Sie sind sich einig, die drei Herren, die Ende Mai 1992 ihre Reden am zweitägigen Einweihungsfest für das neue Dietiker Stadthaus halten: In Dietikon wurde das richtige Stadthaus für die richtige Stadt gebaut. «Das Selbstverständnis der Stadt drückt sich in diesem Haus aus», sagt Stadtpräsident Markus Notter (heute ehemaliger Regierungsrat). Architekt Rudolf Guyer meint: «Ein Stadthaus muss mehr sein als ein blosses Bürogebäude, denn es arbeitet im Interesse der Allgemeinheit.» Der richtigen Stadt das richtige Stadthaus zu bauen, das sei die Herausforderung.

Und Regierungsrat Moritz Leuenberger (heute Alt-Bundesrat), launisch wie gewohnt, beeindruckt die Festgesellschaft mit seinem Wissen zur Wachstumsgeschichte Dietikons; er geht auf die Wachstumseuphorie zu Beginn des Jahrhunderts und in der Nachkriegszeit ein und belegt anhand von Zitaten, dass es in Dietikon zu allen Zeiten ein nostalgisches Klagen über den Verlust der guten alten Zeit gegeben habe: «Diese Schwärmerei für die Vergangenheit hört mit dem neuen Stadthaus auf.» Niemand werde je darüber klagen, wie schön es gewesen sei, als die Verwaltung noch überall verstreut war.

«Gut Ding braucht seine Weile»

Leuenberger sollte mit seiner Rede vom Mai 1992 recht behalten. Die Einweihung des Dietiker Stadthauses vor 20 Jahren war ein Meilenstein in der Entwicklung Dietikons. Dem Bau waren jahrelange – gar jahrzehntelange – Geplänkel vorausgegangen. Oder wie es der Redaktor des Limmattaler Tagblatts am 6. Januar 1992 formulierte: «Hier gilt, das darf mit Fug und Recht behauptet werden, dass ‹Gut Ding seine Weile braucht›».

Ein Zeitsprung zum Beginn des
20. Jahrhunderts: Bis anhin waren die Gemeindebeamten verpflichtet, sich selber um Büroräume zu kümmern. Im Jahr 1909 fordert der Zivilstandsbeamte eine Entschädigung für «Miete, Heizung und Benützung» des in seinem Wohnhaus untergebrachten Amtslokals. Die Gemeindeversammlung beauftragt den Gemeinderat, die «Einführung einer Zentralverwaltung» mit entsprechenden Lokalitäten in Betracht zu ziehen. 1910 zieht die Gemeindeverwaltung das alte Schulhaus bei der «Krone» an der Unteren Reppischstrasse und 1933 ins ehemalige Sekundarschulhaus an der Bremgartnerstrasse 20.

Nach dem Zweiten Weltkrieg steigt die Bevölkerungszahl gewaltig an. Die Verwaltungsabteilungen verteilen sich aus Platzmangel wieder auf verschiedene Gebäude. Erst im Jahr 1978 nimmt der Stadtrat die Planung für einen «Verwaltungs-Neubau» wieder auf. Der Zustand ist unbefriedigend, die Raumverhältnisse sind knapp, die Abteilungen ziehen in verschiedene Provisorien, Vorlagen für Neubauten scheitern.

Einbürgerungslawine bricht los

Im «Limmattaler Tagblatt» wurde die Situation rückblickend wie folgt beschrieben: «Jetzt war der Zustand gekommen, für den Neubau selber konkretere Schritte zu unternehmen. Dies umso mehr, als die Verwaltung infolge der inzwischen erfolgten Bevölkerungsexplosion aus den Nähten platzte.» Es dauert aber noch einmal zehn Jahre, bis die Dietiker Stimmbevölkerung 1988 die Vorlage für ein neues Stadthaus und ein neues Feuerwehrgebäude annimmt und mit dem Bau begonnen werden kann. Am 9. Januar ist es dann endlich so weit: Die Stadtverwaltung nimmt den Betrieb in den neuen Büros auf. Das Einweihungsfest findet am 23. Mai statt.

Eine neckische Aktion der Stadtkanzlei sorgte vor dem Fest für Schlagzeilen: Zu Ehren des neuen Stadthauses hatten die Dietiker die Möglichkeit, sich gratis in die Stadtbürgergemeinde einbürgern zu lassen. «Die Stadt übernimmt die Umtriebe und Verfahrenskosten und wird bei allfälligen Gesuchen von Ausländern das Einbürgerungsverfahren einleiten», schrieb das Limmattaler Tagblatt am 14. Mai 1992.

Das Echo war enorm; über 2200 in Dietikon Wohnhafte packten die Gelegenheit beim Schopf und wurden zu Bürgerinnen und Bürgern der Stadt: «Am Ende der Aktion zählte man 1139 Gesuche, die 2259 Personen betrafen», steht im Geschäftsbericht 1992 des Stadtrates.

Staunende Gäste im Stadthaus

Das Stadthaus hat sich in den letzten 20 Jahren bewährt. Und die Backsteinbaute gefällt noch immer: «Ich bin sehr gerne in diesem Haus, es gefällt mir von der Architektur her ausgezeichnet», sagt der heutige Hausherr, Stadtpräsident Otto Müller. Die Infrastruktur sei gut, es sei hell und lichtdurchflutet. «Gäste aus anderen Gemeinden staunen immer wieder, wie schön unser Stadthaus ist», so Müller weiter.

Doch die Geschichte scheint sich zu wiederholen – aktuell ist das Stadthaus laut Müller «viel zu klein.» Der Grund: Es seien viele Aufgaben zur Arbeit der Stadtverwaltung dazugekommen, die damals, als das Stadthaus gebaut wurde, noch nicht voraussehbar waren. Die Lage sollte sich aber entspannen, wenn die Sozialabteilung im Herbst an die Neumattstrasse zieht.