Seit einer Woche steht der Flügel zu zwei Dritteln im Schlieremer Zentrum zwischen lauten Baumaschinen und vom surrenden Strassenverkehr umzogen. Das letzte Element folgt Mitte Juni. Doch bereits jetzt zeigt sich, welche Dimensionen das neue Wahrzeichen annehmen wird. Auch der Platz zwischen Lilienzentrum, Gemeinde- und Kulturplatz sowie dem Locher-Haus nimmt allmählich Gestalt an. Die künftige Kreisel-Verkehrsführung ist bereits mittels gelegter Randsteine ersichtlich. Roger Weber vom Architekturbüro Weberbrunner und Stephan Kuhn von Kuhn Landschaftsarchitekten, die den Platz gemeinsam entworfen haben, schauen zufrieden auf die Baustelle, wo ihre Pläne Schritt für Schritt umgesetzt werden. Ihnen ist klar, dass mit ihrer Gestaltung ein jahrzehntealtes Ärgernis der Schlieremer behoben wird. Denn das Herz der Stadt war lange Jahre ein trostloser Kiesplatz.

Herr Kuhn und Herr Weber, spürten Sie die Unzufriedenheit der Schlieremer mit dem Kiesplatz im Zentrum, als Sie vor über zehn Jahren erstmals hierher kamen?

Stephan Kuhn: Diese war recht offensichtlich, da zu Beginn unserer Arbeit Mitte der Nullerjahre Bauruinen der Gebäude an der ehemaligen Bahnhofstrasse im Zentrum der Ringstrasse standen. Es war ein Restort, dessen sich niemand recht annahm.

Sie haben sich diesem Ort angenommen und ihr Entwurf wird nun umgesetzt. Am prägnantesten ist wohl das Flügeldach. Was wollten Sie mit diesem bezwecken?

Roger Weber: Inmitten des neuen Stadtplatzes sollte sich der Flügel wie auf einem Serviertablett drehen. Die Form haben wir so gewählt, damit das Flügeldach von jedem Blickwinkel eine andere Gestalt annimmt und für den Betrachter somit spannend bleibt.

Das Dach ist sehr gross und massig, wirkt trotzdem filigran. Wie haben Sie dies erreicht?

Roger Weber: Es ist einer ingenieurtechnische Meisterleistung geschuldet, dass eine solche Feinheit mit einer derartigen Spannweite einhergehen kann. Am äusseren Rand weist das Dach eine Dicke von lediglich rund 15 Zentimetern auf, im inneren Bereich über den Stützen eine von rund einem Meter. Dies erweckt natürlich einen filigranen Eindruck.

Was löst es in Ihnen aus, dass nun das Flügeldach mit dem Zentrumsplatz, an dem Sie jahrelang arbeiteten, erstellt wird?

Stephan Kuhn: Als Gestalter und Planer ist man vor der Realisierung wohl immer etwas unruhig. Die Frage, ob das Projekt denn wirklich funktioniert, umtreibt einen. Aber ich muss sagen: Nun, da der erste Teil des Flügels steht, sieht man, dass es das richtige Projekt am richtigen Ort ist.

Roger Weber: Als Architekten werden unsere Entwürfe regelmässig umgesetzt. Daran gewöhnt man sich. Dass dieser Flügel nun realisiert wird, ist für mich ein wenig surreal. Denn das Modell davon steht bereits seit rund sechs Jahren bei uns im Büro.

Haben Sie sich von anderen Schweizer Städten inspirieren lassen? Auch in Aarau oder Winterthur wurden öV-Knotenpunkte mit einem auffälligen Dach versehen.

Roger Weber: Im Gegensatz zu den von Ihnen genannten Beispielen geht es hier nicht primär darum, den öV-Knoten vor der Witterung zu schützen. Viel eher hat der Platz eine übergeordnete Signalwirkung. Wir wurden also nicht von anderen Dächern inspiriert, sondern fanden hier auf dem Zentrumsplatz unsere Inspiration. Mit der Form des Flügels sollten die graden Linien der Limmattalbahn und der Strassen gebrochen werden.

Der Witterungsschutz ist, wie Sie sagen, nicht das primäre Ziel. Daher werden noch zwei Wartehäuschen erstellt. Hat das Flügeldach «nur» einen ästhetischen Zweck?

Roger Weber: Das ist eine sehr wichtige Funktion, die man nicht abwerten darf. Sie ist genau so wichtig, wie jemanden vor Regen oder vor Wind zu schützen. Für uns war es entscheidend, nicht eine Wartehalle der Limmattalbahn zu bauen, sondern ein Dach für den Stadtplatz Schlieren.

- Stephan Kuhn, Landschaftsarchitekt

«Der Stadtplatz von Schlieren hat eigentlich nichts mit der Limmattalbahn zu tun.»

- Stephan Kuhn, Landschaftsarchitekt

Stephan Kuhn: Das halte ich für zentral. Der Stadtplatz von Schlieren hat eigentlich nichts mit der Limmattalbahn zu tun. Die Bedürfnisse der Stadt wurden in den 1970er-Jahren der vierspurigen Staatsstrasse untergeordnet. Dies hätte sich in diesem Projekt nicht wiederholen dürfen.

In der ursprünglichen Visualisierung war das Dach in goldener Farbe zu sehen. Nun wird es jedoch rot gestrichen werden. Warum?

Roger Weber: Das Projekt wurde über längere Zeit erarbeitet. Die Variante Gold war in einem früheren Stadium aktuell, als wir das Dach zu stark über die Oberfläche definierten. Im Prozess merkten wir, dass der Flügel eher eine Gelassenheit ausstrahlen sollte. Darüber hinaus war es uns wichtig, einen Bezug zur industriellen Vergangenheit der Stadt zu nehmen.

Roger Weber, Architekt

«Dass dieser Flügel nun aber realisiert wird, ist für mich ein wenig surreal.»

Roger Weber, Architekt

Gold hätte ein Goldküsten-Flair verbreitet, Schlieren ist aber viel bodenständiger. Das Rot sollte an die Rostschutzfarben der alten Eisenbahnwagen oder Schiffe erinnern.

Weniger bodenständig mutet der geplante Nebelbrunnen an.

Stephan Kuhn: Es handelt sich beim Brunnen in der Tat um ein besonderes Element. Ist er abgestellt, sieht man ihn nicht, da die Düsen im Boden eingelassen sind. Wenn er dann eingeschalten wird, sorgt er für einen besonderen Effekt auf dem Platz. Er soll für eine Überraschung sorgen. Etwas, das mal auftaucht und dann wieder verschwindet.

In einem Beteiligungsverfahren äusserte sich die Bevölkerung bezüglich der Gestaltung des Platzes und wünschte sich einen Wow-Effekt. Wie wurden Sie diesem Wunsch gerecht?

Stephan Kuhn: Wir lasen darin, dass man sich einen Ort wünscht, bei dem man weiss, dass man sich in Schlieren befindet. Einen solchen Ort hatte man wohl seit den 1970er-Jahren, als die Zürcherstrasse verbreitert wurde, nicht mehr. Der Flügel ist unsere Antwort darauf.

Roger Weber: Uns wurde rasch klar, dass Schlieren mehr sein will als ein Lichtsignal an der Zürcherstrasse.

Machte Ihnen dieses Beteiligungsverfahren das Leben einfacher oder schwerer?

Roger Weber: Wohl beides. So konnten wir unsere Idee für den Stadtplatz aus den Bedürfnissen der Bevölkerung generieren. Das war gut. Es gab aber auch Situationen, in denen die Beteiligten entwerfen wollten. Dies erachte ich als schwierig, da wir Architekten und Städtebauer mit Antworten aufwarten müssen.

Nicht nur die Teilnehmer des Beteiligungsverfahrens, sondern auch das Parlament wollte mitreden. Etwa gab es Bestrebungen, mehr Geld für den Bodenbelag zu sprechen beim finalen Baukredit von rund 8 Millionen Franken.

Stephan Kuhn: Dies war ein schwieriger Moment. So wollten sich einige Politiker nicht mit dem Asphalt begnügen, sondern sahen vor, dem Zentrumsplatz einen Hauch Zürcher Sechseläutenplatz zu verleihen. Dies, indem ein Steinboden hätte verlegt werden sollen. Wir erklärten der Kommission in der Folge unsere Beweggründe für diese Gestaltung mit einem Betonboden, woraufhin das Parlament sich für unsere Variante aussprach. Dies ist jedoch nur eines von mehreren Beispielen. Die Politik war stets sehr nahe dran an der Gestaltung. Man merkte, das Zentrum ist den Schlieremern sehr wichtig.

Anfang März lehnte das Stimmvolk einen Kredit für einen Architekturwettbewerb für einen Stadtsaal ab. Inwiefern bringt dieser Entscheid den von Ihnen entworfenen Platz aus dem Gleichgewicht?

Stephan Kuhn: Der Stadtsaal-Bau stand bei unserer Planung nicht im Zentrum. Von westlicher Seite war stets der Auftakt des Stadtparks gewollt. Wäre ein Stadtsaal gekommen, hätte sich dieser gut in den Park einfügen müssen.

Roger Weber: Im Rahmen des Wettbewerbs für den Stadtplatz war der Stadtsaal zwar vorgesehen, aber in kleineren Dimensionen.

Ihr Büro, Weberbrunner Architekten, zeichnete neben dem Stadtplatz auch das gleich angrenzende Parkside-Gebäude. Dürften Sie im Schlieremer Zentrum noch etwas bauen, was wäre das?

Roger Weber: Die Komplettierung des Stadtplatzes reizt mich. Damit meine ich das im Stadtentwicklungskonzept vorgesehene Hochhaus auf dem Gemeindeplatz. Dem Platz würde die Bebauung dieses Grundstücks guttun.

Und bei Ihnen Herr Kuhn?

Stephan Kuhn: Der Ort, der mich reizt, liegt genau in der entgegengesetzten Himmelsrichtung. Ich spreche vom Stadtpark. Mit dem geplanten Bau der neuen Alterseinrichtung und der Stilllegung der Badenerstrasse zwischen Zentrum und Geissweid wird hier viel geschehen. Es handelt sich um einen langen Prozess, den ich gerne mitgestalten würde. Ich kann mir vorstellen, dass hier ein Ort entsteht, den die Einwohner Schlierens aktiv mitprägen.

Welche Massnahmen müsste die Stadt treffen, damit es zwischen Geissweid und Zentrum eine gelungene Nutzung der stillgelegten Badenerstrasse gibt?

Stephan Kuhn: Die Stadt müsste wohl gewisse Rückbauarbeiten an der Strasse vornehmen. Dies müsste wohl aber erst mit der aktuellen Besitzerin, dem Kanton, abgeklärt werden.