Lagerzeitung

Pfadis produzieren Lagerzeitung mit Schere, Leim und Schreibmaschine

Eine mobile Redaktion: Romano Stocker, Simon Stäheli und Gian Andri Bezzola mit ihrem «Canif Rouge»-Bus

Eine mobile Redaktion: Romano Stocker, Simon Stäheli und Gian Andri Bezzola mit ihrem «Canif Rouge»-Bus

Die rasenden Pfadi-Reporter und ihre Lagerzeitung «Canif Rouge» sorgen auch bei der Pfadi Limmattal im Sommerlager für eine optimale Kommunikation.

Wer den kleinen orangefarbenen VW-Bus und die wehende Fahne vom Ufer des Greyerzersees aus erblickt, der weiss: jetzt kommen die rasenden Reporter der Pfadi mit ihren Nachrichten und mit Geschichten aus den benachbarten Pfadilagern. Mit «knallhart recherchierten Storys» und den dazugehörigen Fotos brachte die Lagerzeitung «Canif Rouge» die 350 Lagerteilnehmer laufend auf den neusten Stand des Lagergeschehens.

Sieben Pfadigruppen aus der Region Zürich, darunter auch die Pfadiabteilungen Limmattal und Altberg, nahmen am Pfadikorps-Sommerlager am Greyerzersee teil. Jede Gruppe schlug für zwei Wochen ihre Zelte auf einer anderen Wiese rund um den See auf. «Bei solch einem grossen Lager war es wichtig, für eine Kommunikation zwischen den verschiedenen Lagern zu sorgen», sagt der Oetwiler Romano Stocker, Reporter von «Canif Rouge».

Der Titel der Zeitung bedeutet so viel wie «Rotes Messer». Gemeint ist natürlich das Schweizer Sackmesser, ein Utensil, das zur Standardausrüstung eines jeden Pfadimitgliedes gehört. Zusammen mit dem Chefredaktor Simon Stäheli aus Zürich und dem Illustrator Gian Andri Bezzola aus Geroldswil fuhr Stocker mit dem Bus von Lager zu Lager, verteilte die neuste Ausgabe der Lagerzeitung und sammelte neue Themen, Interviews und Informationen für die nächste Ausgabe. Berichtet wurde etwa von dem traditionellen Wettkampf der Abteilungen, von Regenfällen und Überschwemmungen oder von Abenteuern auf einem PET-Floss mit Segel. Ein Kochrezept für Weinbergschnecken oder ein Bastelbogen zum Ausschneiden boten den Lesern einen zusätzlichen Service. Auch diese lieferten den einen oder anderen aktuellen Bericht für die Zeitung, zum Beispiel über den Rahmenbruch eines Velos. Der Kommentar des Leiters, «Chame chläbe», entwickelte sich in der Folge zu einem Running-Gag im Lager. «Die Zeitung wurde so zu einer interaktiven Plattform für alle, die irgendeinen Beitrag beisteuern wollten», sagt Stocker. Das Besondere an dem Projekt «Canif Rouge» war nicht etwa die Tatsache, dass die drei Macher vorher noch nie eine Zeitung produziert hatten, sondern dass sie diese Aufgabe ohne Computer bewerkstelligen mussten. Diese Einschränkung erlegten sie sich allerdings freiwillig auf. «Bei der Arbeit sitzen wir täglich vor dem Computer. Das wollten wir uns nicht auch noch in den Ferien antun», sagt Bezzola.

Man besorgte sich also zwei taugliche Schreibmaschinen, Tinte und weitere Utensilien zum Schneiden, Kleben, Pausen und Heften. Der Bus mit dem eigenen Logo fungierte als mobile Redaktion, von wo aus man Texte direkt vor Ort eintippen konnte.

Entworfen und produziert wurde die Lagerzeitung allerdings in der Garage eines Bauern. Dort sass der gelernte Grafiker Bezzola mit den Kollegen oft bis tief in die Nacht an seinen Illustrationen oder tüftelte an der Seitengestaltung. Dabei erforderte der Verzicht auf Computer viel Kreativität und zusätzliche Arbeit. «Bis wir herausgefunden hatten, wie man die Breite einer Spalte verändert, musste ich zwei Stunden an der alten Schreibmaschine hantieren», sagt Bezzola. Vieles, was am Computer mit einem Mausklick erledigt sei, sei mit der Schreibmaschine wesentlich umständlicher zu realisieren.

Dass Schreibfehler dabei kaum zu verhindern waren, war den Herstellern der Zeitung von Anfang an klar. Die Zeitung bekomme aber gerade durch die Fehler, die Ungenauigkeiten und das Handgemachte ihren Charme, erklärt Stocker. «Bei den Pfadfindern darf man noch Fehler machen. Man hat genügend Zeit, um sie auszubessern, oder kann daraus lernen. In der Arbeitswelt ist dies immer weniger möglich», sagt er.

Einzig für die Fotos und die Vervielfältigung der Zeitung musste man auf moderne Technik, wie Digitalkamera und Kopierer zurückgreifen. 150 Exemplare wurden pro Ausgabe kopiert. Insgesamt waren es fünf Zeitungen, das heisst, alle zwei bis drei Tage gab es eine neue Ausgabe. «Das wäre nur von Hand nicht machbar gewesen», sagt Bezzola. Für die drei Jungs ist die Pfadi so etwas wie ein Rückzugsgebiet vom modernen, von Technologie beherrschten Alltag. Im Lager kocht man auf dem Feuer, schläft im Zelt und produziert folgerichtig auch eine Zeitung mit den einfachsten Mitteln.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1