Wie ein weisser Teller hängt die Sonne über Dietikon, als ich zum kulinarischen Gruppen-Blind-Date anreise. In der Wohnung von Gila Fankhauser, der Gastgeberin, erwartet mich ein warmer Empfang. Gekommen bin ich, um mit vier Wildfremden zu speisen. Was für mich ungewohnt ist, macht die 65-Jährige zu ihrem persönlichen Erfolgsrezept, um am neuen Wohnort Anschluss zu finden. Für ihr Viergangmenü mit Garten-Salat, Pasta alla Gorgonzola und «Kaffee mit öppis dezue» haben sich drei weitere Gäste angemeldet.

Bevor sie eintrudeln, setzen wir uns auf dem Balkon zum Gespräch, reden, als ob wir uns schon kennen würden. Der Blick schweift auf eine Siedlung, schläfrig in der Vormittagssonne: eine Kulisse wie ein bewusst gesetzter Kontrast zur Lebhaftigkeit, mit der Gila Fankhauser von ihrem Projekt erzählt. Letzten Oktober zieht die 65-Jährige um, in die Genossenschaftswohnung in Dietikon. Sie fühlt sich einsam, überlegt sich, wie sie Anschluss finden kann. «Wer wie ich nicht durch die Kirche, einen Verein oder die Arbeit Menschen trifft, muss sich etwas einfallen lassen.»

Vier Fremde am Tisch

Im Januar wird sie fündig: Sie stösst auf «Margrit», die Internet-Plattform eines Zürcher Start-ups, das Mittagessen bei Privatpersonen vermittelt. Auf einer interaktiven Karte kann man sich einen Überblick darüber verschaffen, wer wann und wo ein Essen anbietet, und was auf der Speisekarte steht. Hat man sein Wunschmenü gefunden, ist der Sitz am Tisch in wenigen Klicks gebucht und bezahlt. Schweizweit zählt «Margrit» laut den Betreibern ein Jahr nach Start mehrere Tausend eingetragene Mitglieder.

Fankhauser meldet sich zunächst als Gast an – und ist begeistert. Sie beginnt, selbst einmal pro Woche einen Mittagstisch anzubieten, in der Hoffnung, über das Essen hinaus mit Gästen in Kontakt zu bleiben. Mittlerweile hat sie Menschen aller Couleur, von Studenten bis zu Pensionären, aus der ganzen Schweiz bewirtet. Es ist ein Kennenlernen ohne Verpflichtungen: Man trifft sich, man isst, man sieht weiter. Netter Nebeneffekt: Wenn drei andere mitessen, rechnet sich der Aufwand. Es mache schlicht keinen Spass, für sich alleine zu kochen, sagt Fankhauser. Und: «Wir müssen uns vom Gedanken lösen, dass Beziehungen ortsgebunden sind. Meine Freunde muss ich mir nicht unbedingt unter den Nachbarn aussuchen.»

Tatsächlich sind die Gäste, die dieses Mal kommen, zu Freunden geworden: Stephan, Urs und Marie-Theres, bei «Margrit» ist man per Du. Am Tisch entwickeln sich sogleich Gespräche. Lebensgeschichten werden ausgetauscht.

Vielleicht ist Gila Fankhauser deshalb nicht nur eine wahnsinnig gute Köchin, sondern auch eine wahnsinnig gute Gastgeberin, weil sie damals in Nordrhein-Westfalen quasi in der Küche ihres Vaters, eines Kochs, aufgewachsen ist. 1972 folgte sie ihrem Mann in die Schweiz. Sie zog drei Kinder gross, kümmerte sich um den Haushalt. Damals gab es für ihre Küchenkünste selten Komplimente; dass Mama am Herd steht, war selbstverständlich.

Lob von allen Seiten

Hier, am Mittagstisch, ist das anders. Es regnet Lob von allen Seiten. 1985 liess sich Fankhauser zur Sozialarbeiterin ausbilden. Inzwischen leistet sie freiwillig Sterbebegleitungen in der Privatklinik Bethanien. Der Mittagstisch biete auch hierzu Abwechslung. «Beim Essen sind alle fröhlich bis tiefgründig. Und es ergeben sich mit jedem Essen wieder neue Themen.» 

Stephan, Pensionär aus Basel, und Gila kennen sich «schon lange» – seit einem Monat. Demnächst wird er einen Grillabend für zehn Gäste anbieten. Der Zufall will es, dass Marie-Theres nur vier Blocks weiter von Gila wohnt. Unter anderen Umständen hätten sie sich wohl nie kennen gelernt. Nun gehen sie ab und zu zusammen einkaufen. Urs, Pensionär aus Würenlos, ist seit letztem August als Gast angemeldet. Seine berufstätige Frau sei froh, wenn sie ihn am Mittag untergebracht wisse. 

«Nach dem Hauptgang hört meine Verantwortung aber auf», sagt Fankhauser augenzwinkernd. Das Dessert, Erdbeer-Parfait, habe sie nämlich schon am Vorabend zubereitet. Abräumen und Abwaschen ist laut den Regeln von «Margrit» ebenfalls Sache der Gastgeberin. Sie hantiert in der Küche, das Gespräch am Tisch läuft weiter. Ein gutes Zeichen, findet Gila. Sie wünscht sich, dass noch mehr Leute über den eigenen Tellerrand schauen und den Weg an ihren Mittagstisch finden würden. Nicht immer seien die Plätze so voll besetzt wie heute. Die Sonne steht schon tiefer, als ich um 14 Uhr die Runde verlasse. Es hat sich angefühlt wie daheim.