Böse Zungen behaupten, dass Oberengstringen nur aus der Zürcherstrasse besteht. Was nicht an ihr liege, sei unwichtig. Dass dem nicht so ist, beweist das Schwimmbad Zwischen den Hölzern. Normalerweise kämen auch bei strömendem Regen bis zu zehn Schwimmer, sagt Betriebsleiterin Carolina Schaffner, und schaut in Richtung «Bootsi», der grünen Gummischlange am Beckenrand. Nicht jedoch heute. Obwohl noch kein Eintritt verzeichnet wurde, sind die Bademeister nicht unterbeschäftigt. Das Wasser muss kontrolliert und sämtliche Anlagen geputzt werden.

Dies ist die zweite Saison der ehemaligen Sozialarbeiterin Schaffner im Zwischen den Hölzern. Davor war sie im Seebad einer Pfnüselküstengemeinde tätig. «Mein Arbeitsort ist eine der schönsten Badis der Region, wenn nicht des Kantons», sagt sie lachend. Ich pflichte ihr bei.

Die Architektur der 1960er-Jahre ist perfekt erhalten – man begibt sich auf eine Zeitreise. Mit dieser Meinung stehen Schaffner und ich nicht alleine da. An heissen Sommertagen verzeichnet sie bis zu 4000 Eintritte, was etwas weniger als Zweidritteln der Bevölkerung Oberengstringens von 6549 entspricht. «Dann geht die Post ab», sagt Schaffner. Was die Gäste besonders schätzen sei die Nähe zur Natur, bemerkt sie währendem sie einen angefressenen Tannzapfen vom Boden aufliest. Dies sei das Frühstück der vielen Eichhörnchen der angrenzenden Wälder. Der Saft frisst sich in den Betonrand der Bassins und hinterlässt braune Flecken.

Peter Menzi erklärt, warum Oberengstringen so schweizerisch ist

Peter Menzi erklärt, warum Oberengstringen so schweizerisch ist

Fischknusperli und Cordon bleu

Im Restaurant Grünwald, wo ich den langjährigen Gemeindeschreiber Peter Menzi zum Mittagessen treffe, herrscht Hochbetrieb. Im vorwiegend von Seniorengruppen – eines der Tischgespräche handelt von der just absolvierten Aquafit-Lektion – dominierten Lokal, hört man Menzis Stimmorgan trotz des hohen Lärmpegels vom anderen Ende des Raums.

Im Speziellen, wenn er laut herauslacht. Seit fast 28 Jahren steht er im Dienst der Gemeinde und kennt Oberengstringen wie wohl kaum ein anderer. Durch und durch liebt er die Gemeinde. Menzi band sich für unser Essen eine eigens angefertigte Oberengstringen-Krawatte um, im Gespräch fokussiert er auf die positiven Aspekte. Dabei zog er nicht freiwillig hierher, denn als er die Stelle antrat, herrschte für den Schreiber noch Wohnsitzpflicht.

Mehrmals kontrolliert Giuseppe Paratore die Befindlichkeit der Bewohner

Mehrmals kontrolliert Giuseppe Paratore die Befindlichkeit der Bewohner

Ein Cordon bleu bestellt er sich, ich entscheide mich für das Menu 1 mit Fischknusperli. «Oberengstringen ist enorm schweizerisch, wussten Sie das?», fragt Menzi. «Wie meinen Sie?» frage ich leicht verdutzt. Menzi grinst schelmisch. Regelmässig melde sich das Meinungsforschungsinstitut Gfs.bern an Abstimmungssonntagen, um sich nach den Oberengstringern Ergebnissen zu erkundigen. «Die Gemeinde stimmt ab, wie es die Schweiz tut», sagt er. Zudem sei man auf der Verwaltung sehr schnell: «Normalerweise liegen die Resultate um 12 vor.»

Was er an den Oberengstringern schätze, sei, dass sie besonders vernünftig seien. Dies gelte an der Urne genauso wie an der Gemeindeversammlung. Blockierer aus Prinzip, die der Verwaltung nur ‹Zleid werken› wollen, habe er beinahe nie erlebt. In ein bis zwei Jahren wird Menzi in Pension gehen. Bleibt er Oberengstringen auch danach erhalten? «Selbstverständlich.»

Nun scheint sie doch unumgänglich: die Zürcherstrasse. Über den Florence-Schelling-Weg, benannt nach der Olympia-Torhüterin der Eishockey Nationalmannschaft, geht es hangabwärts. Nur wenige Leute sind im Zentrum zugegen und genehmigen sich im La Candida ein Getränk. Zwei Senioren nippen genüsslich an einem Glas Weisswein, eine weitere Pensionärin sitzt draussen unter der Überdachung und wirft gerade ihre halb fertiggerauchte Zigarette zu Boden, obwohl es auf jedem Tisch einen Aschenbecher hat. Der quadratische Zentrumsplatz, um den sich die reformierte Kirche, das Gemeindehaus und die Bibliothek gruppieren, ist eines der wenigen architektonisch markanten Gebäudeensembles, welches die Gemeinde zu bieten hat. Beinahe versteckt, findet sich unweit aber noch ein anderes. Ich mache mich auf den Weg zum Kirchwegsteig.

Bis vor zwei Jahren war das Mehrfamilienhaus aus den 1950er-Jahren vergleichbar mit jedem anderen Bau in diesem Quartier. Heute, nachdem es für 1,5 Millionen Franken umgebaut und saniert wurde, dient es als Vorbild für eine nachhaltige Bauweise. Im Jahr 2015 wurde der Hauseigentümer, SP-Nationalrat Thomas Hardegger, mit dem Plusenergie-Solarpreis ausgezeichnet. In den Medien wird das Gebäude seither als Kraftwerk-Haus bezeichnet, da es mehr Strom produziert (24 500 kWh), als es verbraucht (18 755 kWh). Seit der Fertigstellung wohnt Kristina Meyer mit ihrem Freund Lukas im obersten Geschoss. Vom Balkon überblicken sie grosse Teile des Limmattals. Die Decken und Wände sind aus hellem Holz. Nichts lässt erahnen, dass es sich um eine spezielle Wohnung handelt. «Was ist denn hier anders als bei einem ‹normalen› Haus», frage ich die 26-Jährige. Sie schmunzelt und überlegt. «Für uns Bewohner sind die Unterschiede zu einem regulären Haus wirklich nicht gross.» Die Umweltingenieurin sagt aber auch, dass sie nicht um jeden Preis ins Vorzeigehaus der Nachhaltigkeit einziehen habe wollen. «Hätte man beispielsweise die Fenster nicht öffnen können, hätte ich sicherlich grosse Mühe gehabt.»

Energie brauche auch ich: Erhalten werde ich diese in Form von Pizza im Restaurant Freihof. Eine Handvoll Jasser haben sich dort eingefunden und frönen ihrem Hobby, halten einen Schwatz. Den Klangteppich bilden Popschlager und kraftvolle Balladen aus den 1980er Jahren. Hier gebe es die beste Pizza des Dorfes, habe ich mir sagen lassen. Bevor es zurück an die Zürcherstrasse geht, stelle ich fest, dass die Quattro Stagioni diesem Ruf vollkommen gerecht wird.

Kontrollgänge und Katheter

Nicht nur ich, sondern auch Giuseppe Paratore griff auf eine Pizza als Abendessen zurück. Obwohl es für ihn eher ein Frühstück war. Der gebürtige Sizilianer spricht schnell, blinzelt hin und wieder, ist hellwach. Er ist der Pflegefachmann, der heute den Nachtdienst im Almacasa, einer Institution für Senioren, übernimmt. Viele der Bewohner sind noch einigermassen selbstständig, bei ihnen muss er lediglich einmal frühmorgens zum Rechten sehen, andere hingegen brauchen mehr Pflege und Zuwendung. Beispielsweise Frau Linderer. Paratore öffnet die Tür zum Doppelzimmer im Erdgeschoss. Auf leisen Gummisohlen geht er auf das Bett der Bewohnerin zu und beginnt sanft, an ihrem Leinentuch zu zupfen.

«Ändert sie ihre Position nicht, liegt sie sich wund», flüstert Paratore. Linderer öffnet kurz die Augen und wünscht dem Pflegefachmann im Flüsterton eine gute Nacht. Drei- bis viermal pro Woche arbeitet Paratore zwischen 21 und 7 Uhr. Zu seinen Aufgaben gehören etwa Kontrollgänge oder das Behilflichsein beim Gang auf die Toilette. Das Leeren von Kathetern oder das Waschen der Dienstkleider des Pflegepersonals gehört ebenso dazu, wie das Decken des Frühstückstischs.

Was Fortmann ihren Gästen empfiehlt.

Was Fortmann ihren Gästen empfiehlt.

Die Nachtarbeit mache ihm nichts aus. Jeder gewechselte Nachttopf, jedes verabreichte Medikament wird im internen System akribisch dokumentiert. Heute ist es ruhig, nur selten wird er gerufen. Gegen vier absolviert er seine letzte Tour, im Anschluss bereitet er die Medikamente jedes Bewohners für den Tag vor, bringt die Stuhlgangliste auf den aktuellsten Stand. Ich kann nicht mithalten: Nach 22 Stunden in Oberengstringen lege ich mich auf das Sofa in der Mitarbeiter-Küche und nicke ein. Bereits um halb sieben wird die erste Pflegerin der Morgenschicht eintreffen, alles wird bereit sein zur Übergabe.

Während auf der einen Seite der Zürcherstrasse ein Arbeitstag endet, beginnt auf der anderen Seite ein anderer. Hilde Fortmann steht in der Küche ihres Bed & Breakfast’. Auf zwei Tellern drapiert sie erst Salatblätter, dann Schinken. Nach und nach kommen eine Gurkenscheibe, ein Schnitz Käse sowie einige Stücke Honigmelone hinzu. «Über die vergangenen zwölf Jahre hat sich ein grosser Kreis von Stammkunden entwickelt», sagt sie.

Geschäftsleute, die befristet in Zürich arbeiten, mieten sich tage- oder gar wochenweise bei Fortmann ein. Im Jahr 2004 eröffnete sie ihr B&B, bereits zwei Jahre später logierte der Genfer Geschäftsmann, der heute sein Frühstück einnimmt, erstmals bei ihr. «Ich fühle mich rundum wohl hier», sagt er. Fortmann setzt sich vis-à-vis an den Tisch und beginnt eine Unterhaltung. Der Eindruck entsteht, die beiden wären eher alte Freunde, als dass sie Gast und Hotelière sind. «Meine Gäste sind für mich eine unglaubliche Bereicherung», sagt Fortmann später. Jeder habe eine interessante Geschichte aus seinem Land zu erzählen.