Die Mitteilung der Stadt Schlieren ist kurz. Otto Heinz Walther, ein verstorbener Schlieremer Bürger, habe in seinem Testament die Gründung einer Stiftung veranlasst. Diese werde der Stadt künftig jährlich einen Betrag von 50 000 Franken zur Verfügung stellen, der zugunsten von Kranken, Behinderten, von Armut betroffenen Arbeitslosen und Jugendlichen in Notlagen eingesetzt werden dürfe. Die Zürcher Kantonalbank, die mit der Gründung der Stiftung betraut ist, habe angefragt, ob die Stadt bereit sei, eine Person in den Stiftungsrat abzuordnen.

Mit SVP-Stadtrat Christian Meier hat der Ressortvorsteher Alter und Soziales diese Aufgabe übernommen. Meiers Abteilung sei dafür geeignet, weil die Mehrheit der begünstigen Gruppen von diesem Ressort vertreten wird, schreibt die Stadt weiter. Über die Biografie von Otto Heinz Walther ist in der Mitteilung jedoch nicht viel zu lesen. Der Stadtverwaltung scheint der edle Spender nicht näher bekannt zu sein. Nur seine ehemalige Wohnadresse wird genannt: Stationsstrasse 10 in Schlieren.

Ein ähnlich diffuses Bild zeichnet die Todesanzeige, die nach Walthers Ableben im November 2013 veröffentlicht wurde. Nach einem langen und erfüllten Leben habe sich sein Lebenskreis geschlossen. Sein lebenslanges Heim an der Stationsstrasse habe er kurz vor seinem Tod in junge Hände übergeben. Gezeichnet ist die Todesanzeige von «Freunden und Bekannten». Wer das ist, bleibt ein Geheimnis.

Ferien auf der Insel Sylt

Das Haus an der Stationsstrasse 10 ist ein schmuckes Einfamilienhaus mit Umschwung. Die Nachbarin, die sich im Auftrag der Familie um den Garten kümmerte, kannte den edlen Spender nur flüchtig. Er habe nicht viel gesprochen, vielleicht einmal von seinen Ferien auf der deutschen Insel Sylt erzählt. Dort habe es ihm sehr gut gefallen, weiss eine andere Nachbarin. Viel besser kennt aber auch sie den Schlieremer nicht. Wie weitere Nachbarn berichtet sie, dass Walther zurückgezogen gelebt hat und nur wenig persönliche Kontakte pflegte. «Er war ein freundlicher und netter, aber distanzierter Mann», sagt eine weitere Nachbarin. Privat sei Walther kulturell interessiert gewesen. Er habe oft die Oper besucht und sei viel in der Welt herumgekommen.

Wo Walther gearbeitet hat, ist nicht bekannt. Auch über seine Ausbildung lässt sich nichts sagen. Er sei aber ein intelligenter Mann gewesen, erinnert sich eine Nachbarin. Sein Vater Otto, der aus dem bernischen Kehrsatz zugewandert ist, war als Konstrukteur bei der Schweizerischen Wagons- und Aufzügefabrik AG in Schlieren tätig, wie in der Hauszeitung der Firma vom Mai 1956 zu lesen ist.

Verwendung noch nicht klar

Im November 2013 ist Walther im Alter von 92 Jahren im Pflegezentrum des Spitals Limmattal verstorben. Er wurde auf dem Friedhof Schlieren im Familiengrab bestattet, wo auch sein Bruder Peter liegt, der in jungen Jahren gestorben ist. Direkte Nachkommen hat Walther nicht, weswegen er 2006 ein Testament aufsetzen liess. Darin hat er neben anderen gemeinnützigen Organisationen auch die Stadt Schlieren bedacht. Eine noble Geste. «Wir werden das Geld für spezielle Zwecke einsetzen», sagt Stadtrat Meier auf Anfrage. Es sei aber noch nicht klar, wofür die Stadt den Betrag verwenden werde. Meier will erst einmal die Sitzung des neuen Stiftungsrates abwarten, dessen erste Zusammenkunft noch im Mai stattfinden wird. Danach werden möglicherweise weitere Details über den fast unbekannten Schlieremer Gönner publik.