Limmattalbahn
«Nur vom Fussgängerverkehr kann ich nicht leben»: Ihr gibt die zukünftige Grossbaustelle zu denken

Gut möglich, dass die Bauzeit der Limmattalbahn für einen Dietiker Spielwarenladen zur Existenzfrage wird.

Gabriele Heigl
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Während der Baustellenzeit wird Heidi Fluor ihre Ware wohl nicht kaufanregend nach draussen schieben können. Derzeit beschäftigen sie aber andere Sorgen.

Während der Baustellenzeit wird Heidi Fluor ihre Ware wohl nicht kaufanregend nach draussen schieben können. Derzeit beschäftigen sie aber andere Sorgen.

Severin Bigler

Der Spielwarenladen in Dietikon ist eine Institution. «Spiel + Hobby» an der Zürcherstrasse existiert seit 44 Jahren. Dort kaufen heute Eltern für ihre Kinder ein, die vor 20 Jahren schon für sich selbst ihr Sackgeld in dem Geschäft ausgegeben haben. Die Inhaberin Heidi Fluor (56) möchte, dass das so bleibt. Sie fürchtet aber, dass sie nur noch bis 2019 weitermachen kann.

Grund dafür ist die Grossbaustelle für die Limmattalbahn, die bis dahin von Schlieren ein paar Stationen weitergezogen sein wird ins Zentrum von Dietikon. Noch in diesem Sommer, am 28. August, wird auf dem Schlieremer Stadtplatz der Spatenstich für die erste Etappe zwischen dem Bahnhof Altstetten und der Schlieremer Geissweid stattfinden. Die zweite Etappe soll zwischen 2019 und 2022 bis Killwangen Spreitenbach erstellt werden. Wenn sie eingeweiht wird, fährt die Bahn direkt an Heidi Fluors Laden vorbei.

Vorher kommen allerdings noch Lärm und Staubentwicklung. Diese sind es aber nicht, die die Dietikerin schrecken. «Es ist wichtig, dass meine Kunden bis ans Geschäft mit dem Auto fahren können. 70 Prozent kommen motorisiert.» Viele kommen aus Uitikon, Birmensdorf, Aesch und Oetwil, Kunden mit grossem Budget und entsprechend umfangreichen Einkäufen. «Nur vom Fussgänger- und Velo-Verkehr kann ich nicht leben», so Fluor. Das Geschäft verfügt über zwei Parkplätze auf Privatgrund unmittelbar vor den Schaufenstern. Wenn die Zufahrt nicht mehr möglich wäre, ginge es an ihre Existenz. Und das habe rein gar nichts damit zu tun, ob sie für oder gegen den Bau der Bahn ist. In politischen Fragen verhalte sie sich als Geschäftsinhaberin stets neutral, so Fluor.

Erfahrung mit einer Baustelle

Ob zeitweise Totalsperrungen einzelner Abschnitte notwendig werden, wird derzeit noch abgeklärt. Das erläuterte die Limmattalbahn AG anlässlich eines «Gwerbe-Zmorge», der für die Information der betroffenen Gewerbler durchgeführt wurde. Auch Heidi Fluor nahm daran teil. Einbussen in einem Sommermonat könne sie verkraften, aber nicht über einen längeren Zeitraum und schon gar nicht in der Vorweihnachtszeit, in der sie zwei Drittel ihres Jahresumsatzes mache.

Heidi Fluor, Inhaberin von Spiel + Hobby in Dietikon     

Heidi Fluor, Inhaberin von Spiel + Hobby in Dietikon     

SEVERIN BIGLER

Vor zwei Jahren wurden im Juli in der Nähe ihres Ladens Strassenbelagsarbeiten durchgeführt. «In diesem Monat machte ich 40 Prozent Minus», so Fluor, «obwohl die Strecke immer zumindest einspurig befahrbar war und die Baustelle nicht direkt vor dem Geschäft lag. In der Zeit musste ich Geld einschiessen. Diese Erfahrung gibt mir zu denken.»

Der Laden trägt sich zwar selbst, wirft aber keinen Gewinn ab. Vor 15 Jahren hatte sie ihn «mit viel Idealismus» zusammen mit einer Dietiker Kollegin von Oskar Wiederkehr, der ihn 29 Jahre geführt hatte, übernommen. Als die Kollegin schliesslich aufhören wollte, musste Fluor sie auszahlen. Dazu musste sie sich Geld leihen.

Ein Darlehen bekam sie von einem ihrer Brüder, ausserdem nahm sie eine Hypothek auf das Familienhaus auf. Fluor ist verheiratet und hat vier Kinder. Reserven konnte die Inhaberin nie bilden. «Wenn ich mir einen Geschäftsführerlohn rausziehen würde, kämen wir ins Minus. Jeder verdient in dem Laden mehr als ich.» Allein die Miete des 120 Quadratmeter grossen Geschäfts beträgt knapp 3000 Franken. Die Situation ist also bereits jetzt ganz ohne Baustelle nicht einfach.

Ab 2019 kein Lehrling mehr

Aber die 56-Jährige ist nicht der Typ, der den Kopf in den Sand steckt. Sie überlegt schon seit längerem, wie sie sich auf die Baustellenzeit vorbereiten kann. Derzeit beschäftigt sie drei Verkäuferinnen mit zusammen etwa 70 Stellenprozenten, Fluor selbst steuert noch 50 Prozent bei. Mehr darf sie seit einer sehr schweren Herzerkrankung nicht arbeiten. Ausserdem beschäftigt sie immer einen Lehrling. «Ich halte es für wichtig, dass im Ort Ausbildungsplätze angeboten werden.» Sie nehme immer solche Schulabgänger, die nicht so gute Noten hätten und die sich so bewähren können.

Ab 2019 wird sie erstmals keinen Lehrling einstellen und nur eine Verkäuferin beschäftigen. «Ich muss alles aufs Minimum reduzieren, damit ich die Warenvielfalt beibehalten kann. Es geht nicht nur um den Erhalt des Ladens; die Leute hängen ja auch dran.» Zudem denkt sie an Baustellenrabatte und Baustellenattraktionen. «Vielleicht schütte ich einen Sandhaufen vor der Tür auf zum Spielen für die Kinder. Dann können die hier ihre eigene Baustelle machen», meint sie und lacht.

In ihren Bemühungen erhofft sie sich Unterstützung durch die Stadt durch deutliche Beschilderung. Es müsse klar kommuniziert werden, dass die Geschäfte entlang der Baustelle jederzeit angefahren werden können. Dennoch rechnet sie mit empfindlichen Einbussen.

«Man sollte sich keine Illusionen machen. Viele Leute werden die Stadt während der Bauzeit meiden. Sie wird stillgelegt sein.» Dem Blick in die Zukunft mit der Bahn misstraut Heidi Fluor. Ihr Geschäft liege zwischen zwei Haltestellen. «Die Kunden werden an mir vorbeifahren.» Auch durch die mit der Bahn einhergehenden angestrebten Verkehrsberuhigungsmassnahmen würden weniger Leute durch die Stadt fahren.

Kampflos aufgeben will sie aber nicht. «Ich konnte zwar nie davon leben, aber er ist mein zweites Zuhause.» Dietikon habe so viel verloren in den letzten 30 Jahren. «Mir ist wichtig, dass es hier lebenswert bleibt.» Es gebe schon fast keine Fachgeschäfte mehr, in denen man fundierte Beratung bekomme.

 Fabienne Chappuis

Fabienne Chappuis

Zur Verfügung gestellt

«Später wird das Gewerbe profitieren»: Die stellvertretende Projektleiterin gibt sich optimistisch

Die Limmattalbahn AG setzt auf transparente Kommunikation. Dazu gehört auch, ansprechbar zu sein für Anwohner wie Gewerbe. Die stellvertretende Gesamtprojektleiterin Fabienne Chappuis ist sich der möglichen Auswirkungen der Baustelle bewusst.

Teilt die Limmattalbahn AG die Befürchtungen des Gewerbes?

Fabienne Chappuis: Da die genaue Bauphasenplanung in Dietikon noch nicht vorliegt, sind die Auswirkungen auf einzelne Geschäfte schwierig abzuschätzen. Es ist jedoch nicht auszuschliessen, dass eine Baustelle Einfluss auf den Umsatz hat. Die Erfahrung zeigt aber auch, dass Geschäfte nach Abschluss der Arbeiten von neuer Infrastruktur profitieren.

Wie kann die Limmattalbahn AG unterstützend tätig werden, um Einbussen zu minimieren?

Wir sind uns der Auswirkungen der Baustelle auf das Gewerbe bewusst und bemühen uns darum, diese so gering wie möglich zu halten und gemeinsam mit dem Gewerbe Lösungen bei Problemen zu finden. Während der Bauzeit wird der Zugang zu den Liegenschaften gewährleistet. Zudem sind wir bestrebt, die Bauzeit und somit die Beeinträchtigungen so kurz wie möglich zu halten.

Wo es sinnvoll ist, kann mithilfe von Beschilderungen auf Geschäfte hingewiesen werden. Wir sind bemüht, die Bevölkerung frühzeitig und offen über die Bauarbeiten zu informieren. Wir werden weiterhin Anlässe wie das Gwerbe-Zmorge durchführen und regelmässig Anwohnerinformationen verschicken.

Was kann das Gewerbe aus Sicht der Limmattalbahn AG tun?

Wir empfehlen, dass Geschäfte ihre Kundschaft frühzeitig informieren, dass sie während der Bauzeit offen haben und erreichbar sind.

Die Inhaberin Heidi Fluor wünscht sich vor allem eine gute Beschilderung und Publizierung, dass die Zufahrt jederzeit möglich ist.

Für die verschiedenen Bauphasen werden wir Beschilderungskonzepte erarbeiten. Zudem werden wir die Bevölkerung darüber informieren, dass die Zugänglichkeit gewährleistet ist und die Geschäfte offen haben. (GAH)

 Thomas Tiefenbacher

Thomas Tiefenbacher

Zur Verfügung gestellt

«Freie Zufahrt ist matchentscheidend»: Thomas Tiefenbacher freut sich auf die Zeit danach

Auch das Schuhgeschäft Tiefenbacher in der Zürcherstrasse in Dietikon ist von der Baustelle unmittelbar betroffen.

An welchen Tagen käme eine starke Belastung durch die Baustelle besonders ungelegen?

Thomas Tiefenbacher: Für mich ist es wichtig, dass die stärksten Tage wenig belastet sind. Hier gilt für uns: Je früher in der Woche und je früher am Tag, desto besser. Donnerstagnachmittag, Freitag, Samstag sind unsere stärksten Tage.

Was ist mit der Weihnachtszeit?

Weihnachten ist für unsere Branche nicht so relevant. Wichtiger sind Frühling und Herbst, wenn die Modesaison startet.

Bereiten Sie sich schon auf die Baustellenzeit vor?

Wir haben einige Erfahrung mit Baustellen vor unseren Geschäften. Eine so grosse war allerdings noch nicht darunter. Wir werden allein nicht viel machen können. Dass die Zugänge und Zufahrten frei bleiben, ist sicher matchentscheidend.

Welche Wünsche hätten Sie an die Stadt?

Das Ganze so erträglich wie möglich zu gestalten, aber auch die Stadt wird nicht viel machen können.

Hoffen Sie auf mehr Kunden, wenn die Bahn dereinst fährt?

Heutzutage ist man schon froh, wenn man keine Frequenz verliert.

Wie beurteilen Sie die Bahn an sich?

Die Bahn muss kommen, anders ist der Verkehr wohl nicht mehr zu bewältigen. Ich verspreche mir in Verbindung mit den flankierenden Massnahmen viel, durch welche der Verkehr nicht mehr durchs Zentrum geführt wird.

Haben Sie keine Angst, dadurch Kunden zu verlieren?

Diejenigen, die nur durch die Stadt fahren, sind eher zu bequem, hier einen Parkplatz zu suchen oder in den Untergrund dafür zu fahren.

Sie scheinen sich nicht viele Sorgen wegen der Baustelle zu machen.

Ich weiss, dass es schwierig werden wird, bin aber optimistisch für die Zeit danach. (GAH)