Müdespacher sitzt am Esstisch in seinem Haus mit Blick über das Limmattal. Es riecht nach Harz, nach Adventskranz. Der 79-Jährige erzählt von einem seiner tausend Projekte, der Ausgrabung einer frühmittelalterlichen Kirchenanlage auf Hohen Raetien. Dabei dreht er einen Zimtstern zwischen den Fingern. «Ich bin einer der zupackt», sagt er. Dann legt er das Gebäck neben die Kaffeetasse und lächelt schlitzohrig. «Und ein bisschen ein Selbstdarsteller.»

«Ganz oder gar nicht»

Im Herbst 1961 tritt Müdespacher - damals Primarlehrer im Zentralschulhaus - in den Ortsausschuss der Volkshochschule ein. Pro Jahr finden damals ein bis zwei Kurse statt. «Von der Gründung 1933 bis ins Jahr 1961 waren nur gerade 37 Kurse organisiert worden», sagt Müdespacher und schüttelt den Kopf, als ob er es heute noch nicht verstehen könne. Er habe sich dann gesagt, «ganz oder gar nicht», habe angefangen, Artikel zu schreiben und Werbung zu machen.

Doch das Ganze gestalte sich als harziges Unterfangen; trotz seines Engagements müssen weiterhin Kurse mangels Teilnehmern abgesagt werden. Müdespacher - inzwischen Präsident der Volkshochschule - setzt alles auf eine Karte: Er leert das Sparheftli, setzt mit den letzten 800 Franken auf Reklame, organisiert fünf neue Kurse, lässt Programme drucken und sie in jeden Haushalt verteilen. «Ich dachte mir; entweder ist jetzt alles zu Ende oder es ist der Durchbruch.»

Es war der Durchbruch: Alle fünf Kurse werden durchgeführt, teilweise mit über 70 Teilnehmern. Heute sind es über 600 Kurse, die die Volkshochschule unter Müdespachers Führung organisiert hat. Mangels Teilnehmer abgesagt wurden nur einige wenige. «Wenn einer abgesagt wurde, dann war es jeweils wegen höherer Macht: Einmal wurde ein Referent schwer krank, ein anderer verstarb leider.»

«Geologie ist die Basis»

Müdespachers Steckenpferd ist die Geologie, seit seiner Pensionierung 1995 studiert er sie intensiv. Zusammen mit Alfred Lottenbach und Reno Benassa bietet er für die Volkshochschule Exkursionen in geologisch spannenden Ecken an. «Geologie ist die Basis, das, worauf sich alles aufbaut.» Trotzdem setzt er in seinen Kursen nicht nur auf Geologie, «das wäre zu trocken». Er achte darauf, immer ein Gesamterlebnis zu gestalten: Geologie mit ein bisschen Archäologie, etwas Kultur, Botanik - und gutem Essen. Ein Konzept, das passt.

Im Laufe der Jahre hat sich ein Fanclub gebildet; rund 150 wissbegierige Personen, verstreut über den halben Kanton. Wie eine grosse Familie. «Ich kann machen, was ich will, meine Exkursionen sind immer voll», sagt er und lacht.

Bei Müdespacher herrscht keine Schulstubenatmosphäre. Ihm ist es wichtig, dass die Kursteilnehmer rauskommen, lernen, aus der Landschaft zu lesen. «Wenn die Leute dann plötzlich anfangen, selber Zusammenhänge zu sehen und zu entdecken - das fasziniert mich», sagt Müdespacher. Da bricht der Lehrer mit ihm durch.

Wir tragen das Wissen aufs Land hinaus

Wer im Angebot der Volkshochschule Dietikon seichte Unterhaltung sucht, ist falsch gewickelt. Was angeboten wird, hat Gehalt, das ist Müdespachers Credo: «Wir sind eine Bildungsinstitution und kein Unterhaltungsverein.» Die Leute sollen in erster Linie etwas lernen, ihr Interesse vertiefen.

«Das ist der ursprüngliche Gedanke der Volkshochschule, der der Volksbildung: Wir tragen das Wissen aufs Land hinaus.» Dafür habe er immer die besten Leute nach Dietikon geholt. Durch seine Tätigkeit als Seminarlehrer ist er ausgezeichnet vernetzt, ist mit ausgewiesenen Fachpersonen auf Du und Du.

Zwei Monate pro Jahr auf Achse

50 Jahre Volkshochschule, davon 40 Jahre als Präsident und 25 Jahre im kantonalen Vorstand - das braucht viel. Viel Energie, viel Einsatz, viel Zeit. Zwei Monate pro Jahr ist er für die Volkshochschule unterwegs. «Ja, meine Familie hat oft auf mich verzichten müssen», sagt Müdespacher und dreht den Zimtstern wieder zwischen den Fingern. An seiner Einstellung von damals - «ganz oder gar nicht» - hat sich nichts geändert.

Vor jedem Ausflug wird ausgiebig rekognosziert, da wird etwa die Greina-Ebene lückenlos abmarschiert, jede Hütte getestet. «Ich muss doch jeden Winkel kennen, bevor ich meine Kursteilnehmer dahin führe», sagt Müdespacher fast entschuldigend.

Missen will er aber nichts und anders machen auch nicht. Diese Arbeit sei eine bereichernde Angelegenheit, die halte ihn auf Trab. Eine Arbeit von vielen. Eines der vielen Blümchen, die sein Leben bereichern.