Dietikon
Nirgendwo ist er lieber als an der Orgel

Bernhard Hörler spielt jeden Freitag in der Kirche St. Agatha – heute aber feiert er ein besonderes Jubiläum.

Anina Gepp
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Schon seit er neun Jahre alt ist, spielt Bernhard Hörler auf der Orgel in der Kirche St. Agatha in Dietikon.

Schon seit er neun Jahre alt ist, spielt Bernhard Hörler auf der Orgel in der Kirche St. Agatha in Dietikon.

az Langenthaler Tagblatt

Bernhard Hörlers Berufswunsch stand schon fest, als er mit seinen Füssen noch nicht einmal bis zu den Pedalen einer Orgel gelangen konnte. Mit neun Jahren erhielt er dann endlich die langersehnte erste Orgelstunde.

Hildegard Haeseli war es, die dem Burschen damals das Spielen in der St. Agathakirche in Dietikon beibrachte. Auf derselben Orgel, an der Hörler seit über zwanzig Jahren bis heute Sonntag für Sonntag sitzt und am Gottesdienst musiziert.

Über die lange Zeit hinweg sind die Kirche und der Platz oben auf der Tribüne am geschichtsträchtigen Instrument das zweite Zuhause des Dietikers geworden. Jedes einzelne Mal, an dem er auf der Orgel spiele, sei für ihn ein Highlight, sagt Hörler und lässt seinen Blick durch die Kirche schweifen.

Wenn er hier so sitze, habe er den Überblick über das ganze Geschehen. Er sehe die Dirigentin, den Chor, den Pfarrer und das Publikum und könne sich keinen Ort vorstellen, an dem er lieber spielen würde, so Hörler.

Oft würden ihn die Leute fragen, weshalb er gerade in Dietikon als Organist tätig ist, wenn er doch auch in Zürich oder Luzern musizieren könnte. Doch der Musiker winkt jedes Mal ab.

Es sei schön, etwas aufbauen zu können. So wie die Feierabendmusik, die er vor 13 Jahren ins Leben gerufen habe. Sie sei mittlerweile eine Institution geworden. «Die Zuhörer kommen von weit weg, nur um mein Orgelspiel zu hören», so Hörler.

Jeden Freitagabend von den Ostern bis zu den Sommerferien und vom September bis zur Fastenzeit spielt Hörler in der St.-Agatha-Kirche Dietikon ein zwanzigminütiges Feierabendkonzert.

In der Kirche pflegt er vor allem die romantische Orgelliteratur, wobei er auch gerne Raritäten spielt oder improvisiert. Letzteres macht er besonders gerne mit seinem Kollegen Jörg Frei an der Panflöte.

Heute werden die beiden gemeinsam auftreten. Bereits seit 30 Jahren musizieren die Männer gemeinsam und dieses Jubiläum wollen sie feiern. «Wir verstehen uns blind. Wenn zum Beispiel jemandem ein Lapsus passiert, gleicht ihn der andere so gekonnt aus, dass das Publikum gar nichts davon mitbekommt», sagt Hörler und lacht.

Doch es ist nicht nur der Klang der Orgel, der den Dietiker begeistert. Als Organologe setzt Hörler sich auch mit der Geschichte des Instruments intensiv auseinander. Immer wieder erscheinen Artikel von ihm in Fachzeitschriften.

Seit 2006 schreibt er zudem an der Geschichte der bedeutenden Luzerner Orgelbauerdynastie Goll, die die Schweiz, viele europäische Länder und sogar Kolumbien mit Orgeln beliefert hat.

Das wissenschaftliche Buch zählt inzwischen schon über 2600 Seiten und soll noch dieses Jahr fertig werden. 627 Orgeln hat Hörler dafür portraitiert und besucht. Neben seiner Tätigkeit als Organist und Autor findet Hörler aber auch immer noch Zeit, diverse auswärtige Konzerte zu geben.

Alleine im letzten Monat waren es 12 Stück. Zu viel wird es dem Musiker aber nie. Sein Beruf sei sein grösstes Hobby. Nach dem Orgelspiel sei er immer regeneriert. «Musik hat für mich etwas Heilsames», sagt er. Er sei auch schon mit Fieber an eine Probe und danach gesund wieder nach Hause gegangen.

Orgeln von 1960 findet er schrecklich

Besonders gerne denkt Hörler an einen Anlass im Fraumünster zurück, als er ein Privatkonzert auf einer Hochzeitsfeier geben durfte. Auch der Auftritt im St. Galler Dom sei wunderbar gewesen. Grundsätzlich spiele er gerne auf Orgeln mit einem schönen, vollen Klang. Im Jahr 1960 seien Instrumente gebaut worden, die extrem schrill seien. «Das ist schrecklich.» Seine Orgel in Dietikon hingegen findet er wunderbar. Seit der Renovation im Jahr 1999 klinge sie noch besser. Zudem sei es praktisch, dass der Spieltisch des Instrumentes freistehend ist. In anderen Kirchen sei es häufig so, dass dieser direkt an der Orgel angebracht ist, sodass man keine Aussicht hat, sagt er.

Seine Faszination für das Orgelspielen wollte Hörler lange auch an Schüler der Musikschule Merenschwand weitergegeben. Die meisten von ihnen besuchten bei ihm jedoch lieber Keyboard- und Klavierunterricht. Junge Musiker, die Orgel spielten, könne er an einer Hand abzählen. Da viele Jugendliche keinen Bezug mehr zur Kirche hätten, ginge das Interesse am Orgelspiel immer mehr verloren, sagt er.

Dennoch: Die Zuhörer der Feierabendmusik in der St.-Agatha-Kirche sind in den letzten Jahren nicht weniger geworden – im Gegenteil. In der vergangenen Wintersaison seien im Schnitt knapp 60 Leute gekommen, so Hörler. Das sei ein neuer Rekord.

Obwohl er seine Finger bereits heute Abend wieder über die Tasten wandern lassen wird, lässt es sich Hörler nicht nehmen, eine Improvisation zum Besten zu geben. Und kaum erklingt die Orgel, ist der Musiker in seiner Welt. Plötzlich gibt es nur noch ihn und sein Instrument.

Heute Abend um 18.40 Uhr spielt Bernhard Hörler gemeinsam mit Jörg Frei zum 30-jährigen Jubiläum in der Kirche St. Agatha in Dietikon.