Herr Saner, morgen ist nach 27 Jahren im Notariat Schlieren Ihr letzter Arbeitstag. Eine der wichtigsten Qualitäten dieses Amtes, so steht es auf der Website, sei die Diskretion.

Beat Saner: Genau. Als Notar hört man sehr viel Privates über die Familien der Kunden. Das war schon immer so. Ich bin in Schlieren aufgewachsen und wohne seit knapp 30 Jahren in Stallikon. Im Limmattal kenne ich somit sehr viele Leute. Kommt ein Bekannter zu mir ins Notariat und richtet meiner Frau einen Gruss aus, leite ich diesen nicht weiter. Lediglich der Umstand, dass meine Frau wüsste, dass ein Bekannter bei mir war, wäre für mich schon ein Diskretionsbruch.

In Sachen Diskretion hat sich während Ihrer Karriere also nichts verändert?

Doch. Mir ist aufgefallen, dass die Menschen heute mehr wissen wollen als früher. Zu meiner Anfangszeit erkundigte sich niemand nach alten Verträgen oder Testamenten. Heute fragen uns beispielsweise viele Menschen an, ob ihre Eltern ein Testament aufgesetzt haben. Da wir das Eltern-Kind-Verhältnis nicht kennen, dürfen wir keine Auskunft erteilen. Das Problem: Wir haben heute 16 Angestellte und man muss sichergehen, dass alle wissen, welche Auskunft gegeben werden darf und welche nicht. Eine Beschwerde hatten wir diesbezüglich aber noch nie.

Ist die Arbeit als Notar nicht trocken?

Ganz und gar nicht. Wir haben einen spannenden und abwechslungsreichen Job.

Was ist denn so spannend? Die Präzision, die es braucht?

Eben nicht. Wir Notare können dermassen kreativ sein in unserem Beruf, wenn wir denn wollen. Als Beispiel: Die Organisation eines Liegenschaftskaufs ist eigentlich Sache der Beteiligten, die Abfassung des Kaufvertrags unsere. Weil die Beteiligten aber in der Regel unkundig sind, nehmen wir sie an der Hand und suchen die beste Lösung. Dabei geht es nicht etwa um den Kaufpreis – hier dürfen wir uns nicht einmischen – eher um das vertragliche und finanzielle Timing, also das ganze drumrum. Ziel ist es, dass am Schluss ein schöner Kreis entsteht und alle zufrieden sind.

Schaffen Sie diese schönen Kreise auch bei Konkursverfahren?

Da kann es schwieriger werden, nicht aber weniger kreativ. Geht ein Unternehmen in Konkurs, gehe ich dort vorbei. Oft wurden die Angestellten nicht darüber informiert, dass ihre Bude nun schliessen muss. Dann gilt es zu verhandeln und Lösungen zu finden. Entweder kann man dann strikt nach den gesetzlichen Richtlinien agieren oder gemeinsam eine vernünftige Lösung suchen. Beim Konkurs eines grossen Reiseunternehmers beispielsweise wären Kunden nicht mehr aus den Ferien zurückgekommen, wenn die Paragrafen strikt befolgt worden wären.

Hadern Sie manchmal, wenn Sie jemanden zu Hause aufsuchen und den Konkurs verkünden?

Härtefälle, bei denen ich Mitleid empfand, gab es nur wenige. Privatkonkurse sind meistens selbst verschuldet, weil diese Personen über ihren Verhältnissen gelebt oder die Buchhaltung nicht ordentlich geführt haben.

Apropos Buchhaltung: Wie haben sich Verhandlungen über Eheverträge in den letzten Jahren entwickelt?

Die Anzahl von abgeschlossenen Eheverträgen hat seit dem neuen Eherecht rasant zugenommen. Im Normalfall geht es in diesen Verträgen darum, den anderen im Todesfall bestmöglich zu begünstigen oder für den Fall einer Scheidung eine Gütertrennung vorzunehmen.

Kommt es bei Sitzungen mit einem Ehepaar nicht zu unterschiedlichen Auffassungen?

Natürlich. Vornehmlich bei Fragen der Gütertrennung. Ein wohlhabender Mann liess einen solchen Vertrag aufsetzen und kam mit seiner wenig solventen neuen Frau vorbei zur Unterzeichnung. Mein Auftrag war es, die Dame darüber aufzuklären, was dies für sie bedeutet. Sie sagte zu ihrem Mann: ‹Das unterschreibe ich jetzt nicht, mein Schatz.› Und die beiden gingen wieder. Noch heute sind die beiden verheiratet.

Richtigen Streit gab es bei Ihnen im Büro noch nie?

Dass jemand beschimpft wird oder sich die Gemüter erhitzen, kommt schon vor. Aber da bleibt nichts anderes übrig, als ruhig zu bleiben. Gegen Beamte anderer Konkursämter des Kantons gab es auch schon Messerattacken oder so Ähnliches. Wir blieben glücklicherweise von solchen Zwischenfällen verschont.

Wenn Sie an die 27 Jahre auf dem Notariat Schlieren denken, woran erinnern Sie sich am liebsten?

Da gibt es vieles. Ein Fall blieb mir jedoch in besonderer Erinnerung. Ganz zu Beginn meiner Karriere gab es im Rahmen eines Konkursverfahrens einen Rechtsstreit mit der Post. Ich verlangte Informationen, sie berief sich auf das Postgeheimnis und verweigerte mir diese. Ich zog bis vor Bundesgericht und gewann schliesslich, obwohl mir keiner meiner Kollegen Chancen auf einen Sieg ausrechnete. Eine schöne Erinnerung.