Innerer Giessen
Paradox, aber wahr: Fische-Retten mit Elektroschocks

Weil der Wasserstand eines kleinen Bächchens beim Kloster Fahr bedrohlich tief ist, rückt der Fischerverein aus zur Rettung der rund 1000 Tiere. Eines der gefangenen Exemplare konnte sich nicht zwischen Leben und Tod entscheiden.

Alex Rudolf
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Hofstetter gehen die ersten Fische ins Netz.
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Das Elektrofangerät ist furchteinflössend.
Auch für die Sicherheit von Passanten muss gesorgt sein.
Ausfischen des inneren Giessen

Hofstetter gehen die ersten Fische ins Netz.

Alex Rudolf

Der innere Giessbach, ein kleines Rinnsal, führt durch die wenigen Niederschläge noch weniger Wasser als sonst. Unterhalb dem Kloster Fahr plätschert er eingezäunt von Bäumen in Richtung Hardwald.

Es ist nur schwer vorstellbar, dass darin Tausende Fische leben. Zu hören ist entferntes Vogelgezwitscher und die Fusstapfen der rund 20 Mitglieder des Fischervereins Kloster Fahr.

Die Männer machten sich am Donnerstag auf, die Bewohner des Bachs vor dem sicheren Tod zu retten. «Für den Giessbach reichte die geringe Menge Regen der letzten Tage nicht aus», sagt Thomas Hofstetter und blickt auf den wenige Zentimeter hohen Wasserstand. Erst am Mittwoch entschied der Bewirtschafter des Fischervereins, den Bach leer zu fischen.

«Der tiefe Wasserstand birgt viele Gefahren für die Tiere», sagt er. So führe das Wasser einerseits sehr wenig Sauerstoff, zum anderen sind die Fische auch wortwörtlich gefundenes Fressen für die Reiher, die auf dem Feld nebenan in grosser Zahl zu finden sind. «Die Fische sind den Vögeln schutzlos ausgeliefert. Sind sie in einem Wasserloch gefangen, dann können sie noch nicht mal flüchten», so Hofstetter.

Die einzige Chance zu überleben bietet den Fischen ein Elektrofanggerät, das etwas Furchteinflössendes hat. Anzeigen sind mit Kabeln und mit anderen Dingen verbunden, die wiederum eine Verbindung haben.

Nachdem Hofstetter den kleinen Motor mit Benzin gefüllt hat, wird dieser mit mehreren Anläufen gestartet. Hofstetter wird das Gerät auf den Rücken gehoben, die rund zwei Meter lange Stange mit Anode an der Spitze reicht man ihm und er steigt hinab in das Bachbett. Zu seiner Linken und Rechten positionieren sich freiwillige Helfer mit Feumern, den engmaschigen Netzen – ebenfalls an Stangen befestigt.

Mit Strom zu fischen berge Gefahren, so Hofstetter. «Fällt ein Helfer ins Wasser, wenn der Strom eingeschaltet ist, kann dies lebensgefährlich sein.» Die im Wasser stehenden Männer werden durch ihre Gummistiefel geschützt. Bei der richtigen Stromstärke, bis zu sieben Ampere, schwimmen die Fische in Richtung Anode und können mit dem Feumer eingefangen werden.

Ist der Strom jedoch zu stark, werden die Fische leblos im Wasser treiben. Hofstetter setzt den Elektrodenteller ins Wasser. Nichts. «Wir müssen den Strom höher stellen», sagt er in Richtung Arthur Neukomm.

Sein Vorgänger als Bewirtschafter der Fischenz Fahr drückt an der Maschine, dreht und kurbelt. Beim zweiten Eintauchen ins knöcheltiefe Bachwasser geht plötzlich alles ganz schnell. Ein Rudel von fünf Barben schwimmt willenlos und zielgerichtet auf Hofstetter zu. Er leitet die Fische in die Netze, die seine Kollegen bereithalten. Die Barben sind gefangen. Langsamen Schrittes geht Hofstetter vorwärts und nähert sich Schritt für Schritt dem Kloster Fahr.

Arthur Neukomm ist inzwischen wieder aus dem Bachbett auf die Feldebene emporgestiegen und wird die eintreffenden Fische in Empfang nehmen. Im Anhänger seines gelben Jeeps sind zwei Tröge platziert, deren Wasser mit Sauerstoff durchsetzt ist. «Der eine ist für die Edelfische, wie Forellen, der andere für den ganzen Rest», so Neukomm.

Und da kommt auch schon die erste Ladung. Ein Freiwilliger leert seinen Plastikkübel über dem Sondierbecken aus. Neukomms Augen leuchten. Mit einem Küchensieb fischt er nach den Tieren, beäugt sie genau, nennt ihre Gattung und entlässt sie in eines der beiden Becken.

Eine kleine Barbe schwimmt im Becken mit der Rückenflosse nach unten. «Nein, nein, der ist nicht tot», sagt Neukomm, nimmt sein Küchensieb und versetzt dem Tier einen sanften Stoss. Dieses scheint tatsächlich wieder ins Leben gefunden zu haben, wendet sich und schwimmt davon zu seinen zahlereichen Artgenossen. Wenige Sekunden später wird das kleine Tier wieder den Rückenschwumm machen, ohne dabei jedoch mit Neukomms Küchensieb gerechnet zu haben.

Was wohl die wenigsten für möglich gehalten hätten, da eher kleine Fische erwartet werden, geschieht rund 400 Meter vor den Toren des Klosters Fahr. Erstmals übertönen Männerstimmen die lauten Motorengeräusche und ein Schwadern ist zu hören – eine Forelle ging dem Elektrofischgerät ins Netz.

Ruhig und gleichmässig gleitet das rund 25 Zentimeter grosse Tier aus dem kleinen Bach ins Netz. Doch als der Strom seine Wirkung auf die Forelle verliert, beginnt sie wie wild zu zappeln und stellt das Netz vor eine Zerreisprobe. Beruhigen wird sie sich erst, wenn sie im Sauerstoff-Wassertank angekommen ist.

Nach drei Stunden ist der Spuk vorüber. Die Wassertanks sind gefüllt mit Fischen: 11 Arten und über 1000 Tiere befinden sich darin. Noch am gleichen Abend werden sie in die Limmat entlassen.