Peter und Vreni sind überall. Manch eine Stadtzürcher Zigarette und Kerze wurde durch das grüne Feuerzeug mit dem geschwungenen Schriftzug «Peter&Vreni» entzündet. Sogar bis nach New York fand das Erkennungszeichen des Schuhgeschäfts an der Langstrasse, das man schon von weitem durch seinen überdimensionierten Schuh auf dem Vordach erkennt, seinen Weg: Man munkelt, dass in den dortigen Szenebars immer wieder mal eines der längst Kult gewordenen Feuerzeuge auftaucht.

Zeuge der Quartierentwicklung

Doch als der junge Peter Kramer am Nikolaustag 1973 zusammen mit seiner Frau Vreni den Schritt in die Selbstständigkeit wagte, konnte er noch nicht ahnen, dass sein Geschäft auch 40 Jahre später nicht aus der Mode gekommen sein würde. Auch nicht, welche Veränderungen auf die Heimat des Ladens, das Zürcher Langstrassenquartier, noch zukommen würden. «Peter&Vreni» ist heute viel mehr als ein Schuhladen – es ist ein Zeuge der rasanten Entwicklung des Kreises 5 vom Arbeiterquartier zur Drogenhochburg zum Vorzeigeexempel moderner Quartieraufwertung.

Angefangen hat alles 1959, «ein paar Türen weiter oben», im Schuhaus Wild. Hier absolvierte Kramer, ein gebürtiger Altstetter, der seit 30 Jahren in Oberengstringen wohnt, seine Lehre. Eigentlich habe er ja Koch werden wollen, oder mindestens Kondukteur, was ihm sein Vater, ein Bähnler, ans Herz legte. Doch dafür brauchte er eine Berufslehre. So kam er «durch Glück und Zufall» zum Schuhhandel – und nicht mehr davon weg. «Herr Wild wollte mich einfach nicht gehen lassen», sagt Kramer mit dem schallenden Lachen, für das ihn seine Stammkunden so mögen.

Im Schuhhaus Wild lernte er auch Vreni kennen, die dort als Verkäuferin arbeitete. Als ihm Wild eröffnete, dass er in den Ruhestand treten wolle, war Kramer, mittlerweile Geschäftsleiter, zuerst noch unentschlossen, ob er übernehmen sollte. «Doch Vreni hat mir gut zugesprochen und so haben wir zusammen bei null angefangen.» Mit geliehenen 40 000 Franken und der Bürgschaft seines ehemaligen Patrons baute das junge Paar das Geschäft um und kaufte sich das Startinventar zusammen.

Das Geschäft war von Anfang an mit Erfolg gesegnet. In seinen Anfängen gingen im «Peter&Vreni» die Saisonniers, die im Industriequartier wohnten und arbeiteten, ein und aus, «Bähnler und einfache Leute» waren ihre Kundschaft, wie Kramer heute sagt. Bei den Kramers fanden sie robustes Schuhwerk für wenig Geld – ein einfaches, aber funktionierendes Geschäftsmodell. Der Platz wurde bald zu eng. Da wurde – wieder «durch Glück und Zufall» – ein paar Häuser weiter ein Ladenlokal leer. Die Kramers griffen zu. Die Umsatzzahlen stiegen jedes Jahr. Bis die Junkies kamen.

Drogenszene schadete Geschäft

Als Zürich Mitte der 1980er-Jahre zur Drehscheibe der internationalen Drogenszene wurde, begann für das Geschäftspaar eine schwierige Zeit. «Wir haben einiges durchgemacht damals.» Täglich räumten sie die herumliegenden Spritzen vor dem Laden weg. Die herumliegenden Drögeler versuchten sie auszublenden. Erstmals begannen auch die Umsätze zu stagnieren. «Die Leute hatten Angst, ins Quartier zu kommen. Letten und Platzspitz waren zu nah», sagt Kramer. Besonders seine Frau, die diesen Frühling verstarb, litt darunter. Doch auch er war froh, abends ins beschauliche Oberengstringen zurückkehren zu können. «Hätte ich an der Langstrasse auch noch wohnen müssen, ich wäre durchgedreht», sagt er.

Auch das Erfolgsmodell begann zu wanken. «Das günstige Angebot zog auch die Junkies an. Da mussten wir umdenken und die Preise anheben.» Es funktionierte: Die Drogensüchtigen blieben weg – ausser wenn sie sich im Laden vor Polizeipatrouillen versteckten – und Kramer schaffte es mit einem treffsicheren Gespür für die neuste Mode, eine besser betuchte Kundschaft anzusprechen.

Banker, Prominenz und Arbeiter

Diese blieb «Peter&Vreni» bis heute erhalten. Doch nicht nur: «Das ist das Schöne an unserem Laden: Hier treffen Banker auf Immigranten und Arbeiter auf regionale Prominenz», sagt Kramer, der das Familiengeschäft vor zwei Jahren seiner Tochter Michèle übergab. Der Erfolg ist ungebrochen, auch Billigketten und Internethandel konnten «Peter&Vreni» nicht viel anhaben. Im Gegenteil: «Seit vor gut einem Jahr die Vögele-Filiale am Limmatplatz eröffnete, haben wir fast noch mehr Kundschaft», sagt Kramer und lacht sein schallendes Lachen.