Dietikon
Pfarradministrator Adrian Sutter im Interview: «Das Zölibat ist ein grosser Verzicht»

Der erste Eindruck: unkompliziert, zugänglich. Im Gespräch erweist er sich darüber hinaus auch als selbstreflektierend und als einer, der heiklen Themen nicht ausweicht. Im Juni soll Adrian Sutter zum Pfarrer für die 9000 Dietiker Katholiken gewählt werden.

Gabriele Heigl
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Pfarradministrator Adrian Sutter ist in Dietikon «angekommen». Er freut sich auf die Herausforderungen, die als Pfarrer auf ihn zukommen.

Pfarradministrator Adrian Sutter ist in Dietikon «angekommen». Er freut sich auf die Herausforderungen, die als Pfarrer auf ihn zukommen.

Alex Spichale

Grossgewachsen, wacher Blick, warmer Händedruck. Er vermittelt sofort, dass er sich Zeit genommen hat für das Gespräch, um gleich mit einer eigentlich gar nicht geplanten Führung durchs Pfarrhaus loszulegen. Er öffnet alle Türen, führt durch alle Räume. Sogar durch sein Schlafzimmer lotst er einen, vorbei an seinem Bett, damit man einen Blick in sein Bad werfen kann. An der Tür hängt ein Hauptmannsuniformrock mit seinem Namensschild. Derzeit wohnt der Pfarradministrator der katholischen Kirche Dietikon allein im Pfarrhaus; Vikar Jean-Marie Kasereka, der ursprünglich aus dem Kongo stammt, ist zu Schweigeexerzitien verreist; «Ferien mit dem lieben Gott» nennt Adrian Sutter das und lächelt ein wenig wehmütig.

Sie führen ein offenes Haus.

Adrian Sutter: Der Besucher soll sich hier ein Stück weit zu Hause fühlen und keine Hemmungen haben, herzukommen. Ich habe auch gerne Übernachtungsgäste. Unlängst bewohnte ein erwachsener Täufling unser Gästezimmer. Sein Pseudonym war «Petrus», sein richtiger Name ist nicht einmal mir bekannt, da er in seiner Heimat als Christ um sein Leben bangen müsste.

Zur Person

Vom Parfüm zur Pfarrei

Adrian Sutter (47), geboren in Zürich, entdeckte erst spät seine Berufung für die Theologie. Zunächst machte er eine KV-Lehre und arbeitete als Speditionskaufmann in Embrach. Parallel absolvierte er seine Offiziersausbildung bei der Infanterie. 1997 machte er sich mit einem Geschäftspartner selbstständig. Ihr Business: Parfümhandel im Internet. 2006 folgte der Abschluss als Betriebswirtschafter an der Marketing and Business School Zürich.

Nach dem Priesterseminar und seinem Master in Theologie in Chur arbeitete er zunächst als Pastoralassistent in Uster. Dort wurde er auch zum Diakon geweiht. 2013 weihte ihn Bischof Vitus Huonder in Chur zum Priester. Unmittelbar vor Antritt seiner Stelle als Pfarradministrator in Dietikon im September 2016 arbeitete er als Vikar in Uster. Ein Bruder von Adrian Sutter ist 2010 zum muslimischen Glauben konvertiert; seine Frau stammt aus einer malaysischen Adelsfamilie.

Wie wichtig ist Ihnen Privatsphäre?

Ein Pfarrer hat einmal zu mir gesagt: «Mit diesem Beruf wohnst du wie in einem Aquarium.» Ich kann ihm insoweit zustimmen, als dass die Erwartungen an mich schon gross sind. Als Pfarrer muss man zu vielen Anlässen gehen, aber das mache ich auch gern.

So wie es aussieht, kommen Sie gerade vom WK?

Ich war mit 21 bereits Offizier in der Infanterie. Als ich den theologischen Weg einzuschlagen begann, war es für mich logisch, als Armeeseelsorger zu wirken. Wenn mein Bataillon in den WK geht, gehe ich tageweise mit. Ich bin immer da, wenn es Apéro gibt.

Warum immer dann?

Das sind gute Gelegenheiten, Kontakt zu den Soldaten aufzunehmen. Sie fragen nicht unbedingt aktiv nach meiner Hilfe, dennoch gibt es grossen Gesprächsbedarf.

Wie können Sie helfen?

Vor kurzem hatte ich den Fall, dass die Frau eines Soldaten schwer erkrankte. Beide hatten ein kleines, ebenfalls krankes Kind. Ein anderes Mal beschäftigte einen Soldaten der Selbstmord eines Menschen aus seinem Umfeld. Die Kommandanten sind mit diesen Situationen oft überfordert. Als Armeeseelsorger bin ich nicht in die Kommandostruktur eingebunden. Bei mir fällt es leichter, sein Herz auszuschütten. Und mir hilft der Respekt, den mir die Offiziere entgegenbringen, weil ich schon vor meiner Priesterausbildung Zugführer in der Armee war.

Und das neben Ihrer Aufgabe als Pfarradministrator. Wie schaffen Sie Ihr Pensum?

In 40 Stunden klappt es nicht, aber wenn man – so wie ich – auf gute Mitarbeiter zählen kann, ist es zu bewältigen. Allerdings ist mein Team sehr heterogen, es fordert mich. Das habe ich ein wenig unterschätzt. Und leider kommt auch manches andere zu kurz.

Was zum Beispiel?

Stille Zeit, der Rückzug zum Gebet. Vor allem in der zweiten Hälfte des Tages ist es schwierig, sich diese Zeit zu nehmen. Es braucht viel Disziplin, ganz wie im Sport. Das ist der Unterschied zum Leben als Mönch. Der muss sich entschuldigen, wenn er nicht betet. Als Priester muss man sich entschuldigen, wenn man sich die Zeit nimmt, zu beten.

Wie beten Sie?

Jean-Marie und ich stehen um 6.30 Uhr auf und treffen uns um 7 Uhr im Wohnzimmer zum Laudes, dem Stundengebet. Dabei beten wir laut im Dialog. Wenn Jean-Marie nicht da ist, meditiere ich betend. Nach dem Frühstück verbringe ich nochmals eine Gebetszeit ganz für mich. Ich suche dann den Kontakt zu Christus. Ich brauche diese exklusive Zeit mit ihm.

Vor einigen Wochen hat diese Zeitung ein Interview mit Pia-Maria Hirsiger, eine Ihrer Pastoralassistentinnen, geführt. Darin ging es auch um kritische Fragen, unter anderem um ein «Predigtverbot» und die Stellung der Frau in der Kirche.

Diskussionen sind wichtig, sie sollten jeder Entscheidung vorausgehen. Ich möchte, dass in meinem Team gestritten wird, im positiven Sinne. Denn verschiedene Standpunkte bereichern unsere Glaubensgemeinschaft. Im Übrigen bin ich der Überzeugung, dass beide – Mann und Frau – etwas einzubringen haben. Aber sie bringen nicht dasselbe ein.

Pfarrwahl am 12. Juni

Adrian Sutter übernahm am 1. September 2016 die Pfarrei St. Agatha und St. Josef Dietikon als Pfarradministrator mit Gemeindeleitungsfunktion. Da es für ihn die erste Pfarrstelle ist, wurde vereinbart, dass die Pfarrwahl erst nach einem Jahr erfolgen sollte.

An der Kirchgemeindeversammlung am 12. Juni um 19.30 Uhr soll im Pfarreizentrum St. Agatha seine Wahl erfolgen. Der Generalvikar hat im Einvernehmen mit dem Bischofsrat der vorgesehenen Wahl schriftlich zugestimmt. Im Jahresbericht 2016 schreibt der Präsident der Katholischen Kirchenpflege Dietikon, Karl Geiger: «Pfarradministrator Adrian Sutter hat in kurzer Zeit Anerkennung und Aufnahme bei den Gläubigen gefunden. Ich danke ihm für den gelungenen Start, und wir freuen uns auf eine weitere segensreiche Zusammenarbeit.»

Bereits an diesem Sonntag, 21. Mai, um 17 Uhr findet im grossen Saal des Pfarreizentrums St. Agatha eine Pfarreiversammlung statt, zu der Sutter alle Pfarreiangehörigen einlädt. An dieser Versammlung kann man dem künftigen Pfarrer Fragen stellen, Wünsche vorbringen und mit ihm ins Gespräch kommen. (GAH)

Die christlichen Kirchen verlieren seit Jahren Mitglieder. Teil einer Glaubensgemeinschaft zu sein, empfinden viele nicht mehr als zeitgemäss.

Zunächst einmal muss man diese Realität annehmen, das heisst aber nicht, dass man sie gut findet. Ein wichtiger Aspekt für mich bei dieser Frage ist der heutzutage ausgeprägte Drang vieler Menschen nach Individualismus. Sie handeln nach dem Motto «Hauptsache es passt für mich». Aber führt so eine Haltung auch zum Glück? Es muss nicht immer alles schnell, bequem, cosy sein. Wenn wir als Gemeinschaft unterwegs sind, muss jeder ein Stück weit auch zu Kompromissen bereit sein.

Sie sind ja ein Spätberufener. Wie kommt man vom Parfümhandel zur Theologie? Gab es ein Schlüsselerlebnis?

Nicht direkt, es waren eher schicksalhafte Begegnungen. Im Alter von 20 bis 30 Jahren ging ich im Jahr höchstens zwei-, dreimal in die Kirche. Es hat mir gefallen, aber die übrige Zeit hat es mir nicht gefehlt. Durch Zufall traf ich bei einem meiner seltenen Kirchbesuche einen reformierten Kollegen aus der Studentenzeit. Es ergab sich, dass wir ab diesem Zeitpunkt regelmässig gemeinsam in den Gottesdienst gingen. Mal in die katholische Kirche, mal in die reformierte, mal in beide nacheinander. Schliesslich traf ich Dominikanerpater Reginald, der mich getauft hatte. Die Gespräche mit ihm haben mich geprägt. Er war ein sehr beeindruckender Mensch.

Fiel Ihnen der Weg in die katholische Theologie leicht?

Einerseits beengte mich die Auffassung, dass man, wenn man Priester wird, das ganze Paket unterschreiben muss. Andererseits wollte ich Gott und dem Glauben mehr Raum geben. Ich wog meine Optionen ab: Diözesanpriester, Laientheologe, oder ein Orden, also zu den Dominikanern wie Pater Reginald.

Warum wurden Sie nicht Mönch?

Das hätte bedingt, dass die Zölibat-Frage zum Entscheidungszeitpunkt für mich schon geklärt gewesen wäre. Das war nicht der Fall. Ich wollte mir im Priesterseminar diese Frage beantworten.

Hatten Sie Beziehungen?

Ja, ich hatte mehrere intime Beziehungen zu Frauen. Daher war mir bewusst, dass das Zölibat ein grosser Verzicht ist. Ich bin ein «Familienmensch». Auch zu der Zeit, als die Entscheidung anstand, hatte ich eine Freundin; sie hatte aus einer früheren Beziehung zwei Kinder. Als reformierte Pfarrerstochter verstand sie mich. Aber es war mir nie möglich gewesen, zu ihr zu sagen «Ich liebe dich.» Es hat nicht gepasst, auch nicht mit anderen Frauen.

Jetzt leben Sie hier im Pfarrhaus in einer Wohngemeinschaft.

Das war sehr wichtig für mich. Ich habe mir beim Generalvikar und beim Bischof ausbedungen, dass ich nicht alleine leben muss.

Wie kam es zu Ihrer Entscheidung für Dietikon?

Wie so oft im beruflichen Leben war es Zufall. Der Generalvikar gab mir den Tipp, mit Karl Geiger, dem Präsidenten der Dietiker Kirchenpflege, Kontakt aufzunehmen. Das Treffen mit ihm und der Personalkommission verlief für beide Seiten gut.

Sie fühlen sich wohl in Dietikon?

Ich bin sehr gerne hier, ich mag den Mix zwischen städtischem und dörflichem Ambiente. Das Pfarrhaus und die Kirche liegen wunderbar zentral am Bahnhof. Das hat nicht nur eine hohe Lebensqualität für mich, sondern ist überhaupt ein grosses Plus für die Kirche. Mir gefällt, dass es eine grosse Pfarrei ist. So ist auch in unserem Angebot Vielfalt möglich. Exerzitien für den Alltag, Pfarreiweekend, moderne Gottesdienste und Erwachsenenbildung – das kann eine kleine Pfarrei nicht anbieten.

Sind die Dietiker Gläubigen mit Ihnen zufrieden?

Jeder Pfarrer hat einen eigenen Stil und manche Entscheidungen finden nicht bei jedem Anklang. So habe ich etwa die Gottesdienstzeiten in beiden Kirchen verändert, um Überschneidungen zu vermeiden. Aber man gewöhnt sich aneinander.

Was wollen Sie als Pfarrer in Ihrer Pfarrei bewegen?

Die katholische Kirche Dietikon gibt es nicht erst seit September 2016, als ich hier ankam. Schon vorher wurde gute Arbeit geleistet. Aber natürlich liegt mir Verschiedenes am Herzen, etwa die Menschen stärker in die Kirche einzubinden. Das betrifft vor allem die Jugendlichen. Auch die Mitarbeiter sollen sich noch weiter einbringen und entfalten können. Vor allem aber möchte ich Christus bewusster ins Zentrum stellen. Das wird oft vergessen. Viele Christen können nicht benennen, welche Beziehung sie zu Christus haben. Das ist für mich ein Unding.

Noch einmal zurück zu Ihrer Motivation, Diözesanpriester zu werden. Können Sie das in einen Satz fassen?

Ich bin Pfarrer geworden, weil ich Gott und die Menschen gern habe.

Epilog

Zwei Tage nach dem Interview schickt Adrian Sutter per Mail eine Ergänzung mit Zwinker-Smiley: «Zu der Frage, warum ich nach Dietikon gekommen bin, kann ich noch ergänzen, dass sich die ‹Vorsehung› auch in den Umständen oder durch den Willen meiner Vorgesetzten ausdrücken kann. Natürlich ist bei weitem nicht alles, was die vorgesetzten Stellen sagen, Gottes Wille.»