Der kleine Zeiger der Bahnhofsuhr springt auf die Fünf. Nur wenige Sekunden später fährt Paul Annen im silbrigen Mercedes vor und reiht seinen Wagen zuhinterst am Taxistand ein. Der 51-Jährige übernimmt die Nachtschicht für Forty-Taxi und löst damit Geschäftsführer Pasquale Casciani ab, der seit morgens um 5 Uhr im Dienst ist.

12 Stunden liegen vor dem Taxichauffeur. Was ihn in dieser Zeit erwartet, weiss er nicht. «Überhaupt weiss man nie, was der Tag so bringt», sagt er. Er habe gelernt, jede Schicht so zu nehmen, wie sie kommt. «Wichtig ist nur, dass die Rechnung am Ende des Monats aufgeht.»

Die langen Wartezeiten bereiten ihm mittlerweile keine Mühe mehr: Paul Annen am Taxistand beim Bahnhof Dietikon.

Die langen Wartezeiten bereiten ihm mittlerweile keine Mühe mehr: Paul Annen am Taxistand beim Bahnhof Dietikon.

Am Taxistand stehen noch fünf weitere Autos vor ihm, die auf Kundschaft warten. Bekommt Annen keinen direkten Anruf von der Zentrale, wartet er hier am Bahnhof auf Gäste. Zu Beginn seiner Arbeit als Chauffeur habe er Mühe gehabt, die langen Wartezeiten zwischen den Fahrten auszuhalten. «Ich habe mich mittlerweile aber daran gewöhnt. Gerade unter der Woche vergehen oft zwei oder drei Stunden, bis ich einen Auftrag habe», sagt der gelernte Lastwagenfahrer.

Das Unternehmen Forty-Taxi ist das älteste Taxiunternehmen in Dietikon. Annen fährt seit Januar dieses Jahres unter dessen Namen. In Dietikon bieten noch fünf weitere Firmen ihre Fahrdienste an. Alle haben sie ihren Standplatz am Dietiker Bahnhof. «Der Konkurrenzkampf ist gross. Man gönnt einander nichts», sagt Annen. Um Geld zu verdienen, seien viele der Chauffeure bereit, Grenzen zu überschreiten. «Einige von ihnen fahren nach Zürich, um dort Kunden aufzugabeln. Dass sie dafür gebüsst werden können, interessiert sie nicht.» In der Stadt Kunden zu suchen, sei deshalb nicht erlaubt, weil man damit den Taxichauffeuren in Zürich die Fahrgäste wegnehme.

Eine halbe Stunde nach Schichtbeginn ist Annen auf den vordersten Platz am Taxistand vorgerückt. Ein Paar mit zwei grossen Koffern verlässt den Bahnhof und nähert sich Annens Wagen. Noch bevor dieser aussteigen kann, um die Fahrgäste zu begrüssen, eilt ein anderer Taxichauffeur dem Pärchen zu Hilfe und hievt das Gepäck in den Kofferraum seines Wagens. «Wir müssen bis über die Grenze», erklärt der Kunde dem Fahrer und steigt ins Auto. «Das wäre eine sehr gute Fahrt gewesen», sagt Annen. Doch er schreitet nicht ein. «Es bringt nichts darauf zu bestehen, dass es meine Kundschaft gewesen wäre», sagt er. Das habe nur einen Streit zur Folge, der das angeknackste Verhältnis untereinander noch erhärten würde.

Geduldig wartet Annen auf die nächste Kundschaft. Unter der Woche ist bei weitem nicht so viel los wie an den Wochenenden. «Am Freitag und Samstag fahre ich oft Personen, die feiern waren», sagt er. Zwar verdiene er dann am besten, jedoch habe er auch eher einmal unangenehme Fahrgäste. Viele seien alkoholisiert und zettelten auf der Rückbank schon mal Streitereien an. Andere wiederum seien kurz davor, in seinem Auto zu erbrechen. «Wenn das passiert, kann ich die Schicht abbrechen und das Auto reinigen lassen», so Annen.

Ansonsten sei es jedoch gerade der Kontakt zu den Fahrgästen, der ihm Freude bereite. Vor allem ältere Menschen schätzten seine zuvorkommende Art, sagt er. Von den meisten kenne er die Wohnadresse auswendig. «Das zeigt den Leuten, dass ich sie schätze und ihnen zuhöre.» Oft fährt der Chauffeur auch Geschäftsleute. Die Fahrten zum Flughafen sind lukrativ.

Von sich aus spricht Annen die Kunden während der Fahrt nicht an. «Wenn ich aber merke, dass jemand reden möchte, unterhalte ich mich noch so gerne», sagt er. Begonnen beim Wetter und den Neuigkeiten des Tages, entwickelten sich oftmals gute Gespräche. «Viele Kunden vertrauen mir sehr persönliche Dinge an», sagt er. Das Erzählte behalte er aber für sich. «Das geht sozusagen unter die Schweigepflicht eines Taxifahrers.»

Eine weitere Stunde vergeht, bis ein junger Mann auf den Beifahrersitz von Annens Wagen einsteigt. Er muss an die Lerzenstrasse in Dietikon. Die Fahrt vom Bahnhof aus ist kurz, doch die beiden Männer kommen sofort ins Gespräch. Am Zielort angekommen bedankt sich der Kunde für die Fahrt und rundet den Betrag grosszügig auf. Annen stellt seinen Taxometer wieder auf Null, fährt zurück an den Taxistand und reiht sich erneut hinten ein. «Ich bin gespannt, was die nächsten Stunden noch bringen», sagt Annen und lehnt sich im Sitz seines Wagens entspannt zurück.