Uitikon
Nonsens und Tiefsinn liegen nahe beieinander: Tony Ettlin spielt mit Wörtern

Der 67-jährige Autor Tony Ettlin ist ein Wortakrobat mit einer spannenden eigenen Geschichte.

Ly Vuong
Merken
Drucken
Teilen
Tony Ettlin mischt Buchstaben zu neuen Wörtern. Was dabei herauskommt, ist weit mehr als Nonsens.

Tony Ettlin mischt Buchstaben zu neuen Wörtern. Was dabei herauskommt, ist weit mehr als Nonsens.

Ly Vuong

Wenn Tony Ettlin mit dem Uitiker Motto spielt, wird es schnell ziemlich lustig. Heisst es im Original noch sachlich «Uitikon, die Gemeinde mit Weitsicht», so macht der 67-jährige Uitiker daraus im Handumdrehen «Uitikon ist die mit dem weichen Teig» oder «Deine Mutti ist wie Gedichte im Kino» – einfach, indem er die Buchstaben so vertauscht, dass neue Wörter entstehen. Aus den 30 Buchstaben hat der Autor zehn Sätze gebildet, die er am Donnerstagabend präsentieren wird, wenn er in der Gemeindebibliothek eigene Geschichten vorliest. Beim Satz «Wie die Musik Tote im Dichten einigt» ist man sich dann endgültig nicht mehr sicher, ob das Ganze Nonsens oder Tiefsinn ist.

Buddhistisches Denken

Dass es gleichzeitig beides sein könnte, kommt nicht von ungefähr. «Gleichzeitig sein und nicht sein, hier und dort sein, Materie und Welle sein, hat der Buddhismus mit dem Konzept der Leerheit schon vor 2500 Jahren beschrieben», erklärt Ettlin, der in Stans aufgewachsen ist. Zusammen mit seiner Frau Christa organisiert er Vorträge über buddhistisches und westliches Denken. Die Erkenntnisse aus den Referaten fliessen auch in seine Arbeit als Autor ein. Dem Verstand seien Grenzen gesetzt. Dieses Bewusstsein der Relativität verleiht seinen Texten eine gewisse Leichtigkeit.

Lesung

«Uitikon ist die mit dem weichen Teig». Ein Abend mit Tony Ettlin und dem Musikerduo Air Collage. Donnerstagabend, 20 Uhr, Gemeindebibliothek

Als er 2002 aufgrund einer Hüftoperation überraschend Zeit bekam und nicht mehr als selbstständiger Berater für Unternehmensprozesse arbeiten konnte, beschloss Ettlin, die Geschichten rund um seine Kindheit aufzuschreiben. Daraus entstand das 2007 im Limmatverlag erschienene Buch «Blätterteig und Völkerball. Eine Kindheit im Schatten des Stanserhorns». Darin verarbeitete Ettlin die Erfahrung von Einsamkeit und Ohnmacht gegenüber der Welt der Erwachsenen. Sein Vater wollte unbedingt die Bäckerei in der Schmiedgasse führen. Die Mutter wäre gerne Bäuerin geblieben.

Eine konfliktreiche Familienkonstellation manifestiert sich in seinen Kindheitserinnerungen der 1960er-Jahre. Darüber hinaus enthält das Buch auch Geschichten, die sich rund um die Schmiedgasse selbst ranken. Als nach dem Zweiten Weltkrieg einige Familien als Nazi-Freunde denunziert wurden, verdächtigte man Bewohner der Schmiedgasse als Urheber. Das Arbeiterviertel rief daraufhin die «Freie Republik Schmiedgasse» aus. Seitdem kokettieren die Schmiedgässler damit, dass in der Republik andere Gesetze gelten würden.

Stanser Schalk

«Schmiedgässler sind bekannt für ihre Schlitzohrigkeit», sagt Ettlin. In seinen Texten fänden sich deshalb auch viel Schalk und Selbstironie. Seine kreative Ader habe auch mit den bescheidenen Verhältnissen zu tun, in denen er aufgewachsen sei. Die Kinder mussten sich die Spiele selber basteln oder ausdenken. Auch das Schreiben entdeckte Ettlin früh. Schon im Alter von sieben Jahren schrieb er Gedichte über seine Grossmutter, die an Silvester Geburtstag hatte und ein Original war. Auch heute noch stellt Ettlin sein Schreibtalent in den Dienst des Cabarets, wenn er etwa im Kollegenkreis Protokolle über Velo- und Wandertouren in Gedichtform verfasst.

Ettlin schreibt auch im Stanser Dialekt. Als Vorbilder für Dialektfassungen nennt er Mani Matter und Pedro Lenz. Beim Schriftsteller Gerhard Meier bewundere er die poetische Sprache, Peter Bichsel stehe bei ihm auch hoch im Kurs. Das Vorwort zu «Blätterteig und Völkerball» schrieb Peter von Matt, der selbst ein paar Strassen weiter von der Schmiedgasse aufwuchs und 13 Jahre älter als Ettlin ist.