Soll der Kanton Zürich dem Beispiel des Thurgau folgen und den Französischunterricht von der fünften Klasse in die Oberstufe verschieben? Oder soll Frühfranzösisch, auch als Symbol für den nationalen Zusammenhalt, weiterhin bestehen bleiben? Mit diesen Fragen beschäftigen sich derzeit auch die Primarschulen im Limmattal.

«Man kann bei der Frage über den Beginn des Französischunterrichts mit Fug und Recht verschiedener Meinung sein», sagt Reto Schoch, Präsident der Uitiker Schulpflege. Grundsätzlich sei er aber der Meinung, je früher der Unterricht beginne, desto besser könne das Kind die Sprache lernen.

Diese Ansicht wird mittlerweile von Wissenschaftern infrage gestellt. Weil ältere Schüler effizienter lernen, können sie laut einer vom Schaffhauser Lehrerverband veröffentlichten Expertise den Rückstand gegenüber «Frühstartern» aufholen und letztlich bessere Ergebnisse in Fremdsprachen erzielen. Warum, könnte man sich also fragen, soll man die Kinder bereits in der Primarschule mit dem Erlernen einer zweiten, im Vergleich zum Englischen eher unbeliebten Sprache belasten?

Genug Probleme mit Deutsch

Gegner des Frühfranzösischen beklagen sich nämlich darüber, dass manche Schüler mit dem Erlernen von zwei Fremdsprachen überfordert seien. Dieses Problem kennen auch Primarschulen im Limmattal, etwa Birmensdorf und Dietikon. Betroffen seien insbesondere Kinder mit Migrationshintergrund und aus bildungsfernen Verhältnissen. Diese hätten schon genug Probleme beim Erlernen der deutschen und englischen Sprache, sagt Gerold Schoch, Leiter der Schulabteilung Dietikon.

In manchen Gemeinden wie Aesch, Oberengstringen oder Uitikon ist das Problem nicht so akut, man spricht nur von Einzelfällen. Anhand derer dürfe man aber keine allgemeinen Schlüsse ziehen, sagt Elsbeth von Atzigen, Schulpräsidentin von Oberengstringen. Auch Reto Schoch von der Uitiker Schulpflege sagt, dass die Mehrheit der Primarschüler keine Probleme mit Frühfranzösisch habe. Er führt dies auch darauf zurück, dass in Uitikon eher bildungsnahe Menschen, mit einer grösseren Leistungsbereitschaft lebten. Obwohl in Schlieren ein hoher Anteil fremdsprachiger Kinder in die Schule geht, spricht die Präsidentin der hiesigen Schulpflege, Bea Krebs nicht von einer Überzahl überforderter Schüler. Sie gibt zu bedenken, dass beispielsweise Spanisch oder Portugiesisch dem Französischen näher liege als die deutsche Sprache.

Eine unbeliebte Sprache

Unbestritten ist, dass Französisch in der ganzen Deutschschweiz weitaus weniger beliebt ist als Englisch. Krebs sieht daher eher Handlungsbedarf im Übermitteln der Freude am Französischen. Sie könne sich auch einen spielerischen Umgang mit der Sprache vorstellen, indem man etwa im Matheunterricht französisch spreche. Dieser Meinung ist auch der Dietiker Schulleiter Gerold Schoch. Er selbst lehrte Französisch und weiss, dass die Sprache in der Anfangsphase sehr anspruchsvoll zu lernen ist. Im Englischen stellen sich schneller Erfolge ein, sagt er. Zudem herrsche durch Musik, Film und digitale Medien bei den Kindern eine höhere Affinität zum Englischen. Eine bedeutende Rolle komme daher der Lehrperson zu. «Wenn man es schafft, die Kinder mit seiner eigenen Begeisterung für die Sprache anzustecken, kann man bereits in der dritten Klasse Erstaunliches erreichen», sagt er.

Den Vorschlag, Frühfranzösisch nicht mehr zu benoten, sieht Gerold Schoch als wenig sinnvoll an. «Beim Frühfranzösisch ist es sehr wichtig, für Verbindlichkeit zu sorgen», sagt er, «sonst lernen die Kinder kaum etwas.» Schüler aufgrund schlechter Noten einfach vom Französischunterricht zu dispensieren, ist für die meisten Befragten ebenfalls keine Lösung. So könnte man ihnen den Wechsel ins Berufsleben verbauen. Auch dem Gedanken, dass allenfalls die Lehrer überfordert sind, kann niemand der Befragten etwas abgewinnen. «Die Lehrer gehen durch eine anspruchsvolle Ausbildung und verfügen über hohe Kompetenzen», sagt Gerold Schoch.

Einheitliche Lösung erwünscht

Kaum jemand der befragten Personen zieht in Betracht, trotz zugestandener Probleme, das Frühfranzösisch im Kanton Zürich abzuwählen. Eher wünscht man sich eine baldige schweizweite Lösung. Im Gegensatz zu anderen Kantonen sind in Zürich derzeit auch keine Volksinitiativen oder Vorstösse für die Abschaffung von Frühfranzösisch bekannt, wie Martin Wendelspiess, Amtschef des Volksschulamts Zürich, bestätigt. «Wir nehmen zwar Einzelstimmen von Lehrern wahr. Diese führten aber nicht zu konkreten politischen Aktionen», sagt er. Derzeit sei ein neues Lehrmittel an einzelnen Zürcher Schulen in Erprobung, welches dem Vorwurf der Unverbindlichkeit Abhilfe schaffen soll. Durch klar definierte Lernziele soll das Lehrmittel den Französischunterricht attraktiver gestalten und vereinheitlichen. Über das Argument der Überforderung wundert sich Wendelspiess bisweilen. «Überforderte Schüler gibt es in jedem Fach, deswegen muss man es nicht gleich abschaffen.»