosser Graben zwischen Gewerbe, Wirtschaftskammer und Pro Schlieren auf der einen Seite und dem Stadtrat auf der anderen Seite. In dieser Beziehung haben wir es durch verschiedene Gespräche und Initiativen hinbekommen, dass wir in Zukunft wieder miteinander arbeiten können.

Dabei ging es um die Pläne des Stadtrats bezüglich der Verkehrsführung.

Ja, zum Teil. Es bestand auf unserer Seite auch die Meinung, dass wir nicht transparent informiert werden, was gewisse Themen angeht. Dass der Stadtrat abblockt, statt offen zu kommunizieren.

Wie haben Sie in dieser Situation eine Versöhnung erreichen können?

Ich habe versucht, beide Seiten zusammenzuführen. Die Fronten waren verhärtet. Ich war aber der Meinung, dass wir das gemeinsam wieder auf die Reihe bekommen. Ich habe versucht, Leute an einen Tisch zu bringen, die sonst vielleicht nicht mehr miteinander diskutiert hätten. Dabei entstanden gute Gespräche, sodass beide Seiten nun befriedigt den Jahreswechsel feiern können.

Sie wurden vom Wortführer der Kritiker zum Vermittler?

Ja, ich bin ein sehr friedliebender Mensch. Ich mag es nicht, wenn es um mich herum böses Blut gibt. Man darf verschiedene Meinungen haben, aber eine Diskussion darf nicht persönlich werden. Deshalb war es mir wichtig, dass wir uns zusammenraufen. Eigentlich wollen wir alle nur das Beste für Schlieren und das Limmattal.

Die Frage der Verkehrsführung ist aber wohl noch nicht geklärt.

Nein, der Kampf ist noch nicht zu Ende. Aber man hat sich einander angenähert.

Welche Rolle spielte die regierungsrätliche Absichtserklärung, die Engstringerkreuzung zu untertunneln, für die Entspannung dieses Konflikts?

Sie hatte eine beruhigende Wirkung. Mein Hauptinteresse liegt ja eigentlich darin, dass der Ziel- und Quellverkehr im Zentrum zirkulieren kann und dass die Bahnhofstrasse nicht für Einlenker aus dem Stadtkreisel gesperrt wird. Mit der Untertunnelung der Bernstrasse kann der Durchgangsverkehr besser aus dem Zentrum geleitet werden, was wiederum die Planung des Zentrumsverkehrs erleichtert.

Auch auf kultureller Ebene haben Sie dieses Jahr viel bewirkt.

Sie meinen den Comédy Herbst. Ja, vielleicht war es etwas gefrevelt, dass wir das Ganze in so kurzer Zeit auf die Beine gestellt haben. Beim nächsten Mal werden wir uns sicher mehr Zeit nehmen. Aber das Feedback der Besucher und die Atmosphäre im Zelt gaben uns recht.

Wie war das überhaupt möglich, ein solches Kleintheater mit abwechslungsreichem Programm innerhalb eines Monats zu organisieren?

Ich bezeichne mich ja manchmal auch als Erfinder der Spontaneität. Und ich bin sehr ungeduldig. Als die Idee entstand, sagte ich: Los, das machen wir. Und wir machen es jetzt.

Gab es im vergangenen Jahr auch Rückschläge?

Nein, ich blicke auf ein sehr gutes Jahr zurück.

Man kennt Sie als Hansdampf in allen Gassen. Tanzen Sie manchmal nicht auf zu vielen Hochzeiten?

Dass ich mich teilweise etwas überlaste, mag sein. Das kriegt dann vor allem meine Familie zu spüren. Aber ich denke, ich bin sehr belastbar, und solange es mir Freude macht, mache ich so weiter.

Sie politisieren nicht nur. Daneben haben Sie auch die dritte Filiale Ihrer Drogerie in Dietikon eröffnet.

Ja, das war ein glücklicher Zufall. Wir haben es nicht gesucht, aber als wir das Angebot erhielten, entschied die Familie, dass wir darauf eingehen wollen.

Sie werden nächstes Jahr 60. Ein Schritt, den Sie eigentlich nicht mehr hätten gehen müssen.

Vielleicht, aber meine Tochter arbeitet ja auch bei uns mit. Ausserdem glaube ich an den Standort Dietikon, an das Limmattal und das gemeinsame Einkaufen in der Region. Und was für mich wichtig ist: Jetzt habe ich aus drei wichtigen Ortschaften – Schlieren, Dietikon und Geroldswil – Informationen darüber, was sich politisch und gewerbepolitisch so tut.

Die neue Filiale wird also zu einem Standbein Ihres politischen Netzwerks.

Durch die Filiale habe ich die Verbindung zum Dietiker Zentrumsverein oder zum Geroldswiler Gewerbeverein. Das Netzwerk dahinter ist zwar nicht die Motivation dafür, in einen solchen Verein einzutreten, aber es ist sicher von Vorteil, dass man Zugang dazu erhält.

Sie vernetzen sich und agieren schon länger weit über Schlieren hinaus. Ist das eine Ihrer Zukunftsvisionen, dass das Limmattal als eine Gesamtheit betrachtet wird?

Wir können uns nicht mehr abschotten. Nehmen wir die Verkehrsprobleme in Schlieren. Klar können wir die ideale Lösung für uns finden. Dann schieben wir aber den Verkehr einfach an unsere Nachbargemeinden ab. Wir müssen näher zusammenkommen. Es gibt noch viele Gemeinden, die extrem im «Gmeindligeischt» verhaftet sind, das geht über kurz oder lang nicht. Wir sind das Limmattal.

Zieht man diese Haltung konsequent weiter, dann müssten zumindest Dietikon, Urdorf und Schlieren irgendwann zu einer Gemeinde fusionieren.

Ja. Das ist die sehr langfristige Konsequenz. Und – sind wir ehrlich – unsere Verwaltungen kosten enorm viel Geld. Durch eine Fusion könnte man sehr viel einsparen. Aber der Kampf dafür wird schwierig und ich werde ihn wohl nicht mehr erleben.

Kommen wir auf die nähere Zukunft zu sprechen: Was sind Ihre Ziele für das nächste Jahr?

Ein grosses Thema wird sicher wieder die Verkehrsführung im Schlieremer Zentrum sein. Dort wollen wir erreichen, dass wir gemeinsam mit dem Stadtrat einen Schritt weiterkommen. Ich freue mich aber auch auf meinen sechzigsten Geburtstag und die Hochzeit meiner Tochter. Und schliesslich hoffe ich, dass wir 2013 mit dem Comédy Herbst und anderen Aktivitäten das Zentrum von Schlieren erneut beleben können.