Schlieren
Nun verschwindet, was von der grossen Schwesternschule übrig blieb

Das geschichtsträchtige Gebäude des Theodosianums weicht dem «Limmi»-Neubau. Das weckt Erinnerungen – und Wehmut. Zum Beispiel bei ehemaligen Leiterin der Schwesternschule Elisabeth Müggler.

Florian Niedermann
Merken
Drucken
Teilen
Noch steht das Gebäude beim Spital Limmattal, in dem sich bis 2009 die Schwesternschule Theodosianum befand.

Noch steht das Gebäude beim Spital Limmattal, in dem sich bis 2009 die Schwesternschule Theodosianum befand.

Florian Niedermann

Am 24. September fahren beim Spital Limmattal die Bagger auf. Dann nämlich beginnen die Arbeiten für den Neubau «LimmiViva». Mit dem Beginn der Zukunft der Limmattaler Gesundheitsversorgung endet dann auch die Geschichte einer Institution, die 57 Jahre lang als beste Pflegeausbildungsstätte im ganzen Kanton galt: des Theodosianums. Das Gebäude der Schwesternschule neben dem Spital wird ebenfalls dem Erdboden gleichgemacht.

Schwester Elisabeth Müggler Ehemalige Leiterin des Theodosianums

Schwester Elisabeth Müggler Ehemalige Leiterin des Theodosianums

Limmattaler Zeitung

Schwester Elisabeth Müggler, die die Institution von 1983 bis 2003 leitete, sieht dem Abriss mit unguten Gefühlen entgegen, wie sie sagt: «Damit wird auch ein Rest von Heimat, die unsere Schule für mich bedeutete, verschwinden.»

Noch heute kommt sie ins Schwärmen, wenn sie sich an die Zeit im Theodosianum erinnert. Das Team sei stets bestrebt gewesen, die Pflegeausbildung mit innovativen Ansätzen zu verbessern, sagt Müggler: «Und meist kamen unsere Ideen bei der kantonalen Gesundheitsdirektion gut an.» Dass die Schwesternschule heute nicht mehr existiert, ist der Akademisierung der Pflegeausbildung nach 2004 geschuldet. Ihre Geschichte zeugt aber vor allem von sozial- und bildungsreformerischen Initiativen des 19. Jahrhunderts.

Vor über 150 Jahren erkannte der Müstairer Kapuzinerpater Theodosius Florentini die soziale Not in der Schweiz. Er gründete deshalb zusammen mit jungen, religiösen Frauen eine karitativ tätige Institution, die sich der «Bildung der Frau» sowie der «Armen- und Krankenpflege» annahm. In der Folge dieser Gründung entstand das Kloster Ingenbohl (SZ).

Das geschichtsträchtige Gebäude wird am Donnerstag «abgeknabbert».
8 Bilder
Das Theodosianum-Gebäude wird abgerissen.
So sah das Gebäude aus, als es noch in Betrieb war. (Archivbild)
Historische Bilder aus der Schwesternschule.
27. März 1973, Diplomierung Kurs Ampelos.
Die Diplomandinnen empfangen Gratulationen.
Die Theodosianum-Schwesternschule in Schlieren feiert.
Schülerinnen lernen 1958, eine Patientin umzubetten

Das geschichtsträchtige Gebäude wird am Donnerstag «abgeknabbert».

AZ

Die dortigen Nonnen widmeten sich intensiv der Pflege und der Pflegeausbildung: Bereits 1861 absolvierten alle Schwestern in Ingenbohl eine strenge Ausbildung mit Abschluss, lange bevor dies üblich war. Als der Bund 1904 das Rote Kreuz beauftragte, Kriterien für die Anerkennung von Pflegeausbildungen zu erarbeiten, wurde die Schule des Klosters zusammen mit vier weiteren Institutionen als erste Ausbildungsstätte der Schweiz anerkannt.

Auch Zürich erhält eine Schule

1951 baten die Katholiken Zürichs um eine eigene Schule für Pflege. Bereits im folgenden Jahre gründete die Kirche an der Asylstrasse in Zürich die Schwesternschule Theodosianum. Von Beginn weg war die Institution von der Idee geprägt, die Arbeitsmethoden zum Wohl der Patienten stetig zu verbessern, wie Schwester Elisabeth Müggler erklärt: «Das Ziel war es, junge Menschen auszubilden, die später bereit waren, sich selbst und das Pflegewesen weiterzuentwickeln.» Dieser Gedanke hatte durchaus einen missionarischen Zug: Eine der Lehrerinnen der Zürcher Schwesternschule, die heute 81-jährige Liliane Juchli, hat etwa mit ihren Lehrbüchern und dem ganzheitlichen Ansatz die Pflege in ganz Mitteleuropa geprägt.

In der Pflegephilosophie der Schwesternschule stand immer der Mensch im Zentrum, wie Müggler sagt: «Die medizinische Arbeit war stets gekoppelt mit der persönlichen Pflege und den Bedürfnissen des Einzelnen.» Die Aufgabe des Theodosianums sei aber nicht nur die Fachausbildung, sondern die ganzheitliche Bildung junger Frauen und Männer als Persönlichkeiten gewesen.

1967 entschieden sich die Ordensobern aus finanzwirtschaftlichen Gründen, die Liegenschaft an der Asylstrasse an die Stadt Zürich zu verkaufen. Die Gesundheitsdirektion liess jedoch eine Neugründung einer Pflegeschule nicht zu. Die Begründung: Im Raum Zürich seien genügend solche vorhanden. Dass das Theodosianum dennoch weiter bestehen konnte, war dem Umstand zu verdanken, dass sich zu dieser Zeit das Spital Limmattal im Bau befand. Der damalige Verwaltungsdirektor, Paul Stiefel, lockte die Schule nach Schlieren.

Theodosianum konnte wachsen

Damit war nicht nur ihr Fortbestehen gesichert, sondern es ermöglichte den Schwestern einen enormen Ausbau des Schulbetriebs: Im Frühling 1970 zogen 22 Ordensfrauen nach Schlieren – «skeptisch beguckt von der Bevölkerung», wie im Schlieremer Jahrheft 2007 zu lesen ist. Vom Umzug ins Limmattal profitierte allerdings nicht nur die Schwesternschule – das Spital konnte dadurch auf erfahrene Pflegerinnen zurückgreifen. Im Jahr 2000 gehörte die «Schule für Gesundheits- und Krankenpflege Theodosianum» zu den zwei renommiertesten Schulen Zürichs. Dann aber führten gesellschaftliche Entwicklungen und der Mangel an Nachwuchs dazu, dass 2003 die letzte Ordensfrau die Schwesternschule verliess.

2009 schloss die Schule ihre Tore endgültig. Die bildungspolitische Entwicklung hatte dazu geführt, dass die Pflegeausbildung akademisiert wurde und auf dem ganzen Kantonsgebiet nur noch zwei Institutionen in Zürich und Winterthur Ausbildungen im Gesundheitswesen anboten. Schwester Elisabeth Müggler sagt, sie sei immer für eine tertiäre Ausbildung im Pflegebereich gewesen. Dennoch hätte sie es lieber gesehen, wenn nebst der akademischen auch die Diplomausbildung weiter bestehen würde. «Der neue Bildungsweg bringt zwar fachlich sehr kompetente Pflegefachpersonen hervor. Doch der menschliche und pflegepraktische Aspekt der Ausbildung rückt leider oft in den Hintergrund», erklärt sie.

Die Schliessung des Theodosianums vor fünf Jahren erwies sich für die Schlieremer Schulpflege als Glücksfall. Das Schulhaus Kalktarren platzte aus allen Nähten. Ab 2011 mietete sich das «Chalchi» deshalb mit vier Klassen in den Räumlichkeiten der ehemaligen Schwesternschule ein. Nun, da das Gebäude dem «LimmiViva»-Neubau weichen muss, musste eine neue Übergangslösung her: Denn das Schulhaus Schlieren West, das den in den letzten Jahren stark gewachsenen Schulraumbedarf decken soll, wird erst 2017 bezugsbereit sein. Die Stadt beschaffte dem «Chalchi» auf Beginn des neuen Schuljahres deshalb ein Modulbauprovisorium. Seit Anfang der

ommerferien steht das geschichtsträchtige Gebäude des Theodosianums nun leer. Schon bald wird es ganz verschwinden. Ein trauriger Moment für Schwester Elisabeth Müggler, wie sie sagt: «Der Gedanke daran tut weh im Herz. Aber wir alle sind gefordert, abschiedlich zu leben.»

Die Schule setzt auf Modulbau

Der Abriss des Theodosianums hat auch für das Schulhaus Kalktarren Konsequenzen: Die Schule war seit 2011 in vier Klassenzimmern der Schwesternschule eingemietet. Dies, weil im «Chalchi» nicht mehr ausreichend Platz für alle Klassen vorhanden war. Da diese vier Zimmer nun wegfallen, und weil auf Anfang des Schuljahres 2014/15 eine neue Klasse gebildet wurde, musste die Schulpflege nach einer Zwischenlösung bis zur Eröffnung des neuen Schulhauses «Reitmen» im Jahr 2017 suchen. Die Stadt entschied sich dabei für ein Modulbau-Provisorium, wie einem Beschluss der Exekutive zu entnehmen ist. Die Mietkosten dafür belaufen sich auf knapp 322 000 Franken pro Jahr – für den Rest des Jahres 2014 kostet das Provisorium die Stadt noch 134 000 Franken. Insgesamt läuft der Mietvertrag mit der Herstellerfirma drei Jahre. Im Modulbau-Provisorium am Schürrainweg finden neben den Klassenzimmern auch ein Lehrerzimmer sowie vier Gruppenräume und die nötigen WC-Anlagen Platz. Auch im Schulhaus Zelgli West wurde auf Anfang Schuljahr eine neue Klasse gebildet. Sie wird in einem bereits in der International School Zurich West (ISZW) gemieteten Raum Platz finden. Für den Bau des Modul-Provisoriums Kalktarren und die damit verbundenen Umgebungsarbeiten sowie IT-Geräte und Mobiliar für die neuen Klassenräume hat der Stadtrat einen Betrag in der Höhe von knapp 665 000 Franken zulasten der Investitionsrechnung bewilligt. (fni)