Sie hat nie aufgegeben und stets weitergekämpft – für eine gute Sache. Einmal mehr hat es sich gelohnt: Hélène Vuille darf nun auch in den Kantonen Aargau, Solothurn und Bern sogenannte Tagesfrischprodukte an Bedürftige abgeben. Crèmeschnitten, Sandwiches und Salate – alles Lebensmittel, welche die Grossverteiler nach Ablauf eines Tages wegwerfen.

Letzte Woche bestätigte eine Migros-Pressesprecherin gegenüber der «Aargauer Zeitung», dass die Migros Aare Vuilles Projekt künftig unterstützen will. Seit 16 Jahren schon rettet die Birmensdorferin in Zürich Tagesfrischprodukte vor der Vernichtung und beliefert damit ausgewählte Stiftungen. Anstatt im Müll landen die Esswaren seither auf den Tellern von Obdachlosen und Bedürftigen. Seit 2013 darf sie die nicht verkauften Esswaren sogar in Migros-Filialen im gesamten Kanton Zürich abholen – und nun bald auch im Mittelland. «Das ist für mich wie Weihnachten», sagt Hélène Vuille auf Anfrage. Es freue sie, dass ihr Dienst endlich über die Kantonsgrenzen hinausgeht. Sobald sie eine schriftliche Bewilligung der Migros hat, will sie loslegen.

Neues Vorzeigeprojekt in Thalwil

Ob sie im Mittelland wie in Zürich die Waren selber abholt und an die Heime ausliefert? «Nein», meint sie. Das sei nicht möglich, sie sei ja nur ein Einfraubetrieb. Vielmehr wird Vuille in den neuen Regionen nach Heimen, Sozialämtern und Kirchgemeinden suchen, welche die Lebensmittel verteilen. Die Birmensdorferin fungiert so als Vermittlerin zwischen Migros und den Institutionen. Sie hofft, dass die Abgaben dort auch ohne ihre Hilfe funktionieren, dass sich ein selbstständiges System etabliert. Vom Erfolg ist Vuille überzeugt: «Eigentlich ist es einfach», sagt sie. «Es braucht nur einen Raum und freiwillige Helfer.» So wie in Thalwil, ihrem neuen Vorzeigeprojekt.

Dort ist es ihr gerade gelungen, die Reformierte Kirche einzuspannen. Ab November wird diese an zwei Abenden in der Woche Lebensmittel verteilen; jeweils drei Freiwillige helfen dabei. Dank Flyern und einer Veranstaltung fand die Kirche diesen Sommer dafür insgesamt 25 Helfer. «Das hat mich sehr beeindruckt», sagt Felix Känzig, der Diakon der Kirche. Mit einem solchen Engagement habe er nicht gerechnet. Hélène Vuille klopfte bereits vor zwei Jahren an bei Känzig. Damals hatte er jedoch keine Kapazität. Doch Vuille gab nicht auf, fragte wieder. Diesmal mit Erfolg. Eine Unterstützung wie in Thalwil erhofft sie sich nun auch in den anderen Kantonen.

Doch damit ist Hélène Vuilles Kampf noch nicht zu Ende geführt. Ihr Ziel: eine Änderung auf Gesetzesebene. Ihr zufolge müsste das Gesetz der Handels- und Gewerbefreiheit dahingehend angepasst werden, dass Grossverteiler verpflichtet wären, ihre Tagesfrischprodukte an Bedürftige abzugeben. «Das würde die Arbeit enorm erleichtern», sagt sie. Vuille schrieb dafür bereits Briefe an National- und Ständeräte. Viele fanden die Idee gut. Nur: Bisher hat sich nichts getan, und kein Parlamentarier begleitete sie je in ein Hospiz. «Wenn ein Politiker miterleben würde, was es einem Obdachlosen bedeutet, ein Erdbeertörtchen zu erhalten, dann könnte etwas geschehen», ist Vuille überzeugt. Und bis sich gesetzlich etwas ändert, so lange wird sie nicht aufgeben.