Oetwil
New-Orleans-Jazz zum Mittanzen: Nicole Johänntgens neues Album ist eine musikalische Achterbahnfahrt

Die Oetwiler Saxofonlehrerin und Musikerin Nicole Johänntgen präsentiert ihr Werk «Henry III» auf einer zweiwöchigen Tour. Am Samstag spielt sie im Zürcher Moods.

Sibylle Egloff
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Lernten sich in New Orleans kennen: Saxofonlehrerin Nicole Johänntgen und Sousafonist Steven Glenn touren derzeit durch die Schweiz, um ihr neues Album «Henry III» vorzustellen.

Lernten sich in New Orleans kennen: Saxofonlehrerin Nicole Johänntgen und Sousafonist Steven Glenn touren derzeit durch die Schweiz, um ihr neues Album «Henry III» vorzustellen.

Severin Bigler

Heiter und melancholisch zugleich, so wie das Leben. Nicole Johänntgens Lied «Life» erzählt musikalisch von der Achterbahnfahrt des menschlichen Daseins. Die lebendigen, beinahe vergnügten Töne des Saxofons werden von den groovigen und tiefen Klängen des Sousafons begleitet. Es scheint fast so, als würden die zwei Instrumente sich unterhalten. Das ist auch die Absicht von Saxofonistin Johänntgen und Sousafonist Steven Glenn. Die beiden stimmen im Musiksaal der Primarschule Letten in Oetwil das erste Lied von Johänntgens neuem Album «Henry III» an. Schliesst man die Augen, wähnt man sich weit weg in einem Jazzclub in New Orleans.

Das Stück hat die Musikerin hier an ihrem Arbeitsort komponiert. «Fünf Minuten, bevor die Lektion begann, kam mir diese Melodie in den Sinn», sagt Johänntgen und lacht. Die 39-Jährige arbeitet seit sieben Jahren als Saxofon-, Klavier- und Klarinettenlehrerin für die Primarschule Oetwil-Geroldswil. Zu ihrer Leidenschaft gehört aber nicht nur das Unterrichten, sondern auch das Spielen auf der Bühne.

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Nicole Johänntgen (Saxofon) und Steven Glenn (Sousafon) spielen «Life», das erste Lied des frisch erschienenen Werks «Henry III». Dabei geht es um die Achterbahnfahrt des Lebens verpackt in groovigen New-Orleans-Jazz.

Severin Bigler/Sandra Meier

Dazu hat sie mit «Henry III» nun allen Grund. Die Tour zur Plattentaufe startete am 6. Mai in Chur. Insgesamt sind 14 Gigs in der Schweiz, Deutschland und Österreich geplant, darunter in München, Mannheim und Dornbirn. Am Samstag präsentiert Johänntgen zusammen mit Sousafonist Glenn sowie Lukas Wyss (Posaune) und Clemens Kuratle (Schlagzeug) das Live-Album um 18 und 20.30 Uhr im Konzertlokal Moods in Zürich, am 19. Mai ist die Band in der Esse Bar in Winterthur zu hören – Corona zum Trotz.

Tourdaten


15. Mai: Zürich, Moods
17. Mai: Mannheim, Ella & Louis
18. Mai: Schaffhausen, Saal im Hotel Rüden
19. Mai: Winterthur, Esse Bar
20. Mai: Joker-Konzert, Ort noch offen
21. Mai: Dornbirn, Spielboden

Das Album wurde bereits 2018 in Pforzheim aufgenommen. Anfang 2020 plante Johänntgen, es im Mai 2021 vorzustellen. «Wir freuen uns sehr, dass wir es endlich dem Publikum vorspielen können. Die Tour zu verschieben, war keine Option. Ich bin bis zum Schluss optimistisch geblieben», sagt die Saxofonistin, die mit ihrer Familie in Zürich lebt. Optimistisch musste sie auch nicht nur bis zur Meldung sein, dass Veranstaltungen mit bis zu 50 Personen in Innenräumen wieder gestattet sind, sondern eigentlich bis einen Tag vor Tourstart.

Musikerkollege durfte aus New Orleans anreisen

«Steven ist extra aus New Orleans hierhergekommen. Ich bin so froh, dass alles geklappt hat», sagt Johänntgen. Weil Glenn nicht nur das imposante Sousafon, sondern auch einen Impfausweis mit im Gepäck hatte, liessen ihn die Schweizer Grenzbeamten einreisen. «Ich hatte nämlich den falschen Test dabei, statt einen PCR-Test konnte ich nur einen Antigen-Test vorweisen», sagt der 37-jährige Musiker. Eigentlich hätten auch Posaunist Jon Ramm und Schlagzeuger Paul Thibodeaux dabei sein sollen, um die Originalbesetzung zu komplettieren. «Doch wegen der Coronaeinreisebeschränkungen war für sie die Einreise aus den USA nicht möglich», sagt Johänntgen. Deshalb springen nun ihre Musikerkollegen Wyss und Kuratle ein.

Henry zum Dritten: Nicole Johänntgen mit ihren amerikanischen Musikerkollegen: Paul Thibodeaux (Schlagzeug), Jon Ramm (Posaune) und Steven Glenn (Sousafon).

Henry zum Dritten: Nicole Johänntgen mit ihren amerikanischen Musikerkollegen: Paul Thibodeaux (Schlagzeug), Jon Ramm (Posaune) und Steven Glenn (Sousafon).

Severin Bigler

«Henry III» ist bereits das dritte Album, das Johänntgen mit Sousafonist Glenn und den beiden anderen amerikanischen Künstlern produziert hat. «Henry» erschien 2016 und «Henry II» 2018. Alle drei Werke widmen sich dem unverkennbaren Jazz der US-Südstaatenstadt New Orleans.

2016 suchte Johänntgen, die damals gerade für ein anderes Projekt ein halbes Jahr in New York weilte, nach begnadeten Jazzmusikern. «Ich wollte eine tolle Band zusammenstellen, um ein Album als hörbares Souvenir für meinen Vater Heinrich aufzunehmen. Deshalb heissen die Alben auch Henry», erzählt Johänntgen. In New York fragte sie sich durch. Viele nannten ihr den Namen Steven Glenn und so reiste sie nach New Orleans, um ihn live spielen zu hören. Fünf Jahre, drei Alben und zahlreiche gegenseitige Besuche später zeigt sich, dass Johänntgen die richtige Spur verfolgte:

«‹Henry› ist mein musikalisches Baby. Es war ein Traum, den ich mir damit verwirklichen konnte. Dieses Projekt hat mir sehr viele Türen in der Jazzszene geöffnet.»

Und gleichzeitig habe sie ihren Vater damit ehren können. «Er spielt Posaune und hat mich mit seiner Liebe zur Jazzmusik angesteckt», sagt Johänntgen.

Auch Glenn ist froh, dass seine Schweizer Kollegin diese Idee wahr gemacht hat. «Jazz ist ein sehr spezifischer Musikstil. Wir haben es geschafft, ihn für viele zugänglich zu machen. Unser neues Album ist energetisch, tanzbar, funky, soulig und auch tiefgründig.» Schön sei, dass die Lieder stets einen anderen Effekt auf die Zuhörer haben. Johänntgen ergänzt: «Es ist wie bei einer Achterbahnfahrt, die Reise ist immer anders.»

Sie haben bereits Ideen für ein viertes Album

Die Reise führt nun durch Schweizer Konzertlokale. «Wir freuen uns, dass wir wieder live auftreten können», sagt Johänntgen. Die Pandemie trifft sie finanziell weniger hart, weil sie als Musiklehrerin trotzdem ein Einkommen hat. «Ich habe mich aufgrund der Krise sogar getraut, Online-Unterricht für Erwachsene anzubieten, und habe das nun zu meinem zweiten Standbein ausgebaut. Zudem bin ich vor neun Monaten Mutter geworden und konnte mich so mehr aufs Familienleben konzentrieren», sagt Johänntgen. Doch die Sehnsucht nach der Bühne bleibt als Vollblutmusikerin. Und auch der Schaffensdrang. «Henry» soll nicht als Trilogie enden, findet Johänntgen. «Steven und ich stecken bereits voller neuer Ideen und Melodien für ein viertes Album.»