Limmattal
Noch finden Patienten einen Hausarzt – doch bald könnte es prekär werden

Viele Ärzte werden im Limmattal bald pensioniert – Gemeinschaftspraxen und die Notfallaufnahme des Spitals entlasten die Situation – vorerst.

Anina Gepp
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Im Limmattal gibt über 70 Hausärzte. Obwohl viele überlastet sind, nehmen die Mediziner nach wie vor neue Patienten auf.

Im Limmattal gibt über 70 Hausärzte. Obwohl viele überlastet sind, nehmen die Mediziner nach wie vor neue Patienten auf.

Hanspeter Baertschi

Die Schweizer Städte kämpfen mit dem Ärztemangel. Immer mehr Hausärzte sind überlastet und neue Patienten müssen abgewiesen werden. Das Beispiel Zürich zeigt: Nur noch 32 der gesamt fast 200 Hausärzte nehmen noch Neukunden auf. Und die Situation spitzt sich zu: 2030 werden laut dem Schweizer Gesundheitsobservatorium im Jahr nur noch zwei von drei Arztterminen durch einen Mediziner gedeckt werden können.

Wer im Bezirk Dietikon heute einen neuen Hausarzt braucht, findet bislang zwar noch auf sicher einen Platz. Kelly Neumayer ist Medizinische Praxisassistentin in der Praxis von Johannes Häfner in Dietikon und bestätigt: «Wir nehmen noch neue Patienten auf.» Wie lange dies noch der Fall sein werde, sei aber ungewiss. Viele Hausärzte stünden kurz vor der Pensionierung, und Nachwuchs zu finden, gestalte sich schwierig.

Auch in der Praxis von Patrick Stanek, Hausarzt in Dietikon, werden nach wie vor neue Patienten genommen. «Wir sind aber vollkommen überlastet», sagt die Medizinische Praxisassistentin Beatrice Müller. Es könne durchaus vorkommen, dass man ab und an Patienten abweisen müsse. Man nehme vor allem noch Familienmitglieder von bestehenden Patienten auf.

Das Hauptproblem sei, dass die Leute heute viel früher zum Arzt gehen. Wegen jeder kleinen Erkältung oder ein bisschen Hals- und Kopfweh konsultiere man den Hausarzt, so Müller. Was jetzt noch zu bewerkstelligen sei, könne schon in ein paar Jahren ganz anders aussehen.

Dass die Zahl der Hausärzte in der Schweiz abnimmt, ist kein Geheimnis. Viele Ärzte, die in Pension gehen, müssen die Praxis schliessen. Junge dafür zu begeistern, Hausarzt zu werden, wird immer schwieriger. Zu gross ist die Angst, eine eigene Praxis zu führen und die volle Verantwortung dafür zu tragen. Zudem verdienen Hausärzte laut der Ärzte-Lohnliste am wenigsten, und auch die langen Arbeitszeiten schrecken die jungen Medizinabgänger ab.

Murat Kara, der seit Januar dieses Jahres als Hausarzt in Dietikon praktiziert, ist deshalb überzeugt: «Gemeinschaftspraxen sind die Zukunft.» Durch die Neueröffnung des Ärztezentrums an der Grünaustrasse in Dietikon diesen Juni könne die Hausarztknappheit im Limmattal – zumindest vorerst – bewerkstelligt werden. Kara hat selbst in einer solchen Gemeinschaftspraxis praktiziert, bevor er seine eigene eröffnet hat. Ein klarer Vorteil der Mehrärzteschaft sei es, sich die Stellenprozente mit seinen Kollegen teilen zu können. Das komme vor allem weiblichen Medizinern entgegen, die eine Familie planen möchten.

Zudem teile man sich neben den Kosten auch die Verantwortung mit den anderen Ärzten. Aus Patientensicht gebe es jedoch einen entscheidenden Nachteil. «Ich höre oft, dass meinen Patienten eine Vertrauensperson wichtig ist», sagt er. Weil es in einer Gemeinschaftspraxis aber oft zu Personalwechsel komme, sei der Kontakt eher unpersönlich. Auch Müller glaubt, dass Gemeinschaftspraxen das Modell der Zukunft sind. Sie seien exakt auf die Bedürfnisse junger Patienten zugeschnitten. Die verlängerten Öffnungszeiten ermöglichten es Berufstätigen, auch nach Feierabend noch zum Arzt zu gehen. Zudem brauche man nicht zwingend einen Termin.

Notaufnahme im Spital beliebter

Neben der neuen Walk-in-Praxis an der Grünaustrasse, die es Patienten ermöglicht, ohne Voranmeldung vorbeizukommen, ist auch die Notaufnahme im Spital zusehends eine beliebte Alternative. Wer mit Grippe oder Rückenschmerzen ohne Hausarzt dasteht, sucht oft die Notfallpraxis des Spitals Limmattal auf. Hier werden leicht erkrankte und verletzte Personen aufgenommen. Die Zahl der Patienten steigt hier jährlich im einstelligen Prozentbereich an. In den Grippemonaten Anfang Jahr seien es jeweils noch mehr, sagt Hans Matter, Chefarzt Institut für klinische Notfallmedizin.

Für die steigenden Konsultationen gebe es sicher mehrere Gründe: Unter anderem könne dies darauf zurückgeführt werden, dass Patienten kurzfristig keinen Termin beim Hausarzt erhalten. «Es gibt beispielsweise aber auch immer mehr Patienten, die keinen eigenen Hausarzt mehr haben», so Matter. Aus diesem Grund gibt es in verschiedenen Spitälern, auch im «Limmi» und im Kantonsspital Baden, Hausarztpraxen.

Ein weiterer Lösungsansatz für dieses Problem bieten auch vier Limmattaler Hausärzte. Sie gründeten 2014 ein Netzwerk von Gruppenpraxen und planen unter anderem eine Hausarztpraxis und eine Walk-in-Praxis in Dietikon. Mit beteiligt am Projekt sind der Urdorfer Hausarzt Florian Schmitt, der Dietiker Arzt René Schmid, der Birmensdorfer Arzt Hannes Brugger und Christopher Meerwein aus Urdorf. Bis Anfang 2016 soll die Hausarztpraxis im Limmatfeld Eröffnung feiern. Damit soll einerseits sichergestellt werden, dass der Limmattaler Bevölkerung in Zukunft genügend Hausärzte zur Verfügung stehen. Andererseits werden so moderne Arbeitsplätze geschaffen für die nächste Ärztegeneration.