Berufsmusikerin
Oberengstringerin: «Als Kind wollte ich auf keinen Fall Musikerin werden»

Seit 2005 ist Anita Leuzinger aus Oberengstringen Solocellistin des Zürcher Tonhalle-Orchesters. Ihre grosse Leidenschaft gilt allerdings der Kammermusik.

Sandro Zimmerli
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Anita Leuzinger im kleinen Saal der Tonhalle Zürich.

Anita Leuzinger im kleinen Saal der Tonhalle Zürich.

Patricia Schoch

Anita Leuzinger, als Musikerin sind Sie viel unterwegs. Nächsten Sonntag treten Sie wieder einmal in der Tonhalle, Ihrer Heimstätte, auf. Ein spezielles Konzert?

Anita Leuzinger: Es ist nur schon deshalb ein spezieller Auftritt, weil ich mit dem Pianisten András Schiff spielen kann. Das ist ein grosses Erlebnis für mich. Ich habe ihn schon mit dem Orchester begleitet, aber in einer Kammermusikgruppe habe ich noch nie mit ihm zusammengespielt. Kommt dazu, dass wir im kleinen Saal der Tonhalle auftreten. Für mich ist es einer der schönsten Säle für Kammermusik überhaupt.

Im Saal wird auch Ihr Heimpublikum sitzen. Ist man da nervöser als sonst?

Im Dezember spielten wir in Basel, wo ich wohne und an der Musikhochschule unterrichte. Im Publikum sassen auch Studenten und ehemalige Lehrer, was mich natürlich etwas nervös machte. Wir spielten ein Programm, das wir zuvor auf einer Japantournee aufführten. In Japan habe ich niemanden im Publikum gekannt. Das ist eine ganz andere Art von Freiheit, als vor heimischem Publikum aufzutreten. Dennoch hat es auch Vorteile vor Bekannten zu spielen.

Welche Vorteile meinen Sie?

Es ist schön, sich mit den Besuchern nach dem Konzert auszutauschen, speziell mit Leuten, die man kennt und schätzt.

Sprechen Sie auch im Ausland nach den Konzerten mit den Besuchern?

Eigentlich sehr gerne, es ist aber in jedem Land unterschiedlich. In Japan fand nach dem Konzert eine Autogrammstunde statt. Es gab immer sehr viele Leute, die eine Unterschrift wollten und sich für das Konzert bedankt haben. Einen eigentlichen Austausch gab es aber nicht.

Die Cellistin

Anita Leuzinger wurde 1982 in Oberengstringen geboren und begann im Alter von fünf Jahren Cello zu spielen. Sie ist die Tochter von Lehrerin Ursula Leuzinger und alt Gemeindepräsident Werner Leuzinger. Während der Gymnasialzeit an der Kantonsschule Limmattal studierte sie bei Thomas Grossenbacher und danach bei Thomas Demenga. Im Sommer 2007 schloss sie ihr Studium mit dem Solistendiplom mit Auszeichnung ab. Bereits 2005 erhielt sie eine Stelle als Solocellistin des Tonhalle-Orchesters Zürich. Im Sommer 2008 gewann Anita Leuzinger den renommierten Naumburg-Wettbewerb in New York. Ihre Tätigkeit führte sie an verschiedene Festspiele im In- und Ausland, darunter das Lucerne Festival oder die Salzburger Festspiele. Als Solistin ist sie unter anderem mit dem Tonhalle Orchester, dem Sinfonieorchester Basel, dem ORF-Sinfonieorchester Wien, dem slowakischen Radio-Sinfonieorchester und dem American Symphony Orchestra aufgetreten. Seit mehreren Jahren spielt sie im festen Duo mit dem Pianisten Anton Kernjak und arbeitet regelmässig mit Heinz Holliger zusammen. Seit 2007 ist sie Assistentin von Thomas Demenga an der Musikhochschule Basel. (zim)

In welchem Land treten Sie am liebsten auf?

Ich trete überall gerne auf, wo die Bedingungen wie der Saal und, gegebenenfalls, der Flügel stimmen. Ich finde es generell bereichernd, zu reisen und neue Kulturen kennen zu lernen.

Haben Sie überhaupt Zeit dazu?

Ich finde, dass man ein Land besser kennen lernt, wenn man dort arbeitet, als wenn man als Tourist unterwegs ist. Wir reisen oft in öffentlichen Verkehrsmitteln. Der Kontakt zu den Menschen ist unmittelbarer.

Sie unterrichten, sind Solistin im Tonhalle-Orchester und geben viele Kammermusikkonzerte. Was beansprucht am meisten Zeit?

Das Pensum im Tonhalle-Orchester und an der Musikhochschule ergeben zusammen etwa 50 Prozent. Meine Herzensangelegenheit ist die Kammermusik. Ich verdiene zwar nicht das meiste Geld mit diesen Auftritten, für meine persönliche Entwicklung sind sie mir aber besonders wichtig.

Dann bereitet Ihnen die Kammermusik also am meisten Spass?

Das kann man so nicht sagen. Auch mit dem Orchester gibt es immer wieder spannende Projekte. An der Hochschule erlebe ich Stunden, in denen ich das Gefühl habe, den Studenten wirklich etwas weitergeben zu können, was unglaublich bereichernd ist. Ich finde es schön, dass ich die Möglichkeit habe alle drei Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen.
Zu 100 Prozent in einem Orchester zu spielen, kann ich mir derzeit nicht vorstellen.

Sie stammen aus einer musikalischen Familie und haben früh mit der Musik begonnen. Hätten Sie sich damals vorstellen können, dass Sie später einmal davon leben werden?

Als Kind wollte ich auf keinen Fall Musikerin werden. Weil ich zwar aus einer musikalischen Familie, aber nicht einer Berufsmusikerfamilie stamme, war dieser Weg auch nicht unbedingt vorbestimmt. Als ich etwa 14 Jahre alt war, wurde der Wunsch, eine Musikkarriere einzuschlagen, immer grösser. Ich merkte, dass ich mit meinem Instrument schnell vorwärts komme, und dass das Talent da ist.

Ein erster wichtiger Meilenstein in Ihrer Karriere war der Gewinn des renommierten Naumburg-Wettbewerbs in New York im Sommer 2008. Wie wichtig war dieser Preis für ihre weitere Laufbahn?

Mit etwas Abstand muss man diesen Sieg relativieren. Früher war die Karriere gemacht, wenn man so einen Wettbewerb gewann. Das ist heute nicht mehr so. Es gibt mittlerweile sehr viel mehr Konkurrenz. Im Idealfall werden einem nach dem Gewinn des Wettbewerbes Konzerte organisiert. Bei mir war das allerdings nur begrenzt der Fall.

Weshalb nicht?

Eigentlich ist alles ziemlich schief gelaufen. Niemand hatte gedacht, dass eine Ausländerin den Preis gewinnen könnte. Es hiess dann, die Organisatoren hätten zu wenig Geld, um mir ein Arbeitsvisum in den USA zu verschaffen. Dadurch sind fast alle Konzerte, die mir versprochen wurden, ins Wasser gefallen.

Dann war der Wettbewerb also gar kein Türöffner für die weitere Karriere?

Es ist sicher gut, dass der Titel in meinem Lebenslauf steht. Zudem konnte ich in der Carnegie Hall und im Lincoln Center, den beiden grossen Konzertsälen in New York, auftreten. Das war eine gute Erfahrung. Mir selber bedeutet der Preis aber herzlich wenig.

Sind Sie vor Konzerten nervös?

Ja, tendenziell schon. Es ist hart, weil es sich überhaupt nicht voraussehen lässt. Manchmal bin ich erstaunlich ruhig, auch in stressigen Situationen, und dann wieder total nervös.

Apropos hart, wie viel müssen Sie täglich üben?

Das ist je nach Tag ganz unterschiedlich. Mit dem Orchester proben wir fünfeinhalb Stunden täglich. Danach übe ich höchstens noch eine Stunde für mich selber. Wenn ich ein neues Programm einstudiere, bin pro Tag etwa vier Stunden am Üben.

Mit welchen Musikern werden Sie in Zukunft unterwegs sein, beziehungsweise welches sind Ihre nächsten Ziele?

Hauptziel ist es, mich immer weiterzuentwickeln und meine Neugierde zu behalten. Alles andere kann man ohnehin nicht gross beeinflussen. In unserer Branche hängt viel davon ab, wen man wann trifft. Mein Traum ist es, irgendwann ein Trio zu gründen. Einen Pianisten kenne ich schon, es fehlt noch eine Geige, die wirklich zu uns passt. Ansonsten wird es in nächster Zeit so weitergehen wie bisher.

Sie werden also weiterhin viele Kammermusikkonzerte spielen. Was reizt Sie daran?

Das Orchester ist ein Kollektiv. Bei der Kammermusik drückt jeder Musiker seine eigene Stimme aus. Das fasziniert mich. Zudem bin ich perfektionistisch veranlagt. Ich lerne gerne über längere Zeit mit vielen Proben. Das ist beim Orchester oder auch bei Solokonzerten nicht der Fall. Dort ist es oft so, dass man vor dem Konzert eine Probe und eine Hauptprobe hat, mehr nicht.

Ist es auch möglich, dass Sie irgendwann etwas ganz anderes machen als klassische Musik?

Im Moment glaube ich das eher nicht, aber man weiss nie. Solange ich so viel Freude an meinem Beruf habe wie im Moment, sehe ich keinen Grund für eine Veränderung. Die Welt der klassischen Musik ist grenzenlos, man kann immer noch mehr Neues entdecken und dazulernen.