Am morgigen Herbstnachmittag der Stadt Schlieren tritt die Dietikerin mit Seniorinnen und Teenagern auf.

Dass Bauchtanzen mehr ist als ein bisschen Schütteln und Rütteln, zeigt sich beim Kursbesuch im Singsaal des Schulhauses Fahrweid. Krah unterrichtet hier mittwochs Dritt- bis Fünftklässlerinnen im Rahmen des Schulsportangebots. Neun Schülerinnen sind es derzeit. «Die Kinder haben Freude an den vielseitigen Bewegungen und begeistern sich für Accessoires wie den Tanzschleier», sagt die 46-Jährige.

Es gefalle den Schülerinnen, in der Gruppe einen Tanz einzustudieren – und diesen am Ende des Kurses ganz stolz den Eltern vorzuführen. Besonders, wenn sie Tanzelemente aus ihren Heimatländern wie Bosnien oder der Türkei einbauen dürfen.

Zum grossen Auftritt noch weit

Zum grossen Auftritt ist es allerdings noch weit, der Kurs ist erst gestartet – und aller Anfang ist schwer. Erst recht, wenn die Hüfttücher mit den klimpernden Münzen ständig ins Rutschen geraten. Immer wieder löst sich eines der neun Mädchen aus der tanzenden Gruppe und rennt zur Tanzlehrerin. Die knotet den roten, orangefarbenen oder violetten Stoff im Nu wieder fest. «Nächstes Mal lösen wir das Problem mit einer Stecknadel», sagt Krah, Mutter zweier erwachsener Kinder. Die Mädchen scheinen das Ritual zu geniessen. Zu orientalischen Klängen wackeln sie weiter mit den schmalen Hüften, schieben sie die Schultern nach vorne und nach hinten – manchmal noch etwas steif und unrhythmisch.

Auch wenn die Arme ab und zu schwer werden und die Bauchmuskeln schlappmachen, ist die Stimmung im Singsaal ausgelassen. Es wird viel gekichert, gekreischt, gehüpft. «Ich baue immer wieder Spiele in den Unterricht ein. Das lockert auf. Technikübungen mache ich hingegen nicht zu viel. Dafür sind die Kinder zu jung, es würde sie langweilen», sagt Krah.

«Ihre Offenheit berührt mich»

Spielerisch geht sie auch im Bauchtanzkurs für Seniorinnen vor, den sie dienstags im Auftrag der Freizeitvereinigung Schlieren leitet. «Natürlich machen wir dort kein ‹Fangis›», sagt Krah. Gelacht werde trotzdem viel. «Die Seniorinnen sind konzentriert bei der Sache – finden es aber auch lustig, wenn mal etwas nicht auf Anhieb klappt. Ihre Offenheit, etwas Neues zu wagen, berührt mich.» Denn etwas Mut brauche es schon, sich als 70-Jährige für einen solchen Kurs anzumelden, sagt die Tanzlehrerin. Der Bauchtanz werde immer noch mit erotischen Verführungskünsten gleichgesetzt – eine Vorstellung, die zumindest in Ländern wie der Schweiz überholt sei. Hierzulande dienten die Kurse primär der körperlichen und seelischen Fitness. «Die ungewohnten Bewegungen des orientalischen Tanzes verhelfen älteren Frauen zu neuer Mobilität», sagt Krah: «Alte Bewegungsmuster werden aufgebrochen, vernachlässigte Muskeln trainiert.

Dadurch kann man den Kopf leichter drehen, das Becken besser bewegen; man hat weniger Rückenschmerzen.» Heilsam sei der Tanz auch für die Seele der Seniorinnen. Sei eine Frau mit eingezogenen Schultern durchs Leben gegangen, lerne sie im Kurs, aufrecht hinzustehen. «Das ist wichtig für das Selbstbewusstsein. Die Schönheit der Frauen tritt durch den Tanz hervor.» Dessen befreiende Wirkung hat Krah schon erlebt, bevor sie vor zehn Jahren selber mit Unterrichten startete: «Nach einem Kursbesuch fühlte sich alles freier an, der stressige Alltag mit den zwei Kindern war wie vergessen», erzählt die gelernte kaufmännische Angestellte. Weil der Bauchtanz technisch anspruchsvoll sei, könne man sich dabei nicht noch mit der Frage quälen: «Was koche ich heute bloss zum Nachtessen?»