Dietikon
Pfarrerin mit Herz und «Hirni»: Willemien Lammers feiert ihren letzten Gottesdienst

Willemien Lammers wird am Sonntag nach über acht Jahren ihren letzten Gottesdienst in Dietikon feiern.

Gabriele Heigl
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Am Sonntag wird Pfarrerin Willemien Lammers ein letztes Mal die Tür der reformierten Kirche passieren, um einen Gottesdienst zu halten.

Am Sonntag wird Pfarrerin Willemien Lammers ein letztes Mal die Tür der reformierten Kirche passieren, um einen Gottesdienst zu halten.

Gabriele Heigl

«Ich bin im Moment sozusagen obdachlos.» Willemien Lammers (48) durchlebt gerade eine Phase des Übergangs, wie sie das Leben immer mal wieder bereit hält. Ihren letzten Arbeitstag in der Reformierten Kirchgemeinde in Dietikon hatte die Pfarrerin, die aus den Niederlanden stammt, am 30. Juni. Sie sei jetzt in ihren Augen ziemlich lange nicht mehr als Pfarrerin tätig gewesen, das sei ungewohnt für sie. Nach neun Tagen, die mit Zügelarbeiten und Amtsübergabe gefüllt waren, sagt sie: «Ich sehne mich danach, wieder an die Arbeit zu gehen, denn ich bin von ganzem Herzen Pfarrerin.»

Lange wird es nicht mehr dauern, bis Lammers dieser Wunsch in Erfüllung geht. Bereits am 16. Juli wird sie in ihrer neuen Gemeinde in den Niederlanden ihren Eintrittsgottesdienst feiern. Vorher heisst es am morgigen Sonntag noch Abschied nehmen von der Dietiker Kirchgemeinde. «Ich habe hier ein wichtiges Stück meines Lebens verbracht. Es war eine reiche, intensive Zeit.»

«Gottes Gegenwart kann ich manchmal sogar fast körperlich spüren. Das ist wohltuend, spendet Mut, Kraft und Freude.»

Willemien Lammers, Scheidende Pfarrerin in Dietikon

2007 hatten sie ihre Wege zunächst nach Eglisau geführt, am 1. Januar 2009 trat sie ihre Stelle in Dietikon an. Mutige Schritte, denn zu dieser Zeit sprach sie kaum Deutsch. Inzwischen hat sie sogar mit Mundart keine Probleme. Nicht nur von der Landeskirche wurde sie herzlich aufgenommen. «Dasselbe kann ich über die Dietiker Kirchgemeinde sagen, die nicht nur ich als besonders wohlwollend und freundlich erlebt habe», sagt sie und lächelt. Ihr sei in dieser Übergangsphase sehr bewusst geworden, «wie gut es mir hier gegangen ist».

Die Seele einer Abenteurerin

Dennoch kam ihr irgendwann die Frage in den Sinn, ob sie noch am richtigen Ort ist. «Ich stehe in der Tradition, dass das Pfarrpersonal normalerweise nach vier bis acht Jahren wechselt. So bleibt das Kirchgemeindeleben frisch.» Auch für sie persönlich sei es einfach Zeit gewesen für einen Wechsel, zehn Jahre seien für ein Menschenleben eine recht lange Zeit.
Nun also der Neustart in Wieringerwerf, einem 8000-Einwohner-Dorf am Ijsselmeer im Norden der Niederlande. Den Ort hat sie im Winter zu den Bewerbungsgesprächen erstmals besucht. Eine Abenteuerseele steckt in Lammers. Sie schwärmt von der «neuen Dynamik», die entstehe, und der «lässigen Herausforderung», auf die sie sich jetzt freue. Man wachse an diesen Erfahrungen, «die einen Mehrwert mit sich bringen».

Der Abschiedsgottesdienst von Willemien Lammers findet am morgigen Sonntag um 10 Uhr statt.

Das musikalische Rahmenprogramm gestaltet der Kirchenchor unter Leitung von André Lichtler.

Mit im Gepäck hat sie ein grösseres Projekt: ihre Dissertation. Darin geht es um den französischen Humanisten, Philosophen und Theologen Sebastian Castellio (geboren 1515 in Savoyen, gestorben 1563 in Basel). Als einer der ersten Theologen befasste er sich mit einer Theorie der religiösen und allgemeinen geistigen Toleranz. «Eine sehr aktuelle Fragestellung: Was bedeutet es, in Frieden mit anderen zu leben ohne Gewalt, aber auch nicht in Gleichgültigkeit?» Fanatismus entwickle sich immer in der Isolation. «Hier sehe ich eine wichtige Aufgabe der Kirche, diese Isolation zu durchbrechen.»

Aus Liebe zur Kirchengeschichte

Den Doktortitel will Willemien Lammers, die in Amsterdam studiert hat, nicht aus Ehrgeiz oder wegen eines angestrebten Karriereschrittes erlangen. «Ich schreibe die Arbeit aus Liebe zum Studium und der Kirchengeschichte, und weil mich das Thema fasziniert. Ausserdem will ich im Hirni beweglich bleiben», erklärt sie. Noch liege die Dissertation aber «still und leidend» in den Zügelkisten. Es sei «ein Ei, das noch gelegt werden muss». Ob das nicht eher eine Aufgabe für den Ruhestand wäre? Vehement wehrt sie ab: «Nein, so lange will ich das nicht hinziehen. Ausserdem bin ich ein Arbeitstier.»

Es verwundert nicht, dass die Briefe des Apostels Paulus, des ersten theologischen Intellektuellen der Kirchengeschichte, zu ihren Lieblingsstellen in der Bibel gehören. Spannend seien sie, aber auch zum Widerspruch reizend. Als besonders tröstend erlebt sie die Geschichte von Elia am Berg Karmel, wo Gott dem Propheten in einem Windhauch begegnet. «Auch wenn wir Reformierten es nüchtern und schlicht mögen, bin ich dennoch überzeugt von Gottes Gegenwart, die ich manchmal sogar fast körperlich spüren kann. Das ist wohltuend, spendet Mut, Kraft und Freude.» Auf die Frage «Wo ist Gott?» sage sie immer «ganz nah», man müsse nur auf die Stimme seines Herzens hören und sich Gott öffnen.