Uitikon
Pfarrer Chaignat: «Der Glaube zeigt sich in der Praxis»

Der reformierte Pfarrer Vincent Chaignat aus Uitikon weilte für drei Monate in Chicagoer Kirchgemeinden. «Oh, es ist so gross, es ist riesig!» Diese Worte entfuhren Pfarrer Chaignat mehrmals, als er über seine Zeit in Chicago erzählt.

Flavio Fuoli
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Pfarrer Chaignat ist nach einem prägenden Aufenthalt in Chicago zurück in seiner Kirche in Uitikon.

Pfarrer Chaignat ist nach einem prägenden Aufenthalt in Chicago zurück in seiner Kirche in Uitikon.

Flavio Fuoli

«Die Grösse der Stadt, die Wolkenkratzer, die Kirchen, die 10000 Mitglieder zählen.» Vincent Chaignat erzählt seine Geschichte im beschaulichen Kafi-Zimmer des reformierten Kirchgemeindezentrums in Uitikon. «Chicago war eine Herausforderung», resümiert er. Zum Studienurlaub zog es ihn in die Grossstadt mit ihren rund 3000 Kirchgemeinden.

Ins Staunen kam der Uitiker auch, als er einen Gottesdienst der Willow Creek Community besuchte. Von aussen habe die Kirche wie ein Versicherungsgebäude ausgesehen, die Parkplätze seien vier Fussballfelder gross. 6500 Leute waren anwesend, um Gottesdienst zu feiern. «Ich dachte zuerst, ich sei an einem Flughafen, so sah es dort aus», erzählt Chaignat. Es gebe dort Cafeterias, ein Welcome-Center und zehn Räume allein für Kinderbetreuung jeden Alters. «Das Auditorium ist wie ein Theater. Es gibt da keine Kirchen wie bei uns. Es sah eher aus wie im Hallenstadion an einem Rockkonzert.» Tatsächlich gab es eine Band, die spielte und sang. «Ich konnte keine feste Liturgie ausmachen. Sie priesen den Herrn, bis der Pastor auftrat und mit der Predigt begann.»

Was waren das für Emotionen? «Man fühlt sich wie beim ICF hierzulande. Man fühlt sich wohl, auch mit dem Welcome-Center», fasst Chaignat seine Eindrücke zusammen, obwohl die Predigt sehr fundamentalistisch gewesen sei.

Eine andere Art von Kirche fand er in der St. Sabina Church vor, die von
95 Prozent Afroamerikanern getragen wird. Sie wird von einem weissen Pastor geführt, Father Pfleger. Er sei ein radikaler Priester, der sich auch in die Politik einmische. Er organisierte Demonstrationen gegen Jugendgewalt und Waffenverkauf oder übermalte mit seinen Leuten Werbung für Zigaretten und Alkohol im Viertel. Seine Kirchgemeinde baut aber auch Heime für Obdachlose und richtet Restaurants ein, damit Jugendliche Arbeit erhalten.

Diese Haltung ist extrem, findet Pfarrer Chaignat. «Bei uns ist das undenkbar, denn Politik gehört nicht in die Kirche. Es waren schon extreme Situationen, die ich mit Father Pfleger erlebt habe. Zum Beispiel umgibt er sich mit Bodyguards. In gewissen Sachen, wo es die Kirche etwas angeht, sollte sie etwas sagen. Sie sind aber völlig unabhängig vom Staat», erklärt Chaignat. Er vergleicht mit der Schweiz: «Unsere Strukturen sind ganz anders. Man kommt mit der Taufe in die Kirchgemeinde rein und kann dann wieder austreten.»

Der Uitiker glaubte immer, die «Amis» seien bigotte Leute. Es gebe solche Sachen, die bedenklich seien, etwa die TV-Prediger, «aber in den Kirchgemeinden, die ich besucht habe, sagen sie, die Bibel sei Gottes Wort. Das ist ihre Grundlage. Ein Prediger sagte, die Bibel sei das vom Geist inspirierte Wort Gottes. Das ist zwar fundamentalistisch, aber keiner sagt, du kämest in die Hölle, wenn du nicht daran glaubst.»

Der Glaube zeige sich in der Praxis, sagt Vincent Chaignat. Es sei ihre Art, die Liebe Gottes auszudrücken. Dies bedeute, dass die Gläubigen die Lebenssituation rund um ihre Gemeinde deutlich zu verbessern wüssten. Zum Beispiel die Lawndale-Community-Church, welche verlotterte Häuser kauft, um sie zu sanieren und die Wohnungen günstig abzugeben. «Es geht ihnen um die menschliche Würde, darum, die Liebe Gottes praktisch umzusetzen. Zur dieser Kirche gehören übrigens auch eine Augenklinik und ein so genanntes ‹Hopehouse›, in dem ehemalige Strafgefangene aufgenommen werden.» Die Kirche habe auch einen Juristen angestellt, der unterprivilegierte Afroamerikaner aus dem Gefängnis holt, in das sie wegen Bagatelldelikten kamen. Die Stadt sei nicht unglücklich über die Aktivitäten der Kirchen und zahle teilweise sogar Beiträge.

In der fourth Presbyterian Church im Zentrum von Chicago stiess Pfarrer Chaignat zum Kern der Freiwilligenarbeit vor. Von den 6000 Mitgliedern arbeiten 1500 bis 2000 in irgendeiner Form freiwillig mit. Sie hat gar einen Direktor angestellt, der dies alles managt. «Die Leute dort arbeiten freiwillig viel mehr mit als bei uns. Das erwarten sie aber auch von ihren Mitgliedern. Freiwillige zu suchen, ist kein Problem. Bei uns in Uitikon ist das bedeutend schwieriger», so Vincent Chaignat. Die Kirche organisiere mit den Freiwilligen beispielsweise dreimal die Woche ein Abendessen für Obdachlose, an dem auch immer eine Krankenschwester anwesend sei, um die Kranken zu betreuen und allenfalls in ein Spital einzuweisen.

«Ich fragte eine Freiwillige, die seit sieben Jahren jeden Sonntag aktiv ist, weshalb sie das mache. Sie sagte mir, es sei eine Berufung», staunte der Uitiker. Er sah, dass die Verbundenheit der Leute mit ihrer Kirche ein Teil ihres Lebens
sei. «In der Volkskirche bei uns geht
man meistens nur hin, wenn man sie braucht», resümiert Chaignat. Er erinnert auch an die Chicagoer Kirchengeschichte. Die Kirchen entstanden praktisch alle zwischen 1840 und 1900 als Folge der Einwanderung. «Die Amerikaner haben ein anderes Bild der Kirche als wir, weil die Kirche mithalf, die eigene Kultur wenigstens teilweise zu bewahren und für soziale Belange zuständig war und ist.»

Nach seiner Rückkehr nach Uitikon habe er ein paar Mal probiert, den Gottesdienst etwas einfacher zu gestalten und bei der Predigt etwas freier aufzutreten. Das habe zu diskutieren gegeben, stellte der reformierte Pfarrer fest. «Die Leute sollen merken, weshalb sie überhaupt in der Kirche sind. Aber alles andere, wie Altersheime bauen, das liegt hier längstens nicht mehr an uns», sagt der Pfarrer, dessen Augen während des ganzen Interviews ob der neuen Eindrücke aus den USA gestrahlt haben. Man hat ihm vorausgesagt, er werde hart landen, wenn er zurück in Uitikon sei. Hart war die Landung tatsächlich, aber mit unbezahlbaren Eindrücken im Gepäck.