Philipp Locher ist seit über 47 Jahren Drogist. Doch gegen die schwierigen Rahmenbedingungen, unter denen die Schlieremer Detailhändler im neuen Jahr ihre Geschäfte betreiben müssen, hat er kein Rezept. «Es herrscht eine gewisse Ohnmacht vor», sagt der Präsident der Detaillistenvereinigung Pro Schlieren über den Gemütszustand der Ladenbesitzer. Bereits 2015 sei ein hartes Geschäftsjahr gewesen, die Kundschaft habe sehr zurückhaltend eingekauft. 

«Zurückhaltend» ist denn auch seine Prognose für die kommenden 12 Monate, in denen es seiner Meinung nach «noch schwieriger werden könnte».

In seinen drei Drogerien in Schlieren, Dietikon und Geroldswil beobachtete Locher letztes Jahr einen markanten Rückgang der Kundenfrequenz. Und er befürchtet 2016 eine ähnliche Entwicklung. «In diese spielen verschiedene Faktoren hinein», sagt er.

Der starke Franken, der die Konsumenten zum Shoppen ins grenznahe Ausland fahren lasse, die wachsende Konkurrenz des Onlinehandels, ein verändertes Einkaufsverhalten bei der jüngeren Generation. «Während unsere Stammkunden langsam wegsterben, ist es den jüngeren Konsumenten egal, wo sie einkaufen.»

Billiges Benzin ist schlecht

Wenig hilfreich ist laut Locher für die Detailhändler der derzeit rekordtiefe Ölpreis. «Billiges Benzin macht es für die Konsumenten noch attraktiver, zum Einkaufen nach Deutschland zu fahren», sagt Locher. Das Wachstum des Einkaufstourismus (siehe Kasten) würde aus Lochers Sicht auch eine allfällige Abwertung des Frankens nicht erheblich bremsen. «Das Problem ist ja nicht nur der Wechselkurs. Auch die Rückerstattung der Mehrwertsteuer macht das Einkaufen im Ausland attraktiver als in der Schweiz.»

Die eigenen Preise zu senken, um mit der ausländischen (Online-)Konkurrenz mithalten zu können, wäre aus Lochers Sicht für die hiesigen Läden nur mit negativen Nebeneffekten umsetzbar. «Die Konsequenz wäre, weniger Mitarbeiter zu beschäftigen und weniger Lehrlinge auszubilden.» Dies sei keine ideale Lösung, «aber eine Option.» Zu dieser gehöre auch, bei einem Personalabbau die Spitzenzeiten im Verkauf vermehrt mit Aushilfen abzudecken. Abgesehen davon bleibe den Detailhändlern nur, sich in Durchhalteparolen zu üben.

Umsatz wird nicht steigen

In Dietikon setzt Elio Frapolli, Präsident der Vereinigung Zentrum Dietikon (VZD), derweil auf Berufsoptimismus. «Es hilft nicht, wenn wir die Kunden mit einem ‹Lätsch› begrüssen», ist er überzeugt, auch wenn er ebenfalls «recht verhalten» ins neue Jahr blickt: Die Mitglieder des VZD könnten froh sein, wenn die Umsätze 2016 auf dem Niveau vom Vorjahr blieben. Das hat für Frapolli nicht hauptsächlich mit dem Einkaufstourismus im Ausland zu tun – «der betrifft die mehrheitlich kleinen Läden im Zentrum nicht so stark.» Die grossen Einkaufszentren in der Silbern und in Spreitenbach seien die grössere Konkurrenz. Auch «globale Verwerfungen», etwa die Krise im Nahen Osten, wirkten sich negativ aufs Geschäfts aus. «Es ist ein emotionales Problem: Die Leute haben angesichts ständiger Negativmeldungen keine Lust zum Einkaufen», sagt er. Diesbezüglich mache sich die Weltlage auch im Lokalen immer stärker bemerkbar.

Als Massnahme gegen die Zurückhaltung der Konsumenten nennt Frapolli «Herzlichkeit, Freundlichkeit und eine motivierte Kundenbetreuung». Die Geschäfte müssten ihren Kunden einen Zusatznutzen bieten, etwa in Form von kompetenter Beratung. Letztlich müsse die Branche lernen, mit den schwierigen Rahmenbedingungen zu leben. Dazu gehört für Frapolli auch, das Sortiment zu reduzieren oder personelle Konsequenzen zu ziehen, und etwa Mitarbeiter nur noch Teil- statt Vollzeit anzustellen.

Auch wenn 2016 für die Geschäfte im Dietiker Zentrum ein schwieriges Jahr werden dürfte, haben sie laut Frapolli einen guten Grund, zuversichtlich auf die Zeit danach zu blicken. «Mit dem Bau der Limmattalbahn wird es ab 2017 Investitionen der Bahn-Betreiber, Immobilienbesitzer und der Stadt geben müssen.» Dies wird aus Sicht des VZD-Präsidenten zu einer «notwendigen Attraktivitätssteigerung» führen.