Hundetourismus
Ob aus dem Aargau oder Zürich - ohne Leine gibt es für Hunde kein Halten mehr

Kathrin Bürgis vom Hundeclub Anubis fordert eine zeitlich begrenzte Leinenpflicht im Kanton Zürich, um Wildtiere zu schützen. Der Kanton lehnt dies ab

Sebastian Schanzer
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Kathrin Bürgis erzieht die Hunde.

Kathrin Bürgis erzieht die Hunde.

Sebastian Schanzer

Unbeschwert trappelt der kleine Peppe vor sich hin, schnuppert hier und da an einem entgegenkommenden Artgenossen, frisst ein paar Grashalme oder macht Sitz, wenn es sein Frauchen so will. Als er links vom Weg einen offenen Eingang in den Wald entdeckt, hat Frauchen allerdings erst einmal nichts zu melden. Schnurstracks nimmt er eine Fährte auf, läuft mit wedelndem Schwanz ins Gestrüpp und hält Ausschau nach etwas Lebendigem. Ein plötzlicher Ruck beendet Peppes Ausflug aber abrupt. Die Rollleine hat ihre maximale Länge von acht Metern erreicht. Der Hund bleibt noch ein bisschen stehen, bis er schliesslich dem Ruf seiner Halterin folgt. «Ich habe einmal den Fehler gemacht, ihn frei laufen zu lassen», sagt Kathrin Bürgis, Peppes Besitzerin. «Da gab es kein Halten mehr.»

Hundetourismus im Limmattal

Bürgis ist engagierte Hundehalterin und Mitglied im Vorstand des Schlieremer Hundeclubs Anubis. Sie unterstützt die Forderung des Weininger Kantonsrates Hanspeter Haug, während der Wurfzeit eine zeitlich begrenzte Leinenpflicht im Kanton Zürich einzuführen. Zum einen gehe es darum, Wildrisse zu verhindern, zum anderen bangt Bürgis selbst immer wieder um ihre kleinen, wehrlosen Hunde. «Wenn ein grosser Hund in hohem Tempo rennt, kann er oft nicht rechtzeitig bremsen. Einen Zusammenprall würde mein kleiner Terrier nicht überleben», sagt Bürgis. Sowohl im angrenzenden Aargau wie auch in den Wäldern der Stadt Zürich müssen die Hunde während der Brutzeit von Wildtieren an der Leine geführt werden. Eine allgemeine Leinenpflicht im Kanton Zürich gibt es nicht. Der Zürcher Regierungsrat möchte es bei den bestehenden Gesetzen belassen und die Hundehalter lieber sensibilisieren, wie er kürzlich mitteilte, etwa durch Hinweisschilder im Wald.

Das Fehlen einer Leinenpflicht im Kanton Zürich führt de facto dazu, dass Aargauer und Stadtzürcher ins Limmattal ausweichen, um ihren Hunden Freilauf zu gewähren. Ob die Zunahme an Wildrissen von 37 Prozent innerhalb von drei Jahren im Kanton Zürich auch mit den Aargauer Hundetouristen zu tun hat, muss gemäss Zürcher Regierungsrat offen gelassen werden. Schuldzuweisungen in dieser Richtung schiessen ohnehin am Ziel vorbei. Diese Meinung vertritt zumindest Bürgis. Vielmehr sollte sich jeder Hundehalter an der eigenen Nase nehmen.

Täglich geht Bürgis Gassi mit Peppe und Meggie. Im Wiesentäli beispielsweise, zwischen Altberg und Haslern, herrschen nahezu perfekte Voraussetzungen für einen Spaziergang mit dem Hund. Vom Schützenhaus Weiningen aus führt ein Weg abwechslungsweise durch Wald und Wiesen. Gute Luft, wenig Verkehr und viel Platz, um sich ausgiebig zu bewegen, erfreuen dort Hund wie Herrchen beziehungsweise Frauchen. Entsprechend oft begegnen sich im Wiesental Hundebesitzer mit ihren Tieren. Gerne bleibt man laut Bürgis stehen, tauscht sich über seine Vierbeiner aus und spricht auch über die Problematik mit der Leine.

«Viele Halter verhätscheln ihre Hunde und glauben, diese immer unter Kontrolle zu haben», sagt Bürgis. Das Jagen ist aber ein Instinkt und lässt sich selbst bei sehr gehorsamen Hunden nicht unterbinden. Sie selbst habe schon ein gerissenes Reh am Wegrand gefunden, worauf ihr der Wildhüter bestätigte, dass es das Machwerk eines Hundes sei. «Das war kein schöner Anblick.»

Hunde richtig einschätzen

Unerschrocken weist Bürgis andere Hundehalter auf die Gefahren hin, die von freilaufenden Hunden ausgehen können, und erntet dafür nicht selten bösartige Kommentare. Hundehalter lassen sich nicht gerne belehren, was ihren Hund angeht. Weshalb die Hundekennerin nun ihren Peppe zwar an der Leine führt, ihre Meggie aber über weite Strecken frei vor sich herlaufen lässt, scheint widersprüchlich. Das alte Tier macht zwar über die ganze Strecke hinaus keine Anstalten, den Weg zu verlassen. Dem Hund traut man bei der Grösse einer nicht ganz ausgewachsenen Katze auch nicht zu, ein Reh zu reissen. Dennoch handelt Bürgis nicht konsequent. «Man muss einfach den Verstand walten lassen», sagt sie.

Zuletzt 137 Wildrisse

Wer sich einen Hund zutut, muss das Tier in den Griff bekommen und verantwortungsvoll damit umgehen. Dieser Meinung ist auch Adrian Stutz, Jagdaufseher in Urdorf und Dietikon. Vor knapp drei Wochen äusserte er sich in der Limmattaler Zeitung zum Thema. Um eine lokale Häufung von Hunden zu verhindern, müsse der Leinenzwang entweder in allen Kantonen eingeführt werden oder in keinem, sagte er. Zentral sei aber das Verantwortungsbewusstsein der Hundehalter. Ein Hund dürfe den Weg nicht verlassen, um im Wald nach Abenteuern zu suchen. Im Jagdjahr 2013/2014 verzeichnete der Regierungsrat Zürich 137 Wildrisse.