Oetwil
Oetwil oder Ostsee: Ein Hafenkran muss nicht aus dem hohen Norden stammen

Der Künstler Jakob Alt will mit seinen Skulpturen im Oetwiler Wiesentäli zum Nachdenken anregen. Sein jüngstes Werk ist ein fünf Meter hoher Hafenkran.

Sandro Zimmerli
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Der Hafenkran aus Oetwil
7 Bilder
Etwa fünf Meter Höhe erreicht der stattliche Kran im Wiesentäli.
Diese Skulptur von Jakob Alt zeigt eine Bäuerin.
Das Ross steht neben dem Hafenkran.
Jakob Alt hinterlässt im Wiesentäli seine Spuren
Aus einer Weide entsteht ein Korb
Zu den Skulpturen hat Jakob Alt auch Gedichte verfasst

Der Hafenkran aus Oetwil

Emanuel Freudiger

Als Pessimist will Jakob Alt nicht verstanden werden. Im Gegenteil. Er hat noch Hoffnung, Hoffnung, dass unsere Gesellschaft nach Jahrzehnten von Rationalisierung und Ertragssteigerung einsieht, dass die Ressourcen auf der Erde endlich sind. Dass die Menschen sich gewahr werden, mit ihren Eingriffen den Kreislauf der Natur irreversible Schäden zu verursachen. Dass sie wieder mehr Respekt gegenüber ihren Mitmenschen entwickeln und nicht nur auf Kosten anderer konsumieren.

Seinen Beitrag zu diesem Umdenken will der Oetwiler mit seinen Skulpturen im Wiesentäli leisten. Seit über 30 Jahren arbeitet der Künstler und Sozialarbeiter dort am Krebsbach mit Alltagsmaterialien und natürlichen Produkten an seinen Kunstwerken. Die biegsamen Äste der Weiden hat er zu Körben, Kugeln oder Reifen verflochten. Gar ganze Pferde und Reiter sind daraus entstanden. Aus Altmetall hat er ganze Musikgruppen hergestellt.

Sein jüngstes Werk ist ein fast fünf Meter hoher Hafenkran. Es ist eine Miniaturausgabe jenes Kunstwerkes, das in der Stadt Zürich zu hitzigen Diskussionen führte und diesen Frühling nun doch am Limmatquai aufgestellt wird. Wie seine anderen Skulpturen soll der Hafenkran Spaziergänger erfreuen, aber auch zum Nachdenken anregen.

Um zu verstehen, was Alt mit seinen Werken ausdrücken will, muss man weit in seine Kindheit zurückblicken. In Oetwil führte seine Mutter nach dem Tod des Vaters einen kleinen Bauernhof. Bereits seine Grosseltern waren Bauern. Und im kleinen Oetwil gab es dazumal noch weitere Höfe.

Die globale Sicht des kleinen Dorfs

«Zwei Ereignisse aus dieser Zeit haben mich bis heute geprägt», sagt Alt. Das sei einerseits die Geschichte mit dem Krebsbach gewesen. Damals habe man den Kindern gesagt, dass es sich nicht gehöre, in den Bach zu «brünzlen». Denn das Wasser fliesse in die Limmat, von dort in den Rhein und später ins Meer, wo Fische leben. Der Urin sei nicht gut für die Tiere. Andererseits habe ihn die Arbeitsweise seiner Grossmutter geprägt. «Sie hat das Wasser, das sie für das Reinigen der Kartoffeln verwendete, gesammelt und später für das Giessen des Gartens gebraucht. Ohne das Wort Nachhaltigkeit zu kennen, haben die Menschen damals danach gehandelt», erinnert er sich. Diese global anmutende Sichtweise aus dem Blickwinkel eines kleinen Dörfleins habe ihn beeindruckt.

Heute sei davon nicht viel übrig geblieben. «Rationalisierung und Maximierung sind die obersten Gebote. Sie haben selbst den Bauernberuf erfasst», sagt Alt. Ihm wolle aber einfach nicht in den Kopf, dass die Menschen so ausbeuterisch mit der Erde umgehen. «Zumal man sich dessen bewusst ist. Das Wissen, wie man wieder Nachhaltiger mit der Natur umgehen soll, ist vorhanden. Man muss es nur richtig einsetzen», so Alt. Er habe gar nichts gegen technischen Fortschritt.

Spaziergang soll Erlebnis werden

An diesem Punkt setzen seine Skulpturen an. «Ich habe gemerkt, dass man mit Diskussionen nicht weit kommt. Die Leute wollen nicht mit dem moralischen Zeigefinger belehrt werden», hält Alt fest. Deshalb versuche er, die Passanten durch seine Werke zum Nachdenken zu bewegen. «Alles ist miteinander verbunden. Das Leben ist ein Kreislauf», sagt Alt. Ihm sei es ein Anliegen, dass die Spaziergänger mit offenen Augen durch das Wiesentäli gehen und so die Natur bewusst wahrnehmen.

Gerade bei Kindern sei es wichtig, dass sie nach draussen gingen und nicht nur vor dem Computer sitzen. «Mit den Skulpturen versuche ich, den Spaziergang zum Erlebnis zu machen. Vielleicht merkt dann der ein oder andere, dass man nicht um die halbe Welt fliegen muss, um etwas zu erleben. Sondern, dass es auch bei uns immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt», so Alt.

Braucht es Tonnen von Metall?

Eine ähnliche Überlegung steckt auch hinter dem Hafenkran. «Ich habe die teilweise gehässigen Diskussionen um den Hafenkran in Zürich verfolgt. Dabei wurde mir klar, dass sich bei all den Fragen um Ressourcen auch die Kunst sich nicht darum foutieren kann», sagt Alt. Man müsse sich fragen, ob es sich lohnt, Tonnen von Metall von Rostock nach Zürich zu transportieren, um ein solches Werk für ein paar Wochen aufzustellen.

«Da hat es mich gepackt. Ich fragte mich, ob man einen solchen Kran nicht mit einfacheren Mitteln bauen kann», hält Alt fest. Hinter seiner Scheune habe er noch einige Doppel-T-Träger aus alten Oetwilern Mostpressen stehen gehabt. Damit sei das Fundament für seinen Kran gelegt worden. «Wenn er nun auch noch länger steht, als jener in Zürich, dann habe ich gezeigt, dass es nicht Tonnen von Metall braucht, um mit einem Symbol etwas auszudrücken.»