Dietikon

«Nur wer es erlebt hat, kann es verstehen» - Der Rapper Xen gibt Einblick in sein Leben als Musiker

Der Dietiker Shkelzen Kastrati kann heute von seiner Musik leben. Aber er weiss auch, was es heisst, für den eigenen Weg zu kämpfen.

Der Dietiker Shkelzen Kastrati kann heute von seiner Musik leben. Aber er weiss auch, was es heisst, für den eigenen Weg zu kämpfen.

Der Dietiker Shkelzen Kastrati alias Xen setzt seit seiner Kindheit alles auf seine Rapkarriere. Heute kann er von seiner Musik leben.

Der steinige Weg des Dietiker Rappers Shkelzen Kastrati ist seit 2015 von Erfolg gekrönt. Er hat sich mit seinem Künstlernamen Xen einen Namen gemacht und Ziele erreicht, von denen viele Musiker nur träumen können. Xen ist die Abkürzung seines Vornamens und wird entsprechend «Tsän» ausgesprochen. Aus dem Dietiker Junge, der einst so manche Sozialarbeiterin und Lehrperson in den Wahnsinn trieb, ist heute eine feste Grösse in der Schweizer Musikszene geworden. Und dies in einer Kategorie, die gerne als Gangster-Rap abgestempelt wird, ohne je eine Zeile von Xens Alben gehört zu haben. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, seine schwierige Vergangenheit und seine Wünsche und Hoffnungen in Musik zu verpacken. Dies zur Freude seiner Fans, die sich mit der direkten Wortwahl und der teilweise auch wütenden Wiedergabe seiner Vergangenheit identifizieren können. In den Worten von seinem Debutalbum ist es «de Shippi, de Chiller, de Kiffer, de Dietiker», der es trotz allen Widerständen geschafft hat, in den Schweizer Rap-Himmel aufzusteigen.
Es sind namhafte Schweizer Künstler wie Bligg, Stress und Stereo Luchs, die Kontakt mit ihm aufnehmen, um gemeinsame Songs aufzunehmen. Auf seinem jüngsten Album «Lieblingsrapper», das er letzten Sommer veröffentlichte, ist gar Sido vertreten. Was bei seiner Erfolgsgeschichte aber öfters betont wird, ist sein fulminanter Start, als er sich 2015 mit seinem Debütalbum «Ich gäge mich» ohne Plattenfirma im Hintergrund auf Platz vier der Schweizer Albumcharts einreihte und gleich mehrere Wochen zuvorderst platziert war. «Es hat mir das Leben gerettet», sagt Xen bei einem Gespräch und zeigt sein grosses Tattoo des Logos von eben diesem Album, das er sich auf die Brust stechen liess.
Seit 2017 steht Xen bei Universal Music unter Vertrag. 2018 sorgte er für einigen Wirbel mit seinem Auftritt bei den Swiss Music Awards. Dort wurde er bereits 2016 für den Preis in der Kategorie «The Best Breaking Act» nominiert. Obwohl er auf Schweizerdeutsch rappt, sind mittlerweile viele seiner Fans in Hamburg und in Berlin zu Hause. Die Millionen Klicks auf modernen Streamingdiensten und Youtube zeigen seine Beliebtheit auf. Er führt sein Musiklabel Physical Shock und kann nebst vielen anderen Konzerten auch auf zwei Auftritte 2017 und 2018 beim Open Air Frauenfeld zurück­blicken.

«Als Secondo wächst man anders auf»

Xen investierte bereits in seiner Jugend viel in seinen Erfolg . Wer ihm zuhört, der kann verstehen, warum er in einem seiner Songs betont, dass ihm nichts geschenkt wurde und er sich alles, was er wollte, selber verdient hat. Und vor allem dafür kämpfen musste. Es waren auch Kämpfe, die er mit sich selbst auszutragen hatte.
Seit seiner Kindheit investierte er unzählige Stunden in seine Leidenschaft Rap. Dazu gehören die Wochenenden, in denen er anstatt zu feiern mit seinen Freunden Musik produzierte und sich nächtelang die Narben von der Seele schrieb, die sein Leben hinterlassen hatte.
Xen war kein Musterschüler, aber auch hier lagen die Gründe oft bei seiner Liebe zur Musik und seinem Glauben daran, dass er es schaffen kann: «Wenn ein Produzent kam und ich wusste, dass es eine einmalige Chance ist, dann habe ich klar in der Schule und der Lehre gefehlt», sagt er. Aber er sei nicht rumgehangen und begrüsse es keineswegs, in der Schule zu fehlen: «Niemals, gehe zur Schule und lerne», sagt er heute. Aber man solle auch genau das machen, was man liebe. Vergessen wird auch gerne sein Talent, dass er bereits als Siebenjähriger im Beatboxen bewies. Nur wahrgenommen wurde es in seinem Umfeld, in dem er aufwuchs, kaum. Ausser von seinen Freunden und seinem ehemaligen Musiklehrer Hansjörg Eckinger in der Schule in Dietikon.
Es ist keine einfache Kindheit, die Xen zuerst in den 1990er-Jahren im Zürcher Kreis 4 und seit dem neunten Lebensjahr in Dietikon verbrachte. «Man kann es nicht verstehen, wenn man es nicht selber erlebt hat», sagt er dazu. Er war nie ein Draufgänger. Er setzte sich für Schwächere ein, wie er sagt. Aber was er nicht hatte, war ein Zuhause mit Eltern, die sich Zeit für ihn und seinen Bruder nehmen konnten.
«Als Secondo wächst man anders auf», sagt er. Bei ihm seien keine Eltern da gewesen, die etwa ein Mittagessen zubereiteten, oder fragten, wie die Schule war. Und es waren keine Eltern da, die bei den Hausaufgaben helfen konnten. «Mein Vater weiss nicht mal, was ein Hobby ist», sagt er. Er habe über Jahre bei derselben Firma auf dem Bau gearbeitet. «Er lebte und arbeitete für uns Söhne, da steckt eine ganz andere Mentalität dahinter», sagt er. Seine Mutter hingegen verliess die Familie früh, sodass er in diesen Jahren mit mehreren Stiefmüttern aufwuchs.
Er übernahm früh Verantwortungen, die ihn als Kind überforderten: «Ruf einmal mit zehn Jahren die Steuerbehörde an, obwohl du keine Ahnung hast, was Steuern überhaupt sind, und noch nie irgendwas in der Schule darüber gelernt hast», sagt er. Seine Bezugspersonen waren in der Folge seit jeher seine Freunde gewesen. «Dein Umfeld formt dich zu der Person, die du bist», sagt er. Dabei gab es genügend Anzeichen dafür, dass sehr vieles schief lief, als er jung war, aber es interessierte niemanden, wie er sagt. So zum Beispiel die Art und Weise, wie er bereits mit zwölf Jahren rappte. «Wäre ich heute ein Sozialarbeiter und ich würde einen Jungen so rappen hören, wie ich es tat, würde ich als Erstes fragen, was bei ihm falsch läuft», sagt er.
Heute kann er auch darüber lachen und trotz der Schwere hat es etwas Versöhnliches, wenn er über diese Vergangenheit spricht. Es mögen zwar Wörter in seiner Musik vorkommen, die andere nicht aussprechen würden, aber seine Musik lebt von dieser schonungslosen Offenlegung der Erfahrungen und Gedanken, die aus seinem Innern herauswollen.
Er selbst ist der Überzeugung, dass man die Tragweite von seinem Erlebten, aber auch ein Verständnis für seine Eltern, die die eigene Heimat verlassen mussten, nie ganz nachvollziehen könne: «Wie will man es nachempfinden, wenn man nie im Dreck war?»

Sein Vater erkannte spät, was der Sohn eigentlich macht

In der Heimat seiner Eltern, dem Kosovo, steht der Name Shkelzen für ein Gebirge. Für viele ist er in der Tat zum Vorbild geworden, und seine Songs eine Art Fels in der Brandung: «Wenn mir ein junger Mensch schreibt, dass meine Songs ihn vom Selbstmord abhielten, was will ich dann noch mehr erreichen?», sagt er. Es mag erstaunen, wenn er sagt, dass er dennoch nie das erreichen könne, was sein Vater geleistet habe. «Wie soll jemand, der das Leben im Kosovo kennt und nichts anderes kannte, als zu schuften, verstehen, dass der eigene Sohn mit Textschreiben sein Geld verdient?» Aber als eine albanische Fernsehsendung schliesslich über seine Erfolge berichtete und er in der Sendung auftauchte, habe das seinen Vater zu Tränen gerührt. Er musste ihm erklären, dass es das war, was er seit seiner Kindheit macht.
«Highspeed» heisst seine neueste Single und das Video gibt im Hintergrund Einblick in den Raum, in den er dank seines Erfolgs investieren konnte. Ein eigenes Musikstudio mit schalldichtem Raum steht nahe der Haltestelle Reppischhof. Es ist ein kleines Musikparadies, das sich Xen mit seinen Freunden in einem Jahr aufgebaut hat. Mit Genug Abstand zu Wohngebieten, um seine Musik professionell zu produzieren.
Um den Klischees gerecht zu werden, darf im Musikstudio auch geraucht werden: «Es gibt nichts Schlimmeres, als im Flow zu sein und dann muss man raus, um zu rauchen», sagt er.
Etwas weiteres hat sich verändert.
So ist er vor sieben Monaten zum
zweiten Mal Vater eines Sohnes geworden.

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