Dass am Donnerstagabend im Dietiker Parlament ein besonderes Geschäft traktandiert war, zeigte sich schon beim Blick auf die Zuschauertribüne. Wo sonst oft nur eine Handvoll Personen sitzen, hatten diesmal gut 20 Zuschauer Platz genommen.

Doch falls sie auf einen handfesten Streit gewartet hatten - etwa so wie beim letzten Mal, als das Parlament über Schulsozialarbeit diskutierte - waren sie vergebens gekommen. Falls sie aber die Wiedereinführung der Schulsozialarbeit erleben wollten, so wurden sie belohnt: Das Parlament stimmte dem Antrag der Schulpflege einstimmig zu.

«Es brennt wirklich»

Das klare Resultat täuscht darüber hinweg, wie emotional das Thema ist (siehe auch Kasten) - und dass auch am Donnerstagabend nicht ohne Leidenschaft diskutiert wurde. Es war jedoch zu spüren, dass niemand wollte, dass die definitive Einführung der Schulsozialarbeit nach 2009 ein zweites Mal scheitert - nicht nur Schulpräsident Jean-Pierre Balbiani (SVP). Er bat das Parlament inständig, dem Antrag zuzustimmen und auf parteipolitisches Geplänkel zu verzichten. Dieses habe zum «Scherbenhaufen» geführt, den man heute habe: «Es brennt wirklich da und dort», so Balbiani. «Es geht darum, dass man den Lehrern wieder mehr Raum gibt für ihr Kerngeschäft.» Es sei wichtig, dass sie sich nicht dauernd mit Schulsozialarbeit beschäftigen müssten.

SVP will nicht nur Frauen

Auch die SVP konnte sich diesmal, anders als 2009, mit dem Antrag der Schulpflege anfreunden. Das Ziel sei eine «niederschwellige Anlaufstelle» für Kinder und Jugendliche, sagte Esther Wyss (SVP). Man wünsche der Schule zudem «ein gutes Händchen» bei der Auswahl der Sozialarbeiter und hoffe, dass nicht nur Frauen eingestellt würden.
Der Bedarf an Schulsozialarbeit sei ausgewiesen, betonte Werner Synnatschke (EVP). Wenn die Eltern nach wie vor den Hauptteil der Erziehungsarbeit leisten sollten, so könne man sich den Zeichen der Zeit doch nicht verschliessen.

Keine Chance hatte hingegen der Antrag von Ernst Joss (AL). Er plädierte dafür, die Schulsozialarbeit nicht, wie es die Schulpflege vorgeschlagen hatte, mit 290 Stellenprozenten einzuführen. Stattdessen solle man die zweite Option wählen, die 350 Stellenprozente vorsehen und jährlich statt 429000 Franken 508000 Franken kosten würde. Es sei «gravierend», dass bei der weniger umfassenden Version des Angebots die Prävention zu kurz komme, so Joss. «Für wenig mehr Geld können wir eine bessere Schulsozialarbeit bekommen.»

«Das können wir uns nicht leisten»

Unterstützt wurde Joss aber einzig von der SP. «Kinder und Jugendliche haben ein Problem und dann haben sie es jetzt», sagte Sven Koller. Wenn dann die verfügbaren Stellenprozente eine sofortige Beratung nicht zuliessen, sei Prävention nicht möglich. Sie sei aber zentral, so Koller: «Die Schulsozialarbeit soll nicht nur Feuer löschen.» Aus diesem Grund unterstützte die SP den Vorschlag, die umfangreichere Variante des Angebots einzuführen. Da Prävention billiger sei als Eskalation würden sich die zusätzlichen 80000 Franken jährlich lohnen, fand Koller.
Das sah die CVP anders. Das ausführlichere Profil wäre «zwar schön», sagte Cécile Mounoud. «Doch Dietikon kann es sich einfach nicht leisten.» Trotzdem sei es generell «höchste Zeit» für Dietikon und die Schule, dass die Schulsozialarbeit wieder eingeführt werde, sagte Mounoud. Ihre Partei sei daher für das von der Schulpflege vorgeschlagene Profil.

GP plädiert für Pragmatismus

Es sei weniger entscheidend, mit wie vielen Stellenprozenten die Schulsozialarbeit komme, sondern dass sie überhaupt komme, sagte Samuel Spahn (GP). Er sei zwar für Prävention, wolle aber ausnahmsweise trotzdem pragmatisch sein und plädierte «für den Spatz in der Hand statt der Taube auf dem Dach».
Auch Martin Romer (FDP) wollte sich auf keine Verhandlungen über Stellenprozente einlassen und sprach sich zuhanden seiner Partei ebenfalls für das schmalere Profil aus. Der Antrag auf 350 Stellenprozente wurde schliesslich mit 24 zu 8 Stimmen abgelehnt.

Turbulente Vorgeschichte

Dietikon hatte schon einmal Schulsozialarbeit: Im Januar 2002 wurde sie im Sinne eines Pilotprojekts mit 100 Stellenprozenten für zwei Jahre erstmals in den Schulhäusern Zentral und Luberzen eingeführt. Danach wurde der Versuch um zwei Jahre verlängert und die Stellenprozente um 80 Prozent aufgestockt. Im Frühling 2008 stimmte der Stadtrat einer weiteren Stellenerhöhung um 20 Prozent zu und verlängerte das Projekt nochmals um ein Jahr.

Dann jedoch war Schluss mit der Harmonie: Die Schulpflege wünschte sich für die definitive Einführung des Angebots eine Aufstockung der provisorischen 200 auf 380 Stellenprozente. Dies war der SVP und der FDP zu viel: Sie wollten nur 250 Prozente bewilligen. Relativ knapp, mit 20 zu 14 Stimmen, bewilligte der Gemeinderat schliesslich 290 Stellenprozente und wiederkehrende Kosten in der Höhe von 412 000 Franken. Aufgrund des obligatorischen Referendums kam das Geschäft vors Stimmvolk: Und dieses sagte im November 2009 mit 52 Prozent Mehrheit überraschend Nein. Dietikon wurde zur einzigen Gemeinde im Bezirk, die keine Schulsozialarbeit mehr hatte. Beide Seiten gaben sich danach gegenseitig die Schuld dafür: SVP und FDP erklärten, die Schulpflege habe zu hoch gepokert und sei in der Verantwortung, da sie das Angebot für 250 Stellenprozente ausgeschlagen habe. Die Schulpflege hingegen betonte, man wäre mit 290 Prozenten schon einen grossen Kompromiss eingegangen.

Heute sind die Gemeinden im Rahmen des revidierten Kinder- und Jugendschutzgesetzes, das seit Januar 2012 gilt, verpflichtet, für «ein bedarfsgerechtes Angebot» an Schulsozialarbeit zu sorgen. Nur: Was bedeutet «bedarfsgerecht»? Das Gesetz gibt darauf keine Antwort. Eine Empfehlung macht das Amt für Jugend- und Berufsberatung mit einer Vollzeitstelle pro 600 bis 900 Schüler. Mit 2,9 Stellen werden es in Dietikon gut 700 Schüler pro Stelle sein. (BHI)