Massnahmenzentrum Uitikon

Nur noch die ganz schweren Jungs kommen nach Uitikon

MZU-Direktor Michael Rubertus.

MZU-Direktor Michael Rubertus.

In den letzten zehn Jahren erlebte das MZU eine deutliche Veränderung der Klienten. Es werden heute nur noch Jugendliche und junge erwachsene Männer platziert, welche sich schwere und schwerste Delikte haben zuschulden kommen lassen.

Mit dem Begriff «von der Arbeitserziehung zur Risikoorientierung» möchte Michael Rubertus, der Direktor des MZU, die Veränderungen in den letzten zehn Jahren umschreiben. «Früher waren wir der Überzeugung, durch Erziehung zur Arbeit würde der Mensch ein anständiges Leben führen. Logischerweise stand da die Ausbildung im Mittelpunkt der Massnahme. Und nebenbei ist die Erziehung im klassischen Sinn im Wohnbereich die zweite zentrale Massnahme gewesen.»

Keine Töfflidiebe

In den letzten zehn Jahren erlebte das MZU eine deutliche Veränderung der Klienten. Es werden heute nur noch Jugendliche und junge erwachsene Männer platziert, welche sich schwere und schwerste Delikte haben zuschulden kommen lassen. «Es gibt bei uns weder Schwarzfahrer noch Töfflidiebe», meint Rubertus dazu. Alle Delikte haben irgendwie mit Gewalt zu tun. Das geht von Raubüberfall bis zu Tötungsdelikten. Die jungen Straftäter des MZU seien so gesehen ein Abbild der Delinquenz von jungen Menschen.

«Eine kleine Gruppe begeht schwere Delikte», erklärt der Direktor. «Dabei geht schnell vergessen, dass nicht alle Jugendlichen schlecht sind. Wenn dem so wäre, müsste es in der Schweiz zehn MZUs geben. Wichtig ist, immer wieder darauf hinzuweisen, dass 97 Prozent der jungen Menschen eine normale legale Entwicklung machen. Wir müssen aufpassen, dass eine Minderheit nicht die Mehrheit bestimmt!»

«Können nicht mehr erziehen»

In den letzten zehn Jahren hat das MZU viele spezifische Behandlungskonzepte entwickelt. Dies auch aufgrund der Erkenntnis, dass man junge Menschen von 16 bis 18 Jahren nicht mehr erziehen kann. «Aber», fügt Rubertus an, «sie sind entwicklungs- und veränderungsfähig. Sie können lernen, Verantwortung zu übernehmen für das, was sie machen, oder eben nicht machen. Der junge Mensch muss sich als Täter akzeptieren und erkennen, dass er nicht Opfer von widrigen Umständen ist. Diese Selbsterkenntnis müssen wir mit unseren jungen Leuten anhand der konfrontativen Pädagogik erarbeiten. Sie müssen sich mit ihren Taten auseinandersetzen und in diesem Sinne Verantwortung übernehmen.»

Der nächste Schritt sei die Entwicklung eines persönlichen Risikomanagements. Das soll ihnen erlauben, wenn sie in eine deliktähnliche Situation geraten, anders handeln zu können. «Wir müssen sie vorbereiten, dass sie in kritischen und krisenhaften Lebenssituationen Handlungs- oder Verhaltensstrategien zur Verfügung haben, die es verhindern sollen, Raubüberfälle zu begehen oder im schlimmsten Fall Menschen umzubringen.»

Keine absolute Sicherheit

An dieser konfrontativen Pädagogik arbeitet jeder Bereich im MZU. Man habe ein Drei-Säulen-Modell entwickelt. Rubertus: «Sozialpädagogik, Berufsbildung und Therapie setzen in einem vernetzten Miteinander ihre Fachlichkeit dazu ein, eben diese Risiken zur Begehung neuer Straftaten auf ein Minimum zu reduzieren.»

Auf ein Minimum? Der Direktor gibt zu bedenken, es gebe in keinem Bereich unseres Lebens absolute Sicherheit. Deshalb könne man für die jungen Männer auch keine absolute Sicherheit garantieren. «Das müssen wir akzeptieren, sonst rennen wir etwas nach, das wir nie erreichen können.»

Selbstverständlich sei heute die Berufsbildung im MZU mit ihren acht Berufen mit insgesamt 19 Ausbildungsgängen ein wichtiger Bestandteil der Massnahme. Sie bilde ein gutes Fundament gegen ein neues Delinquieren des jungen Mannes. Auch sei klar, dass angemessenes Verhalten und sinnvolle Freizeitgestaltung wichtige Faktoren für ein gelingendes Lebens seien. Genauso sei die therapeutische Auseinandersetzung mit dem Delikt eine wichtige Massnahme im MZU.

Wichtig erscheint Michael Rubertus, wenn der junge Straftäter in jedem Bereich Selbstverantwortung übernehme und aus der Opferrolle herauskomme. Es müsse ihm klar werden, dass ein Rempler in der Disco nicht gleich zu einen K.-o.-Schlag führen muss oder eine knapp bekleidete Frau, auch wenn sie ihre Reize zeigt, nicht vergewaltigt werden dürfe. «Sie müssen sich als Täter begreifen und mit neuen Verhaltensstrategien ihr Leben in den Griff kriegen. Der Rote Faden unserer Massnahme ist die Täterorientierung, die Übernahme von Verantwortung. Mit Erziehung würden wir gnadenlos scheitern. In diesem Alter führt sie zu einer Verweigerungshaltung. Das mussten wir als Mitarbeitende lernen. Wir gehen permanent in die Konfrontation.»

Lieber Gefängnis als MZU

«Unsere Jungs müssen schwer an ihren Defiziten arbeiten», ist Rubertus überzeugt, «sie wären manchmal lieber im Gefängnis. Die Auseinandersetzung mit sich selbst ist harte Arbeit. Sie müssen sich vor allen outen, müssen in der Gruppe bekennen, wieso sie hier sind. Auch im Alltag wird immer wieder darüber diskutiert. Sonst würden sie immer in der Opferhaltung verbleiben.»

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