Urdorf
Pfarrer Ivan Walther: «Ich finde Urdorf einen guten Ort»

Der neue reformierte Pfarrer Ivan Walther kam mit seiner siebenköpfigen Familie vom bündnerischen Waltensburg nach Urdorf. Eine Reise, die für ihn nicht ganz neu war.

Flavio Fuoli
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Pfarrer Ivan Walther

Pfarrer Ivan Walther

Flavio Fuoli

Ivan Walther, vom beschaulichen Bündnerland ins eher hektische Limmattal. Wie haben Sie den Kulturschock verdaut?

Ivan Walther: Gut, ich war 15 Jahre unten gewesen und habe während des Studiums in Wollishofen und Adliswil gewohnt. Und ich kam als Pfarrer ein Mal die Woche wegen des Dissertationsprojekts an die Uni.

Was war die grösste Umstellung?

Sicher die Sprache, dort oben sprach man Romanisch, das ich gesprochen habe. Beruflich hat sich viel verändert. Oben hatte ich wenig Beerdigungen, hier relativ viele. Oben gab ich viel Schule, hier fast keine. Und das Auto brauchte ich oben täglich, hier fast nie.

Sie haben eine grosse Familie mit fünf Kindern. Wie war für die das Ankommen am neuen Wohn- und Lebensort?

Das ging gut über die Bühne. Besonders die Kleinen spürten kulturschockmässig mehr. Meine Schwiegereltern sind von Rüschlikon, deshalb kannten es die Kinder schon.

Gibt es kein Heimweh nach den Bergen?

Bei mir sicher, ich bin schon immer Heimwehbündner gewesen. Mein Vorteil: Wenn ich hier unten wohne, ist es einfacher, ins Bergell zu gehen. In Waltensburg wohnend war das Bedürfnis eher nach Stadt, auch von meiner Frau aus. Sie wollte in den Ferien sicher nicht ins Bergell.

«Die lange geschichte des Hauses gefällt uns»

Sie wohnen im altehrwürdigen Pfarrhaus in Urdorf. Gefällt Ihnen Ihre Wohnsituation?

Sie ist wunderbar, schön, ein grosses Privileg. Die lange Geschichte des Hauses gefällt uns. Sehr gut ist, dass jedes Kind ein Zimmer hat. Wir sind froh, dass wir zu siebt sind, sonst wäre es unangenehm in einem so grossen Haus.

Ist der Standort mitten im Dorf Ihrer Arbeit förderlich?

Sicher. Ich finde es schade, dass immer mehr Pfarrhäuser umgewandelt werden. Ich bin froh, hier in Urdorf Teil dieser Pfarrhausgeschichte sein zu dürfen.

Welchen Unterschied erkennen Sie bei den Gläubigen?

Keine einfache Frage. Man muss verallgemeinern. Hier in Urdorf ist das Bildungsniveau anders.

Inwiefern?

In Waltensburg hatten die Leute nicht dasselbe Bildungsniveau wie hier in Urdorf. Es sind dort einfachere Menschen mit anderen Bedürfnissen. Andererseits kannte ich dort proportional mehr Leute. Weil die Gemeinde kleiner ist und man eher am Leben der Kirche teilnimmt, obwohl es auch dort Austritte gibt. Die Kirche ist näher bei den Leuten als hier in Urdorf.

Glauben die Leute in Urdorf anders als im Bündnerland?

Spannende Frage. Ich will nicht zu stark verallgemeinern. Hier unten machte man die Erfahrung mit der Migration. Das führt zu einer anderen Denkweise als im Bündnerland, wo die Migration nicht so spürbar ist.

Wie würden Sie sich als gläubigen Menschen charakterisieren?

Ich bin im Grundsatz liberal. Ich bin doch auch sehr evangelisch und gläubig, weil mir die Sache von Jesus Christus sehr wichtig ist. Ich versuche, Verbindungen herzustellen zwischen der allgemeinen Weltauffassung und der Bibel, zwischen einem modernen Weltbild, das die Evolution beinhaltet, zu christlichem Gedankengut. Ich bin theologisch sehr von der Tradition von Zürich geprägt, von Zwingli und Bullinger. Sie sind zentral auf meinem Glaubensweg. Ich habe auch keine Berührungsängste mit sogenannter Esoterik, den Naturwissenschaften oder neuen religiösen Bewegungen. Das unterscheidet mich von Evangelikalen.

«Die Kerngemeinde ist sehr positiv»

Was haben Sie in der reformierten Kirchgemeinde Urdorf angetroffen?

Sie ist aktiv, lebendig, teilweise ein bisschen überaltert. Die Kerngemeinde ist sehr positiv.

Haben Sie Ideen für Veränderungen mitgebracht?

Sicher. Im Chor in der Alten Kirche standen Stühle. Von der Ästhetik und der Spiritualität her habe ich das Gefühl, dass der Chor frei sein muss. Und über das Abendmahl will ich auch gerne reden.

Wohin soll sich die Reformierte Kirchgemeinde Urdorf entwickeln?

Mir gefällt es sehr gut, dass ich in zwei Kirchen arbeiten kann, in der neuen und der alten. Die neue Idee repräsentiert die Idee von der Werkstatt, wo man denkt und etwas entstehen lässt. Auch die Spannung zwischen dem Alten, das man pflegt und dem Neuen, das entsteht: Schön, dass es beide Seiten gibt. Diese Situation entspricht sehr meinem Naturell.

Sie teilen sich mit Ihrer Mitpfarrerin Anne-Kathrin Willi die Betreuung der Gemeindemitglieder. Sie sind für die über 30-Jährigen zuständig. Entspricht das Ihren Wünschen?

Es ist nicht ganz so, obwohl es so geschrieben steht. Ich habe den Schwerpunkt bei der Altersarbeit, sie mehr bei den jungen Erwachsenen. Aber auch ich habe Kontakt zu den Jungen: Durch Sonntagsschule, Taufe, Hochzeiten und Konfirmationen.

«Ich habe Zugang zu den Jungen»

Wie gestaltet sich der Unterschied im Umgang mit Alt und Jung?

Mir fällt es sicher leichter, mit Älteren Kontakt aufzunehmen, aber das hat auch mit meiner speziellen Rolle als Pfarrer zu tun. Ich habe trotzdem Zugang zu den Jungen, etwa über die Musik. Ich bin nicht der Pfarrer, der nur Klassik hört. Auch Pop und Rock gefallen mir. Dadurch besitze ich Anknüpfungspunkte zur Jugend. Im Übrigen spiele ich Gitarre und habe früher auch in lokalen Rockbands gespielt.

Wie stehen Sie zur Ökumene, auf die in Urdorf zusehends wieder mehr Wert gelegt wird?

Ich denke, die Zusammenarbeit ist wichtig. Ich habe sehr gute Erfahrungen gemacht mit dem katholischen Pfarramt und den Behörden. Grundsätzlich ist die Ökumene, die man sich vor zwanzig Jahren erträumte, nicht mehr möglich. Wichtig ist, dass wir Reformierte eine eigene Identität besitzen. Die Katholiken geben vieles nicht auf. Es geht zum Beispiel nicht mehr, zusammen Eucharistie zu feiern. Aber das Verhältnis ist geschwisterlich. Beide müssen sich entwickeln, obwohl beide verschiedene Profile haben.

Was ist Ihnen am Limmattal besonders aufgefallen?

Es ist von der Bevölkerungszusammensetzung sehr durchmischt, aber doch – wie Urdorf – sehr dörflich. Es gibt beides, das Multikulturelle und das Multireligiöse. Es gibt aber auch das Gegenteil, wo das Traditionelle eine grosse Rolle spielt, wie zum Beispiel der Zusammenhalt der Vereine.

Was mögen Sie hier, somit haben Sie eher Mühe?

Ich finde Urdorf einen guten Ort mit einer guten Mischung von Stadt und Land. Ich schätze, dass man mit dem Fahrrad schnell an diversen Orten ist, ob im Grünen oder gar am Hauptbahnhof. Diese Kombination ist wahnsinnig. Als Bündner finde ich den Nebel nicht so toll, auch den Verkehr, aber das hält sich alles im Rahmen.

Welches ist Ihr grösster Wunsch, für sich und für die Kirchgemeinde?

Ich möchte, dass die Gemeinde und ich gut zusammen weiterwachsen und ich mich wohlfühle, wie bis anhin. Ich hoffe, dass die Leute mit mir zufrieden sind und es mir gelingt, Begeisterung für Christus, Bibel, Kirche und das reformierte Bekenntnis neu wecken zu können. Ich möchte diese Identität zusammen mit der Gemeinde herausschälen können. Ich hoffe, dass die Tendenz der Kirchenaustritte umgekehrt werden kann.