Schwester Marianne, im Zusammenhang mit der Kirche werden oft die Austritte thematisiert. Sie geben Glaubenskurse, an denen Leute teilnehmen, die mit dem Gedanken spielen, wieder in die Kirche einzutreten. Was sind das für Menschen?

Schwester Marianne: Es sind Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen. Manche besuchen die Kurse, um herauszufinden, ob der katholische Glaube etwas für sie ist oder wieder ist. Gleichzeitig nehmen Leute teil, die bereits katholisch sind. Das sind Leute, die getauft und gefirmt sind, aber der Meinung sind, nichts über ihren Glauben zu wissen. Sie gehen der Frage nach,
was ihren Glauben ausmacht. Sie bilden rund die Hälfte der Kursteilnehmer.

Und die andere Hälfte, nach was sucht die?

Ein grosser Teil ist evangelisch-reformiert geprägt, viele auch aus einem freikirchlichen Umfeld. Wenige sind überhaupt nicht getauft. Oder sie sind getauft, haben sich aber nie firmen lassen. Ganz wenige sind dabei, die aus der Kirche ausgetreten sind. Durch irgendwelche Lebensumstände sind sie alle mit dem Katholizismus in Berührung gekommen oder fühlen sich von ihm angezogen. Sie wollen nun genau wissen, was es eigentlich heisst und ausmacht, katholisch zu sein. Es sind Menschen, die auf der Suche sind und viele Fragen haben.
Mit welchen Fragen werden Sie häufig konfrontiert?

Eine häufig gestellte Frage lautet beispielsweise: Was ist ein Sakrament? Ein anderes Thema ist die Sinnlichkeit des Katholischen. Die Kursteilnehmer sind fasziniert von den Gesten, Farben, Düften, Prozessionen, Ritualen, Bräuchen, Segnungen. Das wirkt faszinierend und anziehend. Da dreht es sich um die Frage, was hinter all diesen Dingen steckt.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Nehmen wir als Beispiel die Bewegung: In einem reformierten Gottesdienst sitzt man die meiste Zeit. In einem katholischen Gottesdienst steht man zum Evangelium auf. Warum das so ist, ist eine Frage, die die Leute beschäftigt. Dadurch, dass ich aufstehe, drücke ich die Bedeutung, die ich dem Wort Gottes gebe, auch mit dem Leib aus. Die Menschen haben ein feines Sensorium für dieses leibseelische Zusammenspiel und für die Bedeutung, die dahintersteckt.

Gibt es auch Kursteilnehmer, die nach einem tieferen Sinn suchen?

Neben diesen Detailfragen werden natürlich auch Fragen zum Priestertum behandelt. Oder Themen wie Himmel, Hölle und Fegefeuer. Das sind Begriffe, die ganz viele Leute geprägt haben.

Braucht es irgendwelche Voraussetzungen, um am Kurs teilzunehmen?

Man muss offen sein, aber ansonsten braucht es keine Voraussetzungen. Wobei die Teilnehmer eine gewisse Ahnung davon haben sollten, was das Christentum ist.

Wie meinen Sie das?

Der Kurs war ursprünglich als Konvertitenkurs ausgeschrieben. Heute nennen wir ihn Glaubenskurs. Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht wüsste, wie ich Menschen, die stark im Islam oder Buddhismus verwurzelt sind, den Katholizismus verständlich machen könnte. Da geht es dann zuerst um die Grundlage des Christlichen überhaupt. Das ist eine andere Stufe.

Um was geht es in Ihrem Kurs?

In unserem Kurs geht es um die Frage, was es heisst, katholisch zu sein. Die Teilnehmer wissen zumindest, was die Bibel ist oder wer Jesus war, auch wenn sie sich konkret nicht viel darunter vorstellen können. Wenn jemand aber überhaupt noch nie von Jesus gehört hat, wird es schwierig.

Wenn man diese Offenheit und eine christlich geprägte Sozialisation mitbringt, was erwartet einen im Kurs?

Der Kurs erstreckt sich über ein Jahr und beinhaltet neun Nachmittage. Ich habe den Kurs nach Themen gegliedert, die an einem Nachmittag abgeschlossen werden. Das sind Themenblöcke, die sich mit den Sakramenten, mit Himmel, Hölle und Fegefeuer, der Marien- und Heiligenverehrung und dem Thema Kirche beschäftigen. Um diese Themenblöcke geht es im ersten Teil des Nachmittags. Im zweiten Teil beschäftigen wir uns mit dem Kirchenjahr. Es ist mir wichtig, dass ich an Ostern nicht über Weihnachten spreche. Ich betrachte mit den Teilnehmern jenen Abschnitt des Kirchenjahres, in dem wir uns zum jeweiligen Zeitpunkt befinden, mit all seinen Besonderheiten in Liturgie und Brauchtum.

Welche Themen des Kirchenjahres werden besprochen?

Im November thematisieren wir beispielsweise Advent und Weihnachten. So haben die Teilnehmer die Möglichkeit, die jeweiligen Gottesdienste zu besuchen und zu erfahren, wie sich das Besprochene in der Umsetzung anfühlt. Den Abschluss jedes Nachmittags bildet der gemeinsame Besuch der Vesper mit der Klostergemeinschaft.

Wie endet der Kurs?

Es gibt kein Zertifikat. Irgendwann im Laufe des Kurses steht die Frage an, bei wem sich der Wunsch nach einer Taufe oder Firmung konkretisiert hat. Bis anhin war es so, dass die Teilnehmer sich wünschten, die Sakramente gemeinsam in einem Gottesdienst in Fahr zu empfangen. Es ist schön zu erleben, wie sich die ganze Gruppe jeweils mit den Betroffenen mitfreut und mitgeht. Manche der Teilnehmer sind auf irgendeine Weise in den Gottesdienst involviert, sei es als Firmpate oder als Lektor. Das sind besondere, sehr dichte Augenblicke. In diesen Momenten wird spürbar, dass die Teilnehmenden wirklich eine Heimat gefunden haben.

Den Kursteilnehmern dürfte auch das Kloster Fahr ein Stück weit Heimat geworden sein?

Ja. Das lässt sich nicht bestreiten. Ich bin mir bewusst, dass der Ort ganz viel ausmacht. Die Teilnehmer kommen mit den Schwestern in Kontakt, und viele sagen, dass ihnen das Fahr eine Heimat geworden ist. Das ist gleichzeitig auch ein etwas heikler Punkt.

Inwiefern?

Die Teilnehmer können natürlich weiterhin bei uns Gottesdienste besuchen. Aber irgendwo müssen sie ihren eigenen Ort finden. Im besten Fall ist es die Pfarrei, wo sie den neu gefundenen Glauben leben können. Das darf nicht ans Fahr gebunden bleiben.

Fällt es diesen Leuten schwer, loszulassen?

Oft fragen die Teilnehmer nach dem Kurs, wohin sie jetzt gehen sollen, weil sie sich in ihrer Pfarrei nicht wirklich wohl fühlen. Das kann verschiedene Gründe haben, und viele davon kann ich gut nachvollziehen. Je nachdem, wer eine Gemeinde leitet, gibt es erhebliche Unterschiede. Dennoch muss jeder seine eigene Heimat finden, das ist zuweilen schwierig. Das tut mir manchmal weh, aber diese Suche kann ich niemandem abnehmen.

Sie pflegen über den Kurs hinaus Kontakt mit den ehemaligen Teilnehmern?

Ja, mit den einen intensiver, mit den anderen weniger. Viele ehemalige Teilnehmer sind mittlerweile dem Verein Pro Kloster Fahr beigetreten. So besteht der Kontakt auf irgendeine Weise weiter.
Wir haben bislang immer über die Teilnehmer gesprochen.

Wie sind Sie zu diesen Kursen gekommen?

Die Kurse gibt es schon lange. Mein Vorgänger, der die Kurse in Zürich angeboten hatte, wurde abberufen. Das Generalvikariat kam dann auf die Idee, das Kloster stärker einzubeziehen. Ich fand das eine spannende Aufgabe und Herausforderung. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, auf was ich mich da eingelassen hatte.

Hat es nicht Ihren Vorstellungen entsprochen?

Ich hatte keine Ahnung, wie ich das Ganze angehen sollte. Also begann ich mich bei den Bistümern nach einem Leitfaden durchzufragen. Der Letztverantwortliche für die Aufnahme von Gläubigen in die Kirche ist der Bischof. Ich dachte mir, dass es die Bistümer auch interessieren müsste, was diesen Leuten im Vorfeld ihres Eintritts in den Kursen vermittelt wird. Es stellte sich aber heraus, dass es keinen Leitfaden, nicht einmal ein Handblatt gab. Ich musste also alles neu aufbauen. Ich hatte zwar mit meinem Vorgänger Kontakt, wollte die Kurse aber auf meine eigene Art führen. Daraus ist die Idee mit dem Kirchenjahr als Leitfaden entstanden. Inzwischen besteht ein rund 100-seitiges Skript.

Worin besteht für Sie der Reiz, trotz der Startschwierigkeiten solche Kurse durchzuführen?

Ich diskutiere gerne mit anderen Leuten über den Glauben. Insbesondere mit solchen, die offen und kritisch sind, aber immer noch Fragen und keine festgefahrenen Meinungen haben. Solche Diskussionen fordern mich immer wieder aufs Neue heraus und führen dazu, dass ich mir selbst gegenüber immer aufs Neue Rechenschaft ablegen muss. Ich kann anderen Menschen nur das erklären, wovon ich selber überzeugt bin. Es ist eine Herausforderung, andere Positionen kennen zu lernen und dann zu erklären, weshalb ich meine Position vertrete. Gleichzeitig muss ich dabei die Stellung der Kirche vertreten. Das kann manchmal eine Herausforderung sein. Solche Gespräche beleben den eigenen Glauben.

Die Kurse führen also dazu, dass auch Sie neue Facetten des Glaubens entdecken?

Absolut. Manchmal tauchen Fragen auf, die ich nicht spontan beantworten kann, mit denen ich mich selber zuerst auseinandersetzen muss. Oftmals wird mir dabei selber wieder freudig bewusst, wie schön es ist, katholisch zu sein.