«Es ist endlich mal einer nach Uitikon gekommen, bei dem man jung sein durfte. Man durfte die Beatles hören, man durfte Elvis Presley hören, nicht mehr immer die gleiche Ländlermusik, man durfte Jazz hören.» So beschreibt der Uitiker Alfred Wismer den Einfluss von Pfarrer Sieber auf die junge Generation in der Gemeinde.

Ab 1956 war der im Mai vergangenen Jahres 91-jährig verstorbene Sieber Dorfpfarrer und stiess in Uitikon zahlreiche Neuheiten an. In der aktuellen Ausgabe des Uitiker Weihnachts-Kuriers wirft Historikerin Sonja Furger einen Blick zurück auf das Wirken Siebers noch bevor er zur nationalen Ikone der Nächstenliebe wurde. Anhand von Anekdoten aus Schriften oder von Zeitzeugen bildet sie ein detailliertes Porträt des jungen Pfarrers.

Im Sommer 1956 wurde Sieber mit 29 Jahren von der reformierten Kirche nach Uitikon geholt. Doch stand das Pfarreramt anfänglich unter keinem guten Stern. Wie er Jahrzehnte später in einer Radiosendung sagte, sei er in eine der schwierigsten Gemeinden der Schweiz entsandt worden. «Der Kirchenrat sagte: ‹Geh du dorthin, in die Gemeinde, die hat Krach, du hast Nerven, sorge für Frieden›», so Sieber.

Tatsächlich zog ein Konflikt zwischen dem damaligen Dorfpfarrer Hans Feimüller und dem Direktor der Arbeitserziehungsanstalt und langjährigen Gemeindepräsidenten Fritz Gerber-Boss einen tiefen Graben durch das Dorf. Den Höhepunkt bildete die Inhaftierung des Pfarrers im Zusammenhang mit der Entweichung Jugendlicher aus der Anstalt.

Zwar wurde er vom Bezirks- und Obergericht freigesprochen. Ein Amtsenthebungsverfahren kam zum Schluss, Gerber-Boss sollte als Anstaltdirektor abgelöst und Freimüller seines Amtes enthoben werden.

Die Liebe sass in der Kirche

Für Sieber warteten zahlreiche Projekte in der damals stark wachsenden Gemeinde. So hatte er eine Sonntagsschule zu organisieren und den Konfirmationsunterricht wieder im Dorf zu verankern. «Die Gutausgebildeten und Begüterten sollten mit durchdachten Predigttexten und qualitätsvollen Veranstaltungen angesprochen werden», schreibt Furger. So jung, attraktiv und unverheiratet wie Sieber war, habe er auf wohlwollende Unterstützung aus dem Kirchenvolk zählen dürfen.

«In der Gemeinde gab es viele Frauen, die sich eine Ehre daraus machen, den Junggesellen zu verwöhnen», schrieb Sieber in einer seiner Publikationen. Er habe stets nach Fruchtsalat, Gemüse, Braten und Kartoffelstock greifen können.

Der sanfte Tenor beim Gesang sei das erste gewesen, was sie von Sieber vernahm, schreibt Siebers spätere Frau Sonja Vassalli. Diese hatte gerade eine Lehrerinnenstelle in der Ostschweiz angetreten und besuchte einen Gottesdienst in der Heimat Uitikon. Zuvor rief ihre Stiefmutter sie an und sagte, sie solle bald nach Hause kommen, denn es sei ein neuer, junger Pfarrer in der Gemeinde. Einer, den man einfach gesehen haben müsse.

Sieber seinerseits habe bereits beim ersten Blick von der Kanzel hinunter gemerkt: «Keine Frage, das ist meine Frau.» Nach der Trauung 1958 wuchs die Familie um vier eigene und drei angenommene Kinder an.

Sieber wurde zu dieser Zeit zu einem Pfarrer für die Jugend. Er organisierte Lager im Tessin, später in Italien, und ermöglichte so einen freien, offenen Austausch. «Denn in der Feuerwehr oder im Männerchor hatte man als Junger nichts zu sagen», sagt Zeitzeuge Alfred Wismer im Gespräch mit Furger.

Das Paradebeispiel für die Angebotserweiterung für die junge Generation war der Jugendgottesdienst, auch bekannt unter dem Namen «Camping-Gottesdienst». Jeweils an Sommerwochenenden lud Sieber gemeinsam mit dem Chor Young Preachers an den Türlersee. Das Motto lautete: «Chömed alli go lose, au ide Badhose.» Dieses richtete er via Megafon an die Campinggäste, die anschliessend zahlreich mit Luftmatratzen bepackt zu Sieber strömten und seinen Worten lauschten.

Schüsse während der Predigt

Dass Sieber auch resolut auftreten konnte, zeigt das Beispiel, an das sich Heidi Demuth erinnert. An einem Sonntag habe er seine Predigt unterbrochen, sei von der Kanzel gestiegen und durch das Gotteshaus hinaus ins Freie geeilt. Er sei in sein Auto gestiegen und hinauf zum Allmend-Schiessstand gefahren.

«Einmal mehr hatten dort Schützen die wiederholte Bitte ignoriert, mit dem Schiessen bis nach dem Kirchgang zuzuwarten», so Demuth. Verärgert wie er gewesen war, habe Sieber sein Gefährt mitten durchs Schussfeld manövriert, sei stehengeblieben, habe die Männer zur Rede gestellt und sei danach wieder zurück in die Kirche gebraust, wo er seine Predigt fortsetzte.

Mit dem Einwohnerwachstum Uitikons stieg auch der finanzielle Spielraum der Kirchgemeinde. Das alte Harmonium konnte durch eine Metzler-Orgel ersetzt werden. In den Jahren 1960 bis 1961 wurde das reformierte Gotteshaus renoviert und man leistete sich drei farbige Chorfenster, welche die Dreifaltigkeit darstellen.

Der Zwist, den das Dorf bei Siebers Einstand entzweit hatte, war bald vergessen. Nicht zuletzt wegen zweier Anlässe, bei denen es Sieber gelungen sei, die Uitiker Bevölkerung in Bewegung zu setzen, wie es heisst. Neben dem Dorffest zugunsten der Kinderhilfe Uitikon 1958 zählt auch die Freilichtaufführung von Hugo von Hofmannsthals «Jedermann» 1961 mit Laienschauspielern aus dem Dorf dazu.

Zu denken, dass Sieber im Dorf nur auf Gegenliebe stiess, wäre falsch. So erlebte er Anfeindungen, weil er in leerstehenden Liegenschaften und im Pfarrhaus stets Obdachlose einquartiere. Diese würden nun mal nicht ins Dorfbild passen, habe sich ein Kirchgänger beschwert. «Es ziemt sich nicht für einen Pfarrer, sich mit solchen Existenzen zu befassen», schrieb ein anderes Gemeindemitglied in einem Brief an Sieber.

1967 zog er mit seiner Familie nach Altstetten, wo er fortan als Pfarrer amtete. Mit Uitikon hatte er damals aber noch nicht abgeschlossen. Seine letzten 20 Jahre verbrachte Ernst Sieber mit seiner Frau Sonja in Uitikon.