Dietikon
Pflege zu Hause – es geht auch um die pflegenden Angehörigen der Kranken

Zum Welt-Palliativ-Care-Tag kamen am Samstag in der Taverne zur Krone Angehörige von Patienten zusammen, um sich auszutauschen.

Tobias Bolli
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Die Pflege von Patienten zu Hause fordert den Angehörigen einiges ab. Manchmal wird es zu viel.

Die Pflege von Patienten zu Hause fordert den Angehörigen einiges ab. Manchmal wird es zu viel.

Symbolbild: KEYSTONE

Wir alle wissen: Es kommt der Tag, an dem wir sterben müssen. Und trotz dieses Wissens meiden wir die Konfrontation mit dem Tod. Nicht von ungefähr findet das Sterben hierzulande so abgeschottet wie nur möglich statt.

Am 14. Oktober war der Welt-Palliative-Care-Tag und damit eine Gelegenheit, offener über dieses Thema zu sprechen. Auch in Dietikon fand dazu eine Veranstaltung statt: In der Taverne zur Krone berichteten Angehörige und Seelsorger über ihre einschlägigen Erfahrungen. Für einmal sollten nicht die Patienten, sondern deren Angehörige in den Fokus gerückt werden.
Als erste von zwei Betroffenen erzählte Claire Arpaghaus ihre Geschichte. Eindrucksvoll zeigte sie auf, wie sehr sich die Erkrankung eines Menschen auch auf sein Umfeld auswirken kann.

Sie pflegte ihren Mann lange Zeit und fast alleine zu Hause. Als der Arzt sah, wie sehr sie sich verausgabt hatte, schickte er gleich beide ins Spital Limmattal. Hier fragte ihr Mann sie zum ersten Mal, wie es eigentlich um sie bestellt sei. «Nicht sehr gut», erwiderte sie, worauf dieser nach dem Warum fragte. Darauf kam ihr Zusammenbruch. «Ich kann mich noch erinnern, wie ich in meinem Zimmer sass und dachte, jetzt ist Schluss. Ich kann nicht mehr.»

Claire Arpagaus, pflegende Angehörige

Claire Arpagaus, pflegende Angehörige

Tobias Bolli

Sie wurde für einige Monate in eine Klinik überstellt, wo sie erst selbst wiederhergestellt werden musste. Nach dem Austritt sorgte sie dafür, dass ihr Mann im Alters- und Gesundheitszentrum Ruggacker untergebracht wurde. Sie besucht ihn fast täglich und amüsiert mit ihrem Chihuahua auch die anderen Bewohner.

Allerdings ist ein Aufenthalt im Pflegeheim nicht billig. So kam sie nicht umhin, Ergänzungsleistungen zu beantragen. Dafür musste sie jeden Rappen offenlegen. «Es war nicht angenehm, von Fremden so durchleuchtet zu werden.» Eine Zeit lang hatte sie gar Angst, ihre Wohnung veräussern zu müssen – zusätzlicher Stress in dieser ohnehin schon schweren Zeit.

Fast völlig vereinnahmt

Giovanna Amardjia wurde 2009 mit der Diagnose konfrontiert, dass ihre Mutter Bauchspeicheldrüsenkrebs habe. Ihr Vater war trotz des fortgeschrittenen Stadiums zuversichtlich. «Er dachte, alles wird wieder gut. Ich musste ihm beibringen, dass Mama nicht mehr gesund werden würde.» Frau Amardjia entschied sich, die Mutter zu Hause zu pflegen, obschon diese selbst auf eine Überführung ins Spital insistierte. «Sie wusste, wie viel Kraft eine solche Pflege kosten würde.» Die Belastung sei denn auch wirklich gross gewesen. Frau Amardjia war sich bewusst, dass sie jetzt, da alle auf sie zählten, stark sein musste. Nur wenn sie am Abend alleine mit ihrem Hund unterwegs war, vergoss sie mitunter ein paar Tränen.

Gegen Ende wurde sie von der Pflege fast völlig vereinnahmt. Auch ein lange geplanter Restaurant-Besuch mit einem Bekannten musste abgesagt werden. Dieser stand aber plötzlich an der Tür und sagte: «Wenn der Berg nicht zum Propheten kommt, muss der Prophet halt zum Berg.» So fand dann das Essem zu Hause statt. «Solche Momente», sagt Frau Amardjia, «haben mir Kraft gegeben.» Wertvolle Unterstützung boten auch die Krebsliga und Onko Plus, die in der letzten Phase aushalfen.

Frau Amardjia betont, dass es falsch wäre, sich immer nur zu fügen, und von den Kranken herumkommandieren zu lassen. Sie hat sich ihrer Mutter gegenüber bis zuletzt normal verhalten und zuweilen auch mal scherzhaft Kontra gegeben: «Nur weil du Krebs hast, musst du jetzt nicht so tun.» Rückblickend sei diese Zeit – bei aller Entbehrung und Erschöpfung – eine der wertvollsten ihres Lebens gewesen.