Urdorf

Ortsmuseum: Schulwandbilder verteidigen die Heimat

Früher dienten sie als Lehrmittel, heute geraten sie mehr und mehr in Vergessenheit: Schulwandbilder. Beat Spreng bewahrt dieses Stück Kultur und macht sie für Besucher des Ortsmuseums zugänglich.

«Damals sah ein gemütliches Familienessen noch ein wenig anders aus als heute», sagt Beat Spreng, und zeigt auf eines der Schulwandbilder. Zu sehen ist eine Familie, die bei Kaffee und Kuchen zusammen am Tisch sitzt. «Mit Krawatte hat man sich früher noch an den Tisch gesetzt und Zigarre geraucht», so Spreng, Ausstellungsgestalter von «Kunst zwischen Stuhl und Bank» im Ortsmuseum. Die Frauen sind elegant gekleidet, ein Dienstmädchen serviert Kaffee. Die Kinder spielen vergnügt mit ihren Holzfiguren. «Da war von iPhone noch keine Rede», sagt er.

Bienen und Frösche als Lehrmittel

Wo Hellraumprojektoren und Beamer heute in den Schulzimmern anzutreffen sind, veranschaulichten vor knapp 80 Jahren gemalte Schulwandbilder den Schülern die Schlacht von Sempach im Geschichtsunterricht oder Frösche und Bienen in Biologie.

«Für viele sind die von Schweizer Künstlern, wie Alois Carigiet oder Hans Erni, gemalten Schulwandbilder Geschichte. Die Jüngeren kennen sie schon gar nicht mehr», sagt Spreng. Seine Ausstellung im Ortsmuseum Urdorf führt den Besucher bis ins Jahr 1936 zurück. Damals hingen die ersten Schulwandbilder in den Schweizer Schulhäusern und behaupteten sich neben den Schulbüchern als wichtiges Lehrmittel.

Anders als die modernen Mittel, bei denen Power Off bedeutet aus den Augen aus dem Sinn, hingen die Bilder monatelang in den Schulzimmern. «Sie nisteten sich ins Gedächtnis der Schüler ein», sagt er. Auch als Spreng die Schulbank drückte, waren die Bilder Bestandteil des Unterrichts.

Darum haben sie für ihn eine besondere Bedeutung. Er könne sich und seine Schulzeit mit diesen Bildern identifizieren. «Sie sind ein Teil von mir», sagt er. Das sei auch der Grund, weshalb er die Schulwandbilder aus den Schulhäusern in Urdorf «gerettet» hat, wie er sagt. 39 Jahre lang unterrichtete er als Mittelstufenlehrer. «Bei der Renovation der Sammlungen wurde veraltetes Material in die Mulde gekippt», sagt Spreng. Als den Schulwandbildern das gleiche Schicksal drohte, habe er eingegriffen.

Rettung eines Kulturguts

«Ich wollte verhindern, dass ein Stück Schweizer Kultur verloren geht», sagt er. Denn immerhin sind allein im mitteleuropäischen Raum um die 20 000 verschiedene Wandbilder auf den Markt gekommen.
Ihren Anfang nahm die Geschichte der Bilder in den 1930-er Jahren. Visuelle Lehrmittel kamen hauptsächlich durch Verlage aus Deutschland in die Schweiz.

Weil die nationalsozialistische Propagandamaschinerie auf Hochtouren lief, wollte die Erziehungsdirektorenkonferenz gegensteuern. Der Schweizerische Lehrerverein setzte dies 1933 um und gründete die Interkantonale Kommission für Schulfragen (KOFISCH). Diese wurde von Kulturminister Philipp Etter beauftragt einen Plan für das Schweizerische Schulwandbilderwerk zu entwerfen.

32 ausgewählte Künstler durften sich 1935 in einem Wettbewerb zu vorgegebenen Themen kreativ äussern. Zweimal durchliefen die Bilder die kritischen Augen einer Jury. Bis zu acht Mal schickte sie die Entwürfe zur Überarbeitung an die Künstler zurück. 1936 und im Folgejahr wurden schliesslich acht Bilder zur Reproduktion freigegeben.

Ab 1938 waren es vier pro Jahr. Gemäss dem damaligen Zeitgeist sollte ein Schweizer Verlag den Verkauf der Bilder übernehmen. Die Schulbedarfsfirma Ernst Ingold AG Herzogenbuchsee startete mit einer Auflage von 3000 Stück. Insgesamt verkaufte Ingold fast eine halbe Million Bilder. Die Entwicklung neuer, technischer Hilfsmittel in den 60-er Jahren bedeutete das Ende der Schulwandbilder.

Obwohl die Darstellungen mit dem Wissen von heute fehlerhaft sind, sollten sie aufbewahrt werden. Denn die damals «geistige Landesverteidigung», wie Spreng die Schulwandbilder nennt, sei Kulturgut.

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