Dieser Mann hat hektische Zeiten durchlebt. Patrick Schärer war Verwaltungsleiter in Baden, als im Sommer 2014 die Affäre um den Stadtammann Geri Müller ins Rollen kam. Kurz darauf kündigte Schärer – und übernahm im März 2015 in Schlieren die Nachfolge von Martin Studer als Geschäftsleiter der Stadtverwaltung. Er habe sich vor einem Jahr gut überlegt, ob er weiterhin in einer Stadtverwaltung tätig sein wolle, sagt der 44-Jährige: «Ich entschied mich aber aus voller Überzeugung dafür.» Und man glaubt ihm, wenn er dies sagt.

Mit ruhiger, sonorer Stimme schwärmt Schärer von der Vielseitigkeit seines Jobs, von der guten Organisation der Schlieremer Verwaltung und von der Offenheit, die er bereits beim ersten Kontakt mit dem Stadtrat und den Abteilungsleitern der Verwaltung gespürt habe. «Die Entwicklung der Stadt in den vergangenen Jahren zeigt, dass hier innovative Leute am Werk sind. Und dass Schlieren noch immer unter seinem Wert verkauft wird», so Schärer. Diese Grundvoraussetzungen hätten den Ausschlag dafür gegeben, dass er sich um die Stelle bewarb.

Man hätte es dem Betriebsökonomen aber nicht verdenken können, wenn er sich nach den Erfahrungen des vergangenen Jahres umorientiert hätte: Als im August 2014 publik wurde, dass der Badener Stadtammann Geri Müller (Grüne/Team Baden) Nackt-Selfies aus seiner Amtsstube an eine Chat-Partnerin gesendet hatte, wurde daraus in wenigen Tagen ein mediales Grossereignis. Auch auf politischer Ebene geriet der Regierungschef ins Kreuzfeuer.

Affäre beschleunigte Entscheid

Ende September kündigte Schärer mit der Begründung, dass er «in der bestehenden Führungsstruktur mit einer Führungsspanne von 19 Abteilungsleitenden» seine Aufgabe nicht so wahrnehmen könne, wie er sich das vorstelle. Gegenüber der «Aargauer Zeitung» räumte er auf Nachfrage ein, dass die Situation in der Exekutive nach der Affäre des Stadtammanns seinen Entscheid «sicherlich beschleunigt» habe. Welche Folgen die Turbulenzen auf die Zusammenarbeit zwischen Exekutive und Verwaltung konkret hatten, will Schärer noch heute nicht beschreiben – Fragen zu «Geri-Gate» beantwortet er grundsätzlich nicht: «Das Thema ist für mich abgeschlossen. Ich will nun vorwärts schauen und mich auf meine Arbeit in Schlieren konzentrieren.»

Vorwärts schauen, das heisst für den neuen Schlieremer Geschäftsleiter vor allem: die städtische Verwaltung weiterentwickeln. «Grosse reorganisatorische Brocken», die angegangen werden müssten, habe er bisher noch nicht entdeckt, sagt Schärer. Unter anderem will er aber die Stadt als Arbeitgeberin attraktiver machen. Die Austrittsrate lag beim Personal der Stadt Schlieren im vergangenen Jahr bei 11,2 Prozent – als «gesunden» Wert bezeichnet der neue Verwaltungschef eine Rate zwischen 8 und 10 Prozent: «Eine gewisse Fluktuation ist nämlich durchaus erwünscht.» Was in Bezug auf die Arbeitsbedingungen in Schlieren möglich ist, gelte es zusammen mit dem Stadtrat erst herauszufinden, sagt er.

Handlungsbedarf besteht seiner Ansicht nach derzeit vor allem bei den Platzverhältnissen: Die Büroräume im Stadthaus sind teilweise sehr eng. «Wir platzen aus allen Nähten», sagt der Geschäftsleiter. Kommt dazu, dass in einer wachsenden Stadt wie Schlieren die Verwaltung wohl weiter ausgebaut werden muss. Die grosse Herausforderung der nächsten Jahre sei es daher, Abläufe zu verbessern und den nötigen Platz zu schaffen, so Schärer.

Und ein «Schaffer» ist er, glaubt man jenen, mit denen er es bisher zu tun hatte. Ein Kenner der Badener Verwaltung, der nicht mit Namen genannt werden will, bezeichnet ihn etwa als «rührigen, seriösen Stabschef, der sich nie in den Vordergrund stellte und eine klare Kommunikationslinie hatte». Auch Lothar Ziörjen (BDP), der Dübendorfer Stadtpräsident, unter dem Schärer vor seinem Engagement in Baden die Verwaltung leitete, sagt: «Er genoss bei Verwaltungsangestellten wie auch im Stadtrat und im Parlament grosse Anerkennung. Wir bedauerten seinen Abgang sehr.»

Schärer stellte die Gretchenfrage

In Schlieren war die Position des Geschäftsleiters zuletzt umstritten. In diesem Verwaltungsmodell übernimmt der oberste Personalverantwortliche und Vorsitzende der Geschäftsleitung die gesamte operative Führung der Verwaltung. Die Milizpolitiker im Stadtrat sollen sich so auf die strategischen Entscheidungen fokussieren können, während sie die Stadtschreiberin juristisch berät. Noch unter Schärers Vorgänger Martin Studer wurde das Geschäftsleitermodell im Gemeinderat jedoch wegen angeblicher Reibereien in der Verwaltung infrage gestellt. Die Arbeit des Geschäftsleiters sei «kaum sichtbar, die Stelle aber hoch dotiert», hiess es ausserdem. Bei seinen Bewerbungsgesprächen hat auch Schärer wissen wollen, wie weit das neue Schlieremer Verwaltungsmodell intern abgestützt ist: «Man versicherte mir, dass es bei den Angestellten der Stadt auf breite Akzeptanz stosse. Und dieses Bild hat sich für mich bisher bestätigt», sagt er.

Generell betont der in Rupperswil wohnhafte Familienvater im Gespräch immer wieder, wie stark in der Schlieremer Verwaltung ein Dienstleistungsbewusstsein spürbar und wie offen die Kommunikationskultur sei. Schärer glaubt, wieder eine Stelle gefunden zu haben, in der er Dinge bewegen kann. Und, so scheint es, nach den hektischen Zeiten in Baden auch ein Umfeld, das der Ruhe entspricht, die er ausstrahlt.