Urdorf

Notbetten werden diesen Winter zur Mangelware

Der Bedarf nach Notschlafplätzen stieg letztes Jahr sowohl in der Stadt Zürich als auch in Urdorf.

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Der Bedarf nach Notschlafplätzen stieg letztes Jahr sowohl in der Stadt Zürich als auch in Urdorf.

Der Betrieb der Notschlafstelle in Urdorf wird eingestellt. Dies ist vor allem kritisch, da sie ausserhalb der Stadt Zürich die einzigen Notbetten im Kanton anbot. Doch der Kanton will nicht einspringen und die Gemeinden fühlen sich überfordert.

Heute ist offizieller Herbstbeginn, und schon dieses Wochenende werden die Temperaturen in der Nacht wieder unter die 10-Grad-Grenze fallen. Doch wer im Limmattal – und darüber hinaus – kein Dach über dem Kopf hat, für den dürfte dieser Winter hart werden. Denn die Urdorfer Notschlafstelle im Hackacker wird diesen Herbst ihre Tore nicht mehr öffnen. Dies erklärt Martin Fischer, Gesamtleiter der Sozialwerke Pfarrer Sieber (SWS), welche die Notschlafstelle bis anhin betrieben haben.

«Der Stiftungsrat hat beschlossen, dass wir die Notschlafstelle vorläufig nicht mehr unterhalten können», sagt Fischer. «Solange sie nicht an die Infrastrukturen des Ur-Dörflis angebunden werden kann, ist es uns nicht möglich, die Notschlafstelle zu tragen.»

Grundstück in Urdorf wird benötigt

Denn: Bis im letzten Jahr betrieben die SWS das «Ur-Dörfli», eine Auffangstation für suchtkranke Menschen, und die Notschlafstelle nebeneinander auf dem gleichen Areal. Da auf diese Weise Infrastrukturen, Betreuungspersonen und Ressourcen für beide Einrichtungen geteilt werden konnten, war ein kosteneffizienter Unterhalt möglich.

Im November 2009 musste das «Ur-Dörfli» jedoch das Feld räumen und nach Pfäffikon ZH umziehen, da die Gemeinde Urdorf anderweitige Nutzungsabsichten für das Grundstück hatte.

Gerne hätten die SWS die Notschlafstelle ebenfalls an den neuen Standort umgesiedelt. Dieses Vorhaben scheiterte jedoch am Widerstand der Pfäffiker Bevölkerung und Behörden. Um die Notschlafplätze – die einzigen im Kanton ausserhalb der Stadt Zürich – nicht zu verlieren, sahen sich die SWS zum Handeln gezwungen. Die Gemeinde Urdorf bot Hand: Dank ihrem Entgegenkommen konnte die provisorische Notschlafstelle «Nachtliecht» auf dem ehemaligen «Ur-Dörfli»-Areal nochmals einen Winter lang 15 Notbetten anbieten.

Betrieb kostete 400 000 Franken

Doch damit ist nun Schluss. Nachdem die SWS anfangs noch fieberhaft nach einem alternativen Standort für die Notschlafstelle suchten, gaben sie sich bald geschlagen. In Pfäffikon könne man im Moment «kein Gestürm» mehr machen und eine vom «Ur-Dörfli» losgelöste Alternative komme nicht infrage, sagt Fischer.

Schliesslich habe das «Nachtliecht» im letzten Winter rund 400000 Franken gekostet. Davon habe man auch nach Kostengutsprachen von 150 000 Franken durch Sozialämter und IV, sowie 20 000 Franken des Zweckverbands Sozialdienst Limmattal, immer noch mehr als die Hälfte selber berappen müssen.

Das sind schlechte Nachrichten für Obdachlose im Kanton. Denn da in der Stadtzürcher Notschlafstelle nur Personen übernachten dürfen, die, bevor sie obdachlos wurden, auch in der Stadt Zürich angemeldet waren, wird es für alle anderen im Kanton diesen Winter schwierig.

Doch obwohl die Situation «absolut unbefriedigend» sei, bleiben die SWS hart. «Wir wollen nicht mehr immer in die Lücke springen», erklärt Fischer. «Wir hoffen, dass dadurch nun zusätzlicher politischer Druck entsteht.» Für Fischer ist klar, wer in der Verantwortung steht: «Nun müssen sich die Gemeinden zusammenraufen.» Er weiss jedoch auch, wie schwierig dies wird, da die Gemeinden generell erklärten, sie seien damit überfordert: «Es schauen alle weg.» Auch vom Kanton könne man diesbezüglich keine Hilfe erwarten, denn dieser stelle sich auf den Standpunkt, Notunterkünfte seien Sache der Gemeinden.

Der Leiter des kantonalen Sozialamtes, Ruedi Hofstetter, formuliert das Ganze noch absoluter: «Es ist eine Tatsache, dass die Gemeinden gemäss Sozialhilfegesetz verpflichtet sind, sich um ihre Einwohner zu kümmern, auch wenn sie obdachlos geworden sind», sagt er. Dies sei klar keine Aufgabe des Kantons, der ausserdem über die Netze der dezentralen Drogenhilfe bereits Gelder in der Höhe von einigen Millionen Franken jährlich investiere. Überdies sei der Bedarf an einer Notschlafstelle ausserhalb der Stadt Zürich «nicht ausgewiesen»: Die Notschlafstelle in Urdorf sei auch von Personen aus anderen Kantonen und Asylbewerbern benützt worden.

Dies sieht Ueli Meier, Geschäftsführer des Sozialdienstes Limmattal, anders: «Das Bedürfnis nach einer Notschlafstelle im Kanton ist nach wie vor ausgewiesen», sagt er. Die Zusammenarbeit mit den SWS sei eine «Win-Win-Situation» gewesen. «Nun haben wir eine Lücke, die wir nicht einfach schliessen können», so Meier. Denn allein könne der Sozialdienst Limmattal keine Notschlafstelle betreiben: «Das rechnet sich nicht.»

Damit bleibt die Frage, wo Obdachlose aus dem Limmattal und dem Kanton diesen Winter ein warmes Bett finden werden, ungelöst. Im letzten Jahr verzeichnete die Notschlafstelle in Urdorf insgesamt 2723 Übernachtungen. Darunter waren 575 aus dem Bezirk Dietikon – das sind 25 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Pfarrer Siebers «Pfuusbus» in der Stadt Zürich wird kaum helfen können: Er war im letzten Winter ebenfalls fast jede Nacht voll.

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