Sonntagsgespräch
Pfarrer Sieber: «Die Kirche gehört mitten ins Dorf»

Für Pfarrer Ernst Sieber aus Uitikon wird die Solidargemeinschaft mit den Ärmsten immer stärker. Ernst Sieber hat sich als Obdachlosenpfarrer schweizweit einen Namen gemacht. Von seiner Mutter hat er gelernt, was es heisst zu teilen.

Sandro Zimmerli
Merken
Drucken
Teilen
Pfarrer Ernst Sieber

Pfarrer Ernst Sieber

Keystone

Pfarrer Ernst Sieber, mögen Sie den Winter?

Pfarrer Ernst Sieber: Ich habe als Bauernknecht im Sihltal harte Zeiten erlebt beim Holzfällen. Dabei habe ich den Winter als so stark empfunden, dass ich mich fragte, ob es überhaupt noch weiter geht. Ich bin ans Ende meiner Kräfte gelangt. Zu dieser Zeit war ich 15 oder 16 Jahre alt und habe gelernt zu beten.

Heute dürfte der Winter die strengste Zeit für Ihr Sozialwerk sein.

Ja, wobei der Winter für uns schon im Sommer beginnt. Menschen, die sich in der Weihnachtszeit verkriechen, haben es besonders schwer. Nicht weil es kalt ist, sondern weil sich alle anderen auch zurückziehen. Begegnet man diesen Menschen im Sommer und lernt sie kennen, dann hat man für den Winter bereits vorgebaut. Es braucht eine Solidargemeinschaft mit den Ärmsten.

Existiert diese Solidargemeinschaft heute noch?

Und wie. Sie wird sogar immer stärker. Die Gesellschaft liess sich bewegen. Dank ganz vieler verschiedener Institutionen, darunter auch die Medien, wird Nähe geschaffen, die der Mensch und die Gemeinschaft braucht. Allerdings ist dies an Bedingungen gebunden.

Welche sind das?

Man muss auf Augenhöhe miteinander arbeiten und die Ärmsten nicht massregeln. Man muss mit ihnen zusammenleben und teilen.

Der Wohltäter

Ernst Sieber wurde 1927 in Horgen geboren. Er begann seine berufliche Laufbahn als Bauernknecht im Welschland. 1950 erlangte er auf dem zweiten Bildungsweg die Matura und absolvierte danach ein Theologiestudium, das er 1956 abschloss. Bis 1967 amtierte er als Pfarrer in Uitikon und von 1967 bis zu seiner Pensionierung war er Pfarrer in Zürich Altstetten. Von 1991 bis 1995 war Ernst Sieber Nationalrat für die EVP. Seit 1948 pflegt er Kontakt zu Obdachlosen. Im Seegfrörni-Winter 1963 entstand die erste Obdachlosengemeinschaft im Bunker am Zürcher Helvetiaplatz. Im Laufe der Jahrzehnte folgten weitere Dorfgemeinschaftem. Bis heute initiierte Pfarrer Sieber zahlreiche Einrichtungen in den Bereichen Drogen- und Obdachlosenarbeit, Sozialmedizin, Entzug und Therapie. 1988 wurde die Stiftung Sozialwerke Pfarrer Ernst Sieber gegründet. Ernst Sieber ist mit der Sängerin Sonja Sieber-Vassalli verheiratet. Mit ihr hat er vier eigene und vier angenommene Kinder grossgezogen. (zim)

Für die Zukunft sehen Sie also nicht schwarz?

Ich bin sehr optimistisch. Im Pfuusbus beispielsweise erlebe ich immer wieder, wie stark die Hilfe der Menschen ist. Das zeigt mir, dass der Glaube umgesetzt und die Bibel zu einem praktischen Buch wird. Für viele Menschen ist die Orthopraxie, also das richtige Handeln, wichtiger, als die Orthodoxie, die richtige Lehre.

Sie sagen, die Solidargemeinschaft werde stärker. Gleichzeitig ist in den Notschlafstellen kein Platz mehr. Was läuft schief?

Das hat unter anderem mit den bilateralen Verträgen zu tun. Viele Menschen aus dem Ausland suchen bei uns das Glück. Wenn sie dann schwer enttäuscht werden, sich verkriechen und zu den gar nicht beliebten Sozialhilfeempfängern werden, dann kann das dazu führen, dass sich die Situation für Notschlafstellen verschärft. Hier knüpft auch die Frage an, wie wir in der Schweiz mit Asylsuchenden umgehen sollen. Sollen sie die gleiche Unterstützung erfahren, wie wir Schweizer oder nicht?

Wie lautet die Antwort?

Das Parlament hat offenbar menschlich entschieden, gemäss der schweizerischen Tradition von einer Humanität, die allem vorausgeht. In der Präambel der Bundesverfassung heisst es schon, dass sich die Stärke des Volkes am Wohl der Schwächsten misst. Dabei darf nicht vergessen werden, dass diese Hilfe auf einer gesetzlichen Grundlage basiert. In der Bundesverfassung steht, wer in Not gerät und nicht in der Lage ist, für sich zu sorgen, hat Anspruch auf Hilfe und Betreuung und auf die Mittel, die für ein menschenwürdiges Dasein unerlässlich sind.

Diesem Grundsatz haben Sie immer nachgelebt.

Ja, aber vor allem auch den theologischen Inhalten, wonach Christus Jesus ist. Jesus hat es vorgelebt und mit den Ärmsten geteilt. Wir dürfen fröhlich sagen, dass die Ärmsten die Adressaten des lieben Gottes und seines Reiches sind. Wir Begüterten haben Anteil daran, wenn wir heilen und teilen.

Sie teilen mit den Ärmsten schon seit über 60 Jahren. Wie kamen Sie dazu?

Durch meine Mutter und mein Umfeld. Bei den Bauern habe ich diese Menschen kennen gelernt. Es waren «Überhöckler», die allein in der Beiz sassen. Meine Mutter hatte immer leere Teller auf den Tisch gestellt. Die Menschen wussten, dass sie bei uns stets eine heisse Suppe erhalten.

Sie haben das Erbe Ihrer Mutter weitergeführt?

In gewisser Weise schon. Aber auch meine Geschwister haben diese Hilfe mitgetragen. Meine Frau Sonya ist seit jeher eine wichtige Stütze.

Hätten Sie damals gedacht, dass daraus ein ganzes Sozialwerk wird, wie es heute besteht?

Das, was heute besteht, ist einer Bewegung entsprungen, an der viele Mitmenschen teilgenommen haben. Es gab viele Menschen, die mir in schwierigsten Situationen Hand geboten haben. Ich bin nicht alleine unterwegs. Ich bin ein Teamplayer. Alle bei den Sozialwerken Pfarrer Sieber haben dazu beigetragen.

Das müssen für Sie schöne Begegnungen gewesen sein.

Das ist Inhalt und Leben. Nicht ein spezielles Leben, sondern eines, das sich einfach so ergibt, wenn Menschen mit allen ihren Fehlern und Stärken zusammenkommen.

Einer dieser Begegnungsorte war das Ur-Dörfli in Urdorf.

Hinter diesen Kleindörfern steckt der Gedanke der Solidargemeinschaft. Als ich Nationalrat war, habe ich 1995 dem Parlament den Vorschlag unterbreitet, ein solches Modell-Dorf, ein Bundesdorf, zu errichten. Es sollte alle zukunftsweisenden Modelle von Zusammenleben, Teilen und der Überwindung von Arm und Reich vereinen. Ich erntete von den Parlamentariern Zustimmung und habe dann das erste Selbsthilfedorf für Menschen in Not, den Spiesshof in Ramsen, gegründet. Weitere folgten. Ich hoffe, dass ich irgendwann noch einen Ort mit einer Kirche mitten im Dorf finde.

Das ist Ihr grosser Traum?

Ja, die Kirche gehört mitten ins Dorf. Derzeit haben wir einen Dörflibund. Ich träume von einem Bundesdorf.

Bleiben wir in der Gegenwart. Sie sind derzeit gesundheitlich angeschlagen . Die Ärzte haben Ihnen Ruhe verordnet. Ist es für Sie schlimm, dass Sie nicht auf der Strasse sein können, um den Menschen zu helfen?

Ja, schon. Das ist etwas vom Schlimmsten. Ich werde versuchen, so schnell als möglich wieder auf die Beine zu kommen. Gerade jetzt müsste man draussen sein und den Menschen helfen. Wir leben in einer Zeit, in der Menschen vor allem psychisch leiden und in der die Vereinsamung sehr stark ist. Der ehemalige Leiter des stadtärztlichen Dienstes sagte einmal, dass die Menschen auf der Strasse nicht an Krankheiten sterben, sondern an der Vereinsamung.

Was kann man dagegen tun?

Die Gemeinschaft muss wieder gestärkt werden, auch auf politischer Ebene. Es soll eine Gesellschaft angestrebt werden, in der Arm und Reich nicht weiter auseinanderdriften, sondern die Reichen etwas mehr geben und die Armen etwas mehr nehmen. Das ist eine Frage der Gesellschaftsordnung.