Dietikon
Palliative-Care-Tag: Das Bedürfnis zum Reden über das Sterben ist da

Eine Gruppe, die sich nicht kennt, trifft sich und spricht offen über das Sterben: Am Ende des Gesprächs, das am internationalen Tag der Palliative Care stattfand, ist man sich einig – Reden hat etwas Erleichterndes.

Flurina Dünki
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Palliative Care kümmert sich nicht nur um den Sterbenden, sondern auch um dessen Angehörige.

Palliative Care kümmert sich nicht nur um den Sterbenden, sondern auch um dessen Angehörige.

Getty Images/iStockphoto

Zu Beginn der Veranstaltung «Gespräch übers Sterben», die am Samstagnachmittag im Dietiker «Krone»-Saal stattfand, sitzen sich lauter Unbekannte an den Tischen gegenüber. Es ist eine bunt zusammengewürfelte Gruppe; ein paar sind jünger, ein paar älter – sie alle sind gekommen, weil sie interessiert daran sind, über die Pflege von Sterbenden zu sprechen. Es ist internationaler Tag der Palliative Care, also der umfassenden, medizinischen und psychologischen Umsorgung des Sterbenden und dessen Angehörigen.

Nach und nach erfahren die Anwesenden mehr über die anderen. Heidi Dazzi, die den Anlass moderiert, muss keine Überredungskünste anwenden. Jeder Einzelne scheint dankbar zu sein, seine Fragen, Erfahrungen und Ängste mit der Runde teilen zu können.

Da ist beispielsweise die Seniorin, deren demenzkranker Mann im Pflegeheim Ruggacker wohnt und sie, die Ehefrau, als einzige Person noch erkennt. Da ist der Krebspatient, der mit seiner Familie offene Gespräche über sein Ableben führt. Da ist die Pflegefachfrau, die erzählt, sie hätte in ihrem Institut eine grosse Tabelle aufgehängt, auf der die aktuellen Wünsche und Vorlieben der sterbenden Patienten als Information für Personal und Angehörige eingetragen werden.

Moderatorin und Onkologin Heidi Dazzi erklärt die Wichtigkeit, das Thema Sterben in der Familie anzuschneiden.

Moderatorin und Onkologin Heidi Dazzi erklärt die Wichtigkeit, das Thema Sterben in der Familie anzuschneiden.

Flurina Dünki

Man denkt nicht gern daran

Es sitzen an diesem Nachmittag mehrere Fachleute im Dietiker «Krone»-Saal. Interessierte Privatpersonen sind nur ein paar wenige dabei. Überraschend ist das nicht sonderlich; niemand denkt gerne daran, die meisten sprechen nicht gerne darüber, obwohl alle im Laufe des Lebens mit dem Prozess des Sterbens in Berührung kommen werden.

Tritt der Ernstfall schliesslich ein, sei es mit einem an Demenz erkrankten Partner, einem sterbenden Angehörigen oder der eigenen Diagnose, so stehen dem viele meist unvorbereitet und hilflos gegenüber. So auch die Ehefrau des demenzkranken Mannes, die im Plenum sitzt. Selbst nach der Diagnose und der allmählichen Verschlechterung seines Zustands wollte ihr Mann nie über seine Vorstellungen und Wünsche hinsichtlich des Sterbeprozesses reden. Inzwischen kann er seine Anliegen nicht mehr ausdrücken.

Das Bedürfnis, über die eigenen Sterbevorbereitungen und diejenigen der Angehörigen zu sprechen, besteht zweifellos: «Mein Vater beschäftigt sich mit dem Sterbeprozess und hat auch eine Patientenverfügung gemacht», erzählt eine Teilnehmerin, die von einer befreundeten Pflegerin zum Kommen ermuntert worden war. «Aber für meine Mutter gilt ganz klar: Über so etwas redet man nicht. Wie kann ich als Tochter ein Gespräch über das Sterben beginnen?»

Schweigen belastet

Der Mann, der mit seiner betagten Mutter im Saal sitzt, beschreibt seine Mühe, als Sohn eines Demenzkranken über den Sterbeprozess des Vaters zu reden. «Ich konnte es zu Beginn nicht akzeptieren, dass mein Vater in die Demenzabteilung musste.» Er sei aber «lernfähig», was das Thema betrifft. Und für ihn ist klar geworden: Darüber zu reden, das bringe definitiv etwas.

Ein energiegeladener Mittsiebziger, der vor Jahren an Krebs erkrankte, erzählt von seinen Erfahrungen, als er seine Familie mit den Plänen zu seinem Sterbeprozess konfrontierte. «Das Thema Sterben war innerhalb der Familie zu stark tabuisiert. Indem ich selber begann, darüber zu sprechen, nahm ich meinen Kindern die Berührungsängste.»

Das Thematisieren der Wünsche hinsichtlich des Sterbeprozesses innerhalb der Familie oder gegenüber Vertrauenspersonen sei unerlässlich für eine umfassende Palliativpflege, betonen die Palliativfachpersonen Heidi Dazzi und Doris Kropf, die die Diskussionsrunde organisiert hatten. Werde das Thema tabuisiert, würde sich das später in Form einer grossen Belastung für Patient und Angehörige rächen. Der Betroffene kann seine Wünsche dann nicht mehr klar wiedergeben, und die Familienmitglieder haben nie erfahren, wie sich der Sterbende entscheidende Punkte wie Sterbeort, die Art der Pflege oder Abschiednahme vorgestellt hätte.

Alle Teilnehmer haben am Ende des Nachmittags ihre Gedanken zum Sterbeprozess geäussert, sei es zum eigenen oder zu dem ihrer Nächsten. Es herrscht Einigkeit: Reden über das Sterben ist nichts Zermürbendes sondern etwas Erleichterndes.