Terrorismus
Norbert Kuster: «Ich stand als Geisel Todesängste aus»

Er durchlebte einen Albtraum, als er bei einer Flugzeugentführung in die Gewalt der PLO geriet. Jetzt spricht der ehemalige Zürcher Kantonsrat Norbert Kuster über die Geiselnahme und den angeblichen Stillhaltedeal.

Arthur Schäppi
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Norbert Kuster hält den Zeitungsausschnitt über seine Befreiung 1970, auf dem Bild ist er die Nummer 2.

Norbert Kuster hält den Zeitungsausschnitt über seine Befreiung 1970, auf dem Bild ist er die Nummer 2.

Arthur Schäpp

Norbert Kuster, das Buch von Marcel Gyr «Schweizer Terrorjahre. Das geheime Abkommen mit der PLO» sorgt für Zündstoff. Zum Thema geworden ist nebst dem Bombenanschlag auf eine Swissair-Maschine auch die Entführung von drei Flugzeugen nach Jordanien. 1970. Was löst der Wirbel bei Ihnen als ehemalige Geisel aus?

Norbert Kuster: Meine Geiselnahme vor 45 Jahren als Passagier einer DC-8 der Swissair hat mich ein Leben lang begleitet.

Auch jetzt kommen wieder Bilder und Erlebnisse hoch. Nach all den Jahren trifft mich das aber nicht mehr so fest, und die politische Aufarbeitung interessiert mich auch nicht mehr so stark.

Während Sie sich in der Hand der Volksfront zur Befreiung Palästinas, PFLP, einer Splittergruppe der Palästinensischen Befreiungsorganisation PLO, befanden, soll Bundesrat Pierre Graber mit der PLO ein geheimes Stillhalteabkommen ausgehandelt haben.

Von einem solchen Stillhalteabkommen hatte ich bis zu den Medienberichten über das Buch keinerlei Kenntnisse.

Kritiker, wie etwa SVP-Nationalrat Alfred Heer, sagen heute, wer mit Terroristen verhandle, mache sich bloss erpressbar.

Das sehe ich als Direktbetroffener natürlich anders.

Inwiefern?

Indiskutabel ist sicher, dass es zu den schlimmsten Verbrechen gehört, Flugzeuge zum Absturz zu bringen oder unschuldige Menschen zu entführen.

Aber man muss sich vergegenwärtigen, dass die Schweiz nach dem Terroranschlag von 1969 auf dem Flughafen Kloten auf eine israelische El-Al-Maschine sowie nach dem Bombenattentat von Würenlingen vom Februar 1970 und der Entführung einer Swissair-Maschine im September 1970 nach Zerqa mit der PLO und den Palästinensern gewissermassen im Kriegszustand war.

In einer solch aussergewöhnlichen Situation wäre es meiner Meinung nach nicht verwerflich, wenn man mit dem Gegner Vereinbarungen trifft, die ein weiteres Blutvergiessen verhindern.

Als Gegenleistung für die Freilassung der Geiseln von Zerqa hat der Bundesrat die drei damals in der Schweiz inhaftierten Attentäter von Kloten auf freien Fuss gesetzt. Haben Sie diesem Deal Ihr Leben zu verdanken?

Vermutlich schon. Anders als die meisten der total 400 Geiseln in den drei entführten Flugzeugen bin ich aber nicht schon nach einem Tag beziehungsweise nach rund einer Woche freigelassen worden.

Ich gehörte zu jener Restgruppe, die nachträglich in Verstecke gebracht und erst drei Wochen nach der Entführung von der jordanischen Armee unter dramatischen Umständen befreit wurde.

Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie damals als 34-jähriger Geschäftsmann und Familienvater in der gekidnappten Swissair-Maschine sassen?

Ich war damals als Europa-Direktor einer amerikanischen Firma unterwegs nach New York mit dem Budget des Jahres 1971 im Aktenkoffer.

Die DC-8 hob am Sonntag, 6. September 1970, pünktlich um 12.39 Uhr in Kloten ab. Wir waren 145 Passagiere und 12 Besatzungsmitglieder an Bord.

Wie realisierten Sie, dass das Flugzeug von Terroristen gekidnappt worden war?

Über den Lautsprecher teilte uns eine Frau eine gute Viertelstunde nach dem Start in gebrochenem Englisch mit, dass wir uns nun in den Händen der PFLP, der Volksfront zur Befreiung Palästinas, befänden und dass uns nichts passiere, wenn wir uns ruhig verhielten.

Es war dies die Stimme jener Leila Khaled, die auf den 1. Mai 2001 dann vom 1.-Mai-Komitee nach Zürich als Festrednerin eingeladen wurde. Das habe ich bis heute nie begreifen können.

Wie reagierten Sie und die anderen Passagiere?

Wie die meisten anderen Passagiere war ich natürlich beunruhigt. Anfänglich erkannte ich den Ernst der Lage noch nicht so richtig.

Ich dachte, dass ich nun wohl auf Umwegen und mit ein paar Tagen Verspätung in New York ankäme. Bei der Landung in Jordanien hatte ich dann aber erstmals richtig Angst.

Weshalb?

Wir landeten spät in der Nacht rund 60 Kilometer nordöstlich von Amman auf einem ausgetrockneten Wüstensee in Zerqa.

Es war ein gefährliches Manöver in stockdunkler Wüste. Die etwa zwei Kilometer lange Piste war bloss spärlich mit Petrollampen markiert.

Hatten Sie Kontakt zu den Flugzeugentführern?

Leila Khaled sah ich nie. Ich bekam nur einmal ihren Komplizen kurz zu Gesicht. Er kam aus dem Cockpit, hielt dem Bordingenieur die Waffe an den Hals und befahl ihm, Ausschau zu halten, ob das nicht mehr benötigte Kerosin tatsächlich über der Wüste abgelassen worden sei.

Was geschah nach der Landung?

Wir mussten das Flugzeug über die Rutschen verlassen und unsere Pässe den sogenannten Freiheitskämpfern, den Fedajin, abgeben, bevor wir über die havarierten Rutschen wieder zurück ins Flugzeug kletterten.

Am nächsten Tag kamen Busse und holten aus unserem Flugzeug die Frauen und Kinder und jene Passagiere, welche weder Schweizer noch Amerikaner, noch Engländer, noch Juden waren. Sie wurden nach Amman in ein Hotel gebracht und durften eine Woche später nach Zürich zurückfliegen.

Sie waren nicht dabei?

Leider nein. Meine Frau, die zusammen mit unseren beiden vier- und siebenjährigen Kindern zu Hause wartete und nicht wusste, ob wir uns je wiedersehen würden, erhielt aus Bern die bittere Nachricht, dass ich nicht unter den Freigelassenen sei.

Die schmerzliche Trennung von der Familie und die Todesängste als Geisel, die ich im späteren Verlauf der Zerqa-Krise ausstand, waren das Schlimmste.

Was passierte mit Ihnen?

Zusammen mit ein paar Dutzend weiteren Passagieren und der Besatzung wurden wir vorerst rund eine Woche im Flugzeug festgehalten.

Wie wurden Sie behandelt?

Die Fedajin behandelten uns anständig. Und das Rote Kreuz durfte uns zeitweilig Verpflegung und Medikamente bringen, und ich konnte einem der Mitarbeiter sogar eine Karte an meine Frau mitgeben. In der Freitagnacht dieser ersten Woche aber wurde es hochgefährlich.

Weshalb?

In jener Nacht wurde der israelische Befreiungsschlag erwartet. 14-jährige Kämpfer standen weinend vor Angst mit entsicherten Handgranaten in unseren Fliegern. Sie hätten sich und uns bei einem Eingreifen der Israeli in die Luft sprengen müssen.

Wir glaubten kaum noch, dass wir diese Nacht überleben würden. Gott sei Dank passierte dann aber nichts. Tags darauf wurden stattdessen fast alle verbliebenen Passagiere der drei entführten Maschinen mit Bussen abgeholt und freigelassen und die Flugzeuge in die Luft gesprengt.

Aber Sie waren wieder nicht unter den Freigelassenen.

Richtig. Ich war zwar auch mit jener Fahrzeugkolonne in die vermeintliche Freiheit unterwegs. Unser VW-Bus, in dem ich mit Pilot, Co-Pilot, Bordingenieur und einigen wenigen Passagieren der DC-8 sass, aber scherte mit ein paar weiteren Fahrzeugen plötzlich aus und schlug eine andere Richtung ein. Aber schon vor unserer Wegfahrt war es zu einer heiklen Situation gekommen.

Was war geschehen?

Zwischen den Palästinensern und den jordanischen Truppen herrschte damals Bürgerkrieg. Und unser VW-Bus konnte erst gar nicht losfahren.

Wir waren von jordanischen Panzertruppen umzingelt worden. Da fühlte ich im vollgestopften VW-Bus den kalten Lauf der Maschinenpistole meines Bewachers im Nacken.

Wir Geiseln waren zum Schutzschild unserer Entführer geworden. Das jordanische Militär liess uns wohl auch nur deshalb abziehen.

Wohin ging die Odyssee dann?

Wir fuhren durch zerschossene Dörfer in ein Flüchtlingslager. Bei der Ankunft wurden wir von den Insassen beschimpft und bespuckt.

Wir mussten dort auf Englisch Briefe an Persönlichkeiten in der Schweiz schreiben und sie um die Freilassung der drei inhaftierten Attentäter von Kloten bitten.

Später wurden wir mit etwa einem Dutzend Engländer aus einem der anderen Flugzeuge mit verbundenen Augen in immer neue Verstecke und Verschläge gebracht.

Wir waren auf engstem Raum eingepfercht und mussten mit wenig Nahrung und zwei Bechern Wasser pro Person und Tag auskommen. Zwischenmenschlich kam es unter den Geiseln zu unschönen Vorkommnissen.

Wann war für Sie die Tortur zu Ende?

Knapp drei Wochen nach der Entführung. Wir alle lagen in einem Ziegenstall. In unmittelbarer Nähe schlugen die Granaten der angreifenden jordanischen Truppen ein. Der Lärm von Maschinengewehren war zu hören.

Ich rechnete noch mit einer Überlebenschance von vielleicht 20 Prozent. Dann verschwanden unsere Bewacher plötzlich.

Ein Oberleutnant der jordanischen Armee stürmte in den Innenhof und schoss wild um sich, wohl in der Annahme, dass sich noch Verteidiger im Hof befänden.

Wir schwenkten unsere schmutzigen Taschentücher und wurden befreit. Ich umarmte den bärtigen Oberleutnant, der uns gerettet hatte, wie ich noch nie einen Mann umarmt habe.

Wie war der Empfang in der Schweiz?

Wir landeten dann am 26. September in Kloten, wo wir von Behörden und zahlreichen Medienleuten empfangen wurden.

Ich hatte immer noch das Köfferchen mit dem Budget 71 dabei. Ich war sehr froh, als ich dort meinen Vater wieder sah, zusammen mit einem ihm bekannten Polizisten. Dieser schleuste uns durch einen Hinterausgang.

Meine Frau, die Kinder und ich waren natürlich überglücklich, als wir uns zu Hause wieder in die Arme nehmen durften.

Das geheime Abkommen

Nach Recherchen des NZZ-Journalisten Marcel Gyr soll der SP-Bundesrat Pierre Graber 1970 auf Vermittlung des damaligen SP-Nationalrats Jean Ziegler ein geheimes Stillhalteabkommen mit der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) ausgehandelt haben.

Damit wollte er weitere Terroranschläge verhindern. Die Schweiz war zuvor von mehreren Attentaten betroffen gewesen.

So starben bei einem Bombenanschlag auf eine Swissair-Maschine 47 Menschen bei Würenlingen. Die PLO-Splittergruppe PFLP, die Volksfront zur Befreiung Palästinas, bekannte sich dazu.


Die PLO soll Graber garantiert haben, dass keine weiteren Anschläge auf Schweizer Ziele verübt würden. Im Gegenzug habe die Schweiz die PLO dabei unterstützt, bei der UNO in Genf ein Büro zu eröffnen.

Womöglich wegen dieses Deals wurden auch die mutmasslichen Attentäter von Würenlingen nie zur Rechenschaft gezogen.

Mittlerweile wird das Stillhalteabkommen allerdings von diversen Zeitzeugen bestritten und selbst Ziegler hat seine Aussagen teilweise revidiert.

Norbert Kuster

Norbert Kuster ist 1936 geboren und lebt seit 1962 in Wädenswil. Er gehörte 1970 zu insgesamt 400 Geiseln, die von der PLO-Splittergruppe Volksfront für die Befreiung Palästinas nach Zerqa in Jordanien entführt wurden.

Als Vertreter der CVP gehörte Kuster von 1970 bis 1974 dem Gemeinde- und von 1974 bis 1986 dem Stadtrat von Wädenswil an. Von 1983 bis 1991 war er Kantonsrat.

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